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Krill in der Antarktis Grüne Kathedralen im eiskalten Polarmeer

Jeden Winter friert die Antarktis auf einem Gebiet zu, das doppelt so groß wie die USA ist. Für Krill ist das überlebensnotwendig. Denn nur so entsteht eine geheimnisvolle Unterwasserwelt voller Algen. Mitten im Packeis.

Stand: 16.10.2013

Taucher unter Meereis, das von eingeschlossenen Algen grün gefärbt ist. | Bild: AWI/Jerome Maison

Krill ist eine garnelenartige Krebsart und hat zusammengenommen wahrscheinlich die höchste Biomasse aller wildlebender Tiere der Welt. Es bildet die Nahrungsgrundlage für Pinguine, Robben und Wale. Stellt sich die Frage: Was macht Krill eigentlich im antarktischen Winter, wenn die Meeresoberfläche zugefroren ist? Das müsste nämlich eigentlich bedeuten, dass sich auch die Algen rar machen. Um diese Frage zu beantworten, haben sich Forscherinnen und Forscher des Alfred-Wegener-Instituts für drei Monate ins Weddelmeer aufgemacht. Jetzt sind sie mit spektakulären Aufnahmen zurückgekehrt.

Ein umgedrehtes Riff

Unter der Eisdecke herrscht dichtes Leben.

Die wichtigste Erkenntnis von AWI-Biologin und Expeditionsleiterin Bettina Meyer und ihrem Team nach mehreren Tauchgängen: Das Eis ist von unten gesehen sehr komplex und bildet dort, wo sich eine Eisscholle über eine andere geschoben hat, Höhlen und Terrassen. So entsteht unter dem Eis ein komplexer Lebensraum, ganz ähnlich wie bei einem Riff.

"Das Licht, das durch den Schnee und das Eis dringt, reicht aus, um diesem Lebensraum die Atmosphäre einer gotischen Kathedrale zu verleihen, wunderschöne Blau- und Grüntöne des Ozeans verbinden sich mit dem Weiß des Eises, in das fleckenhaft Braun und Gelbtöne eingebettet sind."

Dr. Ulrich Freier, AWI, Leiter der Tauchgruppe

Die verschiedene Farben an der Unterseite des Eispanzers kommen von den Algen, die hier wachsen. Ideale Nahrungsgründe für Krilllarven und jungen Krill. An einigen Stellen fanden die Forscherinnen und Forscher bis zu 10.000 Tiere pro Quadratmeter vor. Am liebsten halten sie sich in den Höhlen oder Terrassen auf, dort sind sie geschützt und können nicht mit dem Wasserstrom wegdriften.

Innere Uhr

Krill | Bild: AWI

Nur tagsüber wird gefressen.

Gefressen wird vorwiegend tagsüber, die Krebse grasen die Eisunterseite förmlich ab. Nachts ziehen sie sich ins freie Wasser zurück, in ein Gebiet in etwa 20 Metern Wassertiefe. Denn wenn es dunkel wird, kommen die Räuber, die es auf den nahrhaften Krill abgesehen haben. Solche tageszeitlichen Wanderungen des jungen Krills hat bisher noch niemand nachweisen können, es könnte ein Hinweis darauf sein, dass schon Krilllarven eine innere Uhr haben.

Eis ist überlebensnotwendig für Krill

Die Forscherinnen und Forscher bestätigen damit die Bedeutung des Meereises für den Lebenszyklus des Krills. Denn nur so entstehen die großen Algenflächen und Verstecke, in denen sich die Krebse aufhalten können.

"Krill scheint auf Meereis angewiesen zu sein, das ausreichend früh im Jahr gebildet wird."

Dr. Bettina Meyer, Expeditionsleiterin AWI

Je später das Eis zufriert, desto weniger Zeit haben die Krilllarven, um sich zu entwickeln.

Seit einigen Jahren hat das Krillvorkommen in der Antarktis stark abgenommen. Wahrscheinlich auch, weil das Wasser immer wärmer wird und sich so im Winter die Eisdecke später und schlechter ausbilden kann. Die Krilllarven müssen dann verhungern.


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