Ötzi, Mann aus dem Eis Auf den Zahn gefühlt
Sein Erbgut ist entschlüsselt, die Todesursache geklärt, trotzdem sorgt Ötzi immer wieder für Überraschungen. Zuletzt haben Forscher sein Gebiss untersucht - und daraus Rückschlüsse auf sein raues Leben gezogen.
Würmer, Durchfall, Arthritis, Gefäßverkalkung, Laktoseintoleranz, gebrochene Rippen und diverse Narben - Ötzis Krankenakte ist lang. Wohl auch deshalb, weil keine andere Mumie in den letzten zwanzig Jahren so umfassend untersucht wurde wie der Mann aus dem Eis. Anfang April 2013 haben Forscher neue Leiden zutage gefördert: schlechte Zähne. Ötzis Gebiss war ein Sammelsurium aus abgenutzten und abgestorbenen Beißerchen, Parodontitis und Karies.
Ötzi litt an Paradontose
Anhand aktueller computertomografischer Aufnahmen hat der Zahnarzt Roger Seiler vom Zentrum für Evolutionäre Medizin der Universität Zürich (UZH) Ötzis Zähne untersucht. Dreidimensionale Rekonstruktionen von seinem Gebiss und seiner Mundhöhle zeigen: Vor allem an den hinteren Backenzähnen lagen die Zahnhälse frei und war sogar der Kieferknochen schon angegriffen. Hierfür könnte seine genetische Veranlagung verantwortlich gewesen sein: Parodontitis geht oft mit Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems einher - und Ötzi litt auch unter Arterienverkalkung.
Abgenutzte und abgestorbene Zähne
Eine weitere Ursache für Ötzis schlechte Zähne sehen die Forscher der UZH in seiner stärkehaltigen Ernährung. In der Jungsteinzeit wurde vermehrt Ackerbau betrieben, Brot und Getreidebrei etablierten sich auf dem Speisezettel. Doch der in der Nahrung enthaltene Abrieb der Mahlsteine, der auch in seinem Darm nachgewiesen werden konnte, hat Ötzis Zähne abgeschliffen und Karies begünstigt. Einige seiner Zähne waren aber auch unfallbedingt beschädigt: Ein Frontzahn ist vermutlich nach einem Schlag abgestorben. Ein Backenzahn hat seinen Höcker wahrscheinlich durch das Beißen auf etwas zu Hartes, vielleicht ein Steinchen im Essen, verloren.
Ötzi könnte Gerichtsmedizin weiterbringen
Wissenschaftler hatten in den vergangenen Jahren immer umfangreichere Details über die Mumie bekannt gegeben. Deutsche und italienische Forscher haben 2012 zum ersten Mal rote Blutkörperchen an der 5.300 Jahre alten Mumie entdeckt. "Dass nach so langer Zeit noch Blutkörperchen erhalten sind, war für uns eine riesige Überraschung", sagte Albert Zink. Er leitet das Institut für Mumien und den Iceman der Europäischen Akademie Bozen (EURAC). "Es gab bislang keine Erkenntnisse darüber, wie lange Blut erhalten bleibt - geschweige denn, wie menschliche Blutkörperchen aus der Kupferzeit aussehen", so Zink. Die Wissenschaftler erhoffen sich von der Blutprobe neue Erkenntnisse für die moderne Gerichtsmedizin und darüber, wie sich Blutspuren mit der Zeit verändern. Laut Zink ist es bisher kaum möglich, bei Tatortuntersuchungen das exakte Alter einer Blutspur zu bestimmen.
DNA offenbart Aussehen und Krankenakte
Humangenetiker hatten im Herbst 2011 aus einem ein Zentimeter großen Knochenstück genügend DNA gewonnen, um das gesamte Erbgut der Eismumie zu entschlüsseln. Das Ergebnis: Ötzi hatte braune Haare und braune Augen. Außerdem litt er unter einer Milchzucker-Unverträglichkeit - wie heute etwa zehn Prozent der Mitteleuropäer. Schon länger war bekannt, dass Ötzi unter Arterienverkalkung litt. Diese Krankheit wird heute vor allem auf Rauchen, fetthaltiges Essen und Bewegungsmangel zurückgeführt, eine typische Zivilisationskrankheit eben. Bei Ötzi waren offensichtlich die Gene Schuld an der Gefäßkrankheit. Darüber hinaus gehen die Forscher nach der Erbgutanalyse davon aus, dass Ötzis Vorfahren aus dem Nahen Osten eingewandert sind.
Nach Schlag auf den Kopf und Schussverletzung gestorben
Diverse weitere Leiden sollen ihn zu Lebzeiten geplagt haben: Arthritis, Würmer und Durchfall. Die Lungen schwarz vom Rauch offener Feuer. Schuld an seinem Tod war aber wohl etwas ganz anderes: Ötzi hatte auch mehrere gebrochene Rippen, die Reste eines Pfeiles steckten noch in seiner linken Schulter. "Er hat diesen Pfeilschuss nur kurze Zeit überlebt", sagt Andreas Nerlich, der Leiter eines früheren Forscherteams von der Universität München. Ötzi muss sich einen Kampf mit mehreren Menschen geliefert haben: Blut von vier unterschiedlichen Personen fanden Molekularbiologen an ihm und seiner Ausrüstung. Irgendjemand hat ihm noch einen ordentlichen Keulenschlag auf den Rücken verpasst, bevor er schließlich verblutete.
