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Reformpädagogik Maria Montessori und ihre Pädagogik

Den Grundstock der bayerischen Montessori-Schulen bilden die rund 80 Volksschulen, überwiegend bestehend aus Grund- und Hauptschulen. Dort lernen Kinder und Jugendliche selbstbestimmt und nach eigenem Tempo.

Stand: 12.08.2015

Schülerinnen arbeiten mit Montessori-Material | Bild: picture-alliance/dpa

Maria Montessori, Ärztin und Pädagogin zu Beginn des 20. Jahrhunderts, versteht das Kind als ein Wesen mit eigener Individualität. Kraft seines Geistes möchte es sich zu einem unabhängigen, selbstständigen und freien Menschen entwickeln. Nicht der Erzieher weiß, was für das Kind richtig und gut ist, sondern das Kind kann sich nach seinen Bedürfnissen, gemäß seiner Entwicklung entscheiden.

Lernen mit allen Sinnen

Die Welt mit allen Sinnen begreifen, das ist die Welt der Montessori-Pädagogik.

In einem Montessori-Kindergarten lernen Drei- bis Sechsjährige das Spiel mit dem typischen Montessori-"Sinnesmaterial": rosa Turm, Perlen, Sandpapierbuchstaben. Die Welt in ihren Zusammenhängen erfassen, ihre Gesetze erfühlen, im Konkreten das Abstrakte erspüren. Mit einem Taschentuch das Rechnen lernen. Mit allen Sinnen wahrnehmen. Selbst entscheiden, wann etwas zu tun ist. Das ist die Welt der Montessori-Pädagogik. In der für die Bedürfnisse des Kindes geschaffenen "vorbereiteten" Umgebung nimmt der Erwachsene die Vermittlerfunktion ein. Er sollte jedoch nie die Eigeninitiative, Spontaneität und Freiheit des Kindes einengen.

Leben und Wirken Maria Montessoris

Ärztin und Pädagogin

Die Ärztin und Pädagogin Maria Montessori im Jahr 1919

Maria Montessori wird 1870 bei Ancona geboren. Sie ist das einzige Kind des Staatsbeamten Alessandro und der Gutsbesitzertochter Renilde Montessori, die ihre ehrgeizige Tochter unterstützt. Maria möchte Medizin studieren, das hat noch keine Italienerin vor ihr gewagt. Sie setzt sich durch, darf aber den Vorlesungssaal stets nur als Letzte betreten und in Gegenwart von Männern nackte Männerleichen weder sehen noch berühren. So ist sie gezwungen, im Fach Anatomie die Leichen nachts alleine zu sezieren. Mit 26 ist sie Doktor der Medizin, Italiens erste Ärztin und ein Star der Frauenbewegung. Ihre Lehrjahre erlebt sie in der römischen Psychiatrie, dort vollzieht sich ihr innerer Wandel von der Medizin zur Pädagogik. Als Assistentin besucht sie Irrenanstalten, um Kinder zur Behandlung auszuwählen und sieht eine Gruppe geistig behinderter Kinder, die sich in einem völlig leeren, sterilen Raum nach dem Essen auf die Brotkrumen stürzen, um mit ihnen zu spielen.

Erfolg mit Sinnesmaterial

Rechnen lernen mit Montessori-Sinnesmaterial

Maria Montessori liest die Bücher des Pariser Psychiaters Edouard Seguin, der die Idee hatte, geistig behinderte Kinder durch Ansprache an die Sinne zu fördern. Das hat Maria später in ihrem ersten Kinderhaus in Rom, dem "Casa dei Bambini", auf gesunde Kinder übertragen. Das scheinbare Spiel mit Montessori-Material ist deshalb so erfolgreich, weil die Effizienz des Lernens durch eigenes Handeln am höchsten ist. Es gelingt ihr, einigen geistig Behinderten aus dem Irrenhaus Lesen und korrektes Schreiben in Schönschrift beizubringen. Während alle die Fortschritte ihrer Schützlinge bewundern, macht sie sich Gedanken darüber, warum gesunde Kinder in den gewöhnlichen Schulen auf so niedrigem Niveau gehalten werden, dass sie bei Intelligenzprüfungen von den behinderten Schülern eingeholt werden. Den Grund sieht sie im unsinnlichen und geisttötenden Schulalltag.

Kinderhaus in Rom

Montessori-Kinderhaus in Rom im Jahr 1951

Maria Montessori entwickelt und verfeinert ihre Materialien, verlässt die Psychiatrie und kümmert sich fortan nur noch um gesunde Kinder. 1907 eröffnet sie die "Casa dei Bambini", ein Kinderhaus zur Betreuung von Vorschulkindern im Armenviertel Roms. Dort beobachtet sie eines Tages ein dreijähriges Mädchen, das so versunken mit kleinen, versenkbaren Holzzylindern spielt, dass es nicht einmal bemerkt, wie es samt Stuhl hochgehoben wird. Später nennt Maria das Phänomen: Polarisation der Aufmerksamkeit. Heute würde man sagen: äußerste Konzentration. Vor allem aber: Lernen ohne Lehrer. 1909 kommt das erste Buch Maria Montessoris heraus: "Selbsttätige Erziehung im frühen Kindesalter" (deutsche Übersetzung 1913). Ab 1909 bildet sie Schülerinnen und Schüler aus. Teilnehmer aus aller Welt besuchen ihre Kurse. In vielen Ländern werden Montessori-Einrichtungen gegründet. Während der Zeit des Nationalsozialismus sind Montessori-Einrichtungen verboten, ebenso in kommunistischen Ländern.

Leben in Indien

Maria Montessori wird von indischen Delegierten im Jahr 1949 begrüßt.

Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, befindet sich Maria Montessori mit ihrem Sohn Mario in Indien, wo sie Kurse abhält. Während des Krieges wird sie von den Alliierten in Indien interniert, darf allerdings Kurse abhalten, ihre Forschungen weiterführen und lebt in einem Ashram. Nach dem Krieg (1946) kehrt Maria Montessori mit ihrem Sohn nach Europa zurück. Sie ist fast sieben Jahre in Indien gewesen und hat dort mehr als 1.000 Lehrer ausgebildet. Bei ihrer Rückkehr ist sie bereits über 75 Jahre alt, hält aber dennoch in einigen Ländern selbst Kurse ab. Noch zu ihren Lebzeiten werden viele neue Montessori-Schulen gegründet, sie wird international geehrt und für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Wenige Monate vor ihrem 82. Geburtstag, am 6. Mai 1952, stirbt Maria Montessori in Noordwijk aan Zee.


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