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Hintergrund Reformpädagogik

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Reformpädagogik Reformschulen kritisch gesehen

Kleinere Klassen, große Räume, entdeckendes Lernen, viel Zeit: ein Traum für Lehrer. Nur wehren sich Lehrer gegen das Schwarz-Weiß-Denken: die gute, menschliche reformpädagogische Schule gegen die böse, unmenschliche Regelschule.

Stand: 12.08.2015

Zwei Schülerinnen beim Schulsport | Bild: Franconian International School

Der Frontalunterricht gehört wohl in den allermeisten deutschen Grundschulen der Vergangenheit an. Ein Lehrer hat heute viel mehr Gestaltungsmöglichkeiten und Freiheiten. Wichtig ist den meisten Pädagogen allerdings die Leistungsbewertung in der Schule.

"Schule muss Kinder auch auf den Existenzkampf vorbereiten."

Zitat einer Lehrerin an einer staatlichen Grundschule

Bis in die 1980er-Jahre hinein gab es noch heftige Diskussionen darüber, ob Reformschulen überhaupt nötig sind. Viele waren dagegen, aber es gebe von Elternseite auch Bedürfnisse, die nur durch eine Vielzahl unterschiedlicher Schultypen abgedeckt werden, so die Argumentation der Befürworter. Letztendlich führte schließlich auch das schlechte Abschneiden der Schülerinnen und Schüler in den PISA-Studien zu einer Neuentdeckung der Reformpädagogik. Das selbstständige Lernen, das in den Studien eingefordert wurde, wurde mittlerweile auch von den Regelschulen mehr und mehr übernommen.

Montessori in städtischen Einrichtungen

Formen erkennen lernen, mit dem eigens entwickelten Montessori-Material.

Eleonore Hartl-Grötsch, die im Münchner Referat für Bildung und Sport für Kindertageseinrichtungen zuständig ist, betont, dass in Bayern seit den frühen 1970er-Jahren Gesetz ist, was sich Maria Montessori wünschte: Die Kinder sollen vieles selbst tun können, in einer kindgerechten, "vorbereiteten" Umgebung. Viele Elemente Montessoris wurden in die Kitas und zum Teil auch in die Grundschulen übernommen.

Gemeinsam leben und lernen

Jüngere Kinder suchen sich ihre Freunde meist in der Nachbarschaft.

Es gibt rund 16.000 bayerische Montessori-, Waldorf- und Jenaplanschüler gegenüber knapp 700.000 Grund- und Hauptschüler in staatlichen Schulen. Privatschüler können ihre Schule durchaus also als etwas Besonderes ansehen. Aus eben diesem Grund raten Erziehungswissenschaftler häufig von dem Besuch einer reformpädagogischen Schule ab. Sie sind der Überzeugung, dass Grundschulkinder lieber eine Schule in der Nachbarschaft besuchen sollten. Denn jüngere Kinder haben einen kleinen Bewegungsradius und viele Kontakte in der Nachbarschaft, und das könnte ein genauso wichtiges Argument sein wie die Form der Schule. Entscheidend sei die Freude am Stoff und der Umgang mit dem Lernen und nicht, ob der Schüler eine staatliche oder eine private Schule besuche.

Gegen soziale Trennung

Montessori-Schülerinnen während der Freiarbeit

Außerdem bezahlen Eltern an einer Privatschule Schulgeld. Trotz Ermäßigungen und Fördermitteln für arme Familien treffen sich hier, wie in allen Privatschulen, vor allem Kinder aus den oberen Schichten. Völlig unzulässig findet dies Ingo Richter, der ehemalige Leiter des Deutschen Jugendinstituts in München. Schließlich stehe im Grundgesetz Artikel sieben, dass Privatschulen nur genehmigt werden dürfen, wenn eine Sondierung der Schüler nach den finanziellen Verhältnissen der Eltern nicht gefördert wird.

Realitätsfremde Menschen

Wird zu wenig Naturwissenschaften in Waldorfschulen unterrichtet?

Reformpädagogischen Schulen wird häufig vorgeworfen, dass sie Menschen ins Leben entlassen, die mit der Realität in unserer Leistungsgesellschaft nicht zurechtkommen. Aufgrund der Geringschätzung von Mathematik und Naturwissenschaften in den Waldorfschulen formiert sich zunehmend Kritik auch aus den eigenen Reihen. Vor allem aber der Mystizismus der Lehre Rudolf Steiners steht in der Kritik.

Mangel an Sachkompetenz

Barbara Mergner vom Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien beklagt, es sei nicht leicht, den Grundgedanken der freien Entfaltung mit den traditionellen Bildungsmaßstäben zu verknüpfen. Schülerinnen und Schülern der Jenaplanschule Jena bescheinigte Mergner beim Übertritt auf das Gymnasium, sie seien "spitze in Selbstkompetenz, Sozialkompetenz und Methodenkompetenz. Es fehle ihnen aber eindeutig an Sachkompetenz."


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