Darüber hinaus ist mittlerweile auch erwiesen, dass Ötzi ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatte, das für sich alleine schon tödlich gewesen sein könnte. Unklar bleibt aber, ob die Hirnverletzung durch einen Sturz oder einen Schlag auf den Kopf entstanden ist.
Ötzis letzte Stunden
Letzte Mahlzeit
Was hat er eigentlich getan in seiner letzten Lebensstunde, der Ötzi? Das haben rund 100 Mumienforscher bei einem Kongress in Bozen im Oktober 2011 diskutiert und sind sich einig: Der "Iceman" wurde wahrscheinlich bei einer Rast getötet, etwa eine halbe bis zwei Stunden, nachdem er noch Steinbockfleisch, Äpfel und Getreide gegessen hatte.
Letzte Rast
Warum Ötzi in rund 3.200 Metern Rast gemacht hat, und warum er getötet wurde, bleibt zwar weiter im Dunkeln - aber eines scheint klar, sagt Alber Zink, Leiter des EURAC-Instituts für Mumien und den Iceman: "Er hat sich sicher gefühlt, gerastet und ein ausgiebiges Mahl eingenommen. Bei dieser Rast ist er überrascht, erschossen und liegen gelassen worden."
Unterwegs im Frühjahr
Gestorben ist Ötzi im Frühjahr - Forscher aus Innsbruck haben in seinem Magen und Darm Pollen der Hopfenbuche gefunden.
Ötzi war kein Hirte
Im Herbst 2011 konnte auch die Theorie widerlegt werden, dass Ötzi ein Hirte gewesen sein soll. Archäologische und botanische Erkenntnisse belegen, dass die saisonale Wanderwirtschaft erst in der Bronzezeit entstanden ist. Darum gehen die Forscher jetzt davon aus, dass Ötzi wahrscheinlich ein Jäger war.
Gut ausgerüstet
Steinalter Mann der Kupferzeit
Rund 45 Jahre wurde er alt, steinalt für damalige Verhältnisse. Rund 1,60 Meter soll er groß und durchaus muskulös gewesen sein.
Strapse und Fellumhang
Seine Garderobe bestand aus Fellmütze, Fellumhang, Schuhen aus Rinderleder mit Heu als Isoliermaterial, einem Lendenschurz und ganz besonderen Beinkleidern: Leggings aus Schaffell, die mit Strapsen am Gürtel befestigt wurden.
Bestens gewappnet
Bei sich trug er außerdem eine Axt mit Kupferklinge, 14 Pfeile, einen Bogen und diverse Werkzeuge, darunter eine Ahle zum Löcherstechen, einen Bohrer, einen Dolch und Feuersteine. Derart ausgerüstet konnte er Klingen schärfen, Pfeile schnitzen, sich um seine Kleidung kümmern, Feuer machen und natürlich bestens jagen.
Ausgerüstet gegen Darmparasiten
Sogar Arzneimittel hatte der Mann aus der Kupferzeit dabei: Kugeln aus Baumpilzen sollten wohl seine Darmparasiten bekämpfen
Spektakulärer Fund in den Ötztaler Alpen
Gefunden wurde Ötzi vom Nürnberger Ehepaar Helmut und Erika Simon am 19. September 1991. Beim Abstieg aus den Ötztaler Alpen, nahe der österreichisch-italienischen Grenze, machten die beiden einen grausigen Fund: Eine braune Leiche ragte aus dem Eis. Deren Bedeutung wurde anfangs unterschätzt, nur dem Extrembergsteiger Reinhold Messner schwante früh: "Mit dem Manndl stimmt was net." Nämlich das geschätzte Alter: Anfangs mutmaßten Forscher der Universität Innsbruck, der gut erhaltene Ötzi sei höchstens 100 Jahre tot. Dann wurde er dem Mittelalter zugerechnet - und schließlich der Kupferzeit: Ötzi lebte vor mehr als 5.000 Jahren!
"Frozen Fritz" erlangt Weltruhm
"Frozen Fritz", wie er im angelsächsischen Raum genannt wird, wurde zur Weltsensation: Noch nie wurden leicht vergängliche Teile wie Fell, Holz und eben ein kompletter Leichnam gefunden, die über einen so langen Zeitraum so gut konserviert waren. Damit das so bleibt, liegt Ötzi seit 1998 bei minus 6 Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von 98 Prozent im Archäologischen Museum in Bozen.
175.000 Euro Finderlohn
Obwohl ihr Fund derart spektakulär ist, jährlich zehntausende Besucher ins Museum lockt, Wissenschaftler weltweit beflügelte und sogar dazu führte, dass die Kupferzeit um 1.000 Jahre früher datiert wurde, musste das Nürnberger Ehepaar Simon jahrelang um einen Finderlohn kämpfen: Als die Anwälte sich mit der Region Südtirol auf die Summe von 175.000 Euro einigten, war Helmut Simon bereits tot: 2004 kam er in den Salzburger Alpen um, bei einem Bergunfall.
Noch nicht alle Geheimnisse gelüftet
Zwar kennt man mittlerweile sogar Ötzis Innerstes, trotzdem sind noch viele Rätsel offen: Woher kam er genau? Gibt es gar noch Nachfahren? Was bedeuten seine 57 Tätowierungen? Und wer hat ihn schließlich umgebracht?

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