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Reformpädagogik Idee der Montessori-Schulen

Das Hauptziel bei Montessori ist es, den Kindern die Freude am selbstbestimmten Lernen zu vermitteln. Maria Montessori spricht dabei von "sensiblen Phasen", in denen Kinder für bestimmte Fähigkeiten empfänglicher sind.

Stand: 12.08.2015

In einer Montessori-Schule wird heterogen, also altersgemischt unterrichtet. Häufig werden zwei Klassen zusammengefasst, manchmal auch die Klassen eins bis vier. So können sich die Schülerinnen und Schüler gegenseitig helfen und etwas erklären. Der Jüngere profitiert vom Älteren und umgekehrt.

Freiarbeit: lernen nach eigenem Tempo

Montessori-Schüler organisieren sich selbst in einer vorbereiteten Umgebung.

Kennzeichen des Montessori-Unterrichts ist die sogenannte "Freiarbeit". Sie nimmt den überwiegenden Teil der Unterrichtszeit ein, in der jeder Schüler selbst darüber entscheiden kann, wie er sie nutzen will. Ob Rechnen, Schreiben, Erdkunde, Geschichte: Jedes Kind kann selbst wählen, wie es diese Zeit sinnvoll ausfüllen möchte. In den übrigen Stunden findet konventioneller Unterricht statt, mit Angeboten, in denen die Kinder mit neuem Material oder neuen Themen bekannt gemacht werden.

Erziehung zur Selbstständigkeit

Hohe Konzentration beim Rechnen: Das Kind lernt, sich Ziele zu setzen.

In der Montessori-Pädagogik hat das Kind ein Recht auf Spontaneität und freie Entfaltung. Das Kind lernt in dieser Freiheit - zum Erstaunen vieler Erwachsener. Die einzige Forderung, die es stellt, heißt: "Hilf mir, es selbst zu tun". Und meint damit: Zeig mir, wie es geht. Aber tue es nicht für mich, ich kann und will es selbst tun. Das Kind soll sich frei entwickeln, in einer "vorbereiteten", kindgemäßen Umgebung. Also mit kleinen Möbeln, niedrigen Waschbecken, tief reichenden Fenstern und halbhohen Regalen, in denen nützliche Dinge liegen, die zum Lernen anregen. Das oberste Ziel ist die frühe Selbstständigkeit.

Das Arbeitsmaterial zum Lernen

Einsteckzylinder

Die Kinder suchen sich ihre Arbeitsmaterialien selbst aus: Holzwürfel, Perlen und Stäbe zum Rechnen, Lochbretter, Wortsetzkästen, eine Waage, Lesepuzzles, die Tobi-Fibel zum Nachzeichnen von Buchstaben oder auch Ländersteckbretter. Die Schüler lernen nach ihrem eigenen Tempo und kontrollieren auch die Ergebnisse selbst.

Rosa Turm und braune Treppe

Obwohl in den Regalen der meisten Montessori-Einrichtungen auch ganz normale Spiele liegen, greifen die Kinder am liebsten zu den hölzernen Einsatzzylindern, zu den rosa Würfeln, der braunen Treppe oder den Sandpapierbuchstaben. Dieses "Sinnesmaterial" sieht nicht nur schön aus, es fühlt sich auch interessant an: teils glatt lackiert, teils rau, dick, dünn, flach oder lang.

Sandpapierbuchstaben

Durch Schauen oder blindes Tasten bekommen die Kinder ein Gefühl für Proportionen, Farben, Formen, Gewichte und die unterschiedliche Oberflächenbeschaffenheit von Dingen. Damit schulen sie ihre Sinne. Ähnlich ist es mit dem Schreiben lernen - hier werden Buchstaben aus Sandpapier ausgeschnitten und ihre Kontur mit Fingern nachgefühlt.

Rote Stangen

Maria Montessori hat ihr Material als "grundlegend mathematisch" beschrieben, fast alles baut auf dem Dezimalsystem auf: die zehn roten Stangen, deren Länge um jeweils zehn Zentimeter zunimmt; das "goldene Perlenmaterial", das die Zahlen 10, 100, 1.000 anschaulich macht. Hier lernen die Kinder: Fühlen und abstraktes Denken in Einklang zu bringen.

Perlenmaterial

Nimmt das Kind eine Perle in die Hand und rollt sie zwischen den Fingern, greift und begreift es, was eigentlich die Zahl Eins ist. Und hält es in der anderen Hand eine aufgefädelte Reihe von zehn Perlen, dann braucht es nicht abstrakt zu überlegen, es spürt den Unterschied.

Schleifen binden

Ein weiterer Schwerpunkt bei Maria Montessori sind die "Übungen des täglichen Lebens". Da gibt es zum Beispiel mit Stoff bespannte Holzrahmen, an denen man das Knöpfen und Schleifen binden übt - ohne dass Mutter oder Vater daneben ungeduldig mit den Füßen scharren.

Lehrer - Beobachter im Hintergrund

Montessori-Material soll die Sinne ansprechen.

Der Montessori-Pädagoge hält keinen Unterricht ab, wie man ihn von der Regelschule her kennt. Er stellt ein neues Thema oder eine Aufgabe nur vor, der Rest ist dann wieder Eigenarbeit der Schüler. Die Schulbänke stehen zu Inseln gerückt, es gibt keine erste und keine letzte Reihe, Frontalunterricht findet nicht statt. Dennoch hat ein Montessori-Lehrer genug zu tun: Der eine Schüler hat Fragen zu den Sachaufgaben, der andere will das Arbeitsmaterial erklärt bekommen und mit einem Erstklässler kann der Lehrer nicht so reden wie mit einem Viertklässler.

Individuelle Fehlerkontrolle statt Zeugnisse

Eine Schülerin lernt mit Hilfe der Hundertertafel das Rechnen.

Das letzte Grundschuljahr sieht aber auch an Montessori-Schulen anders aus - schließlich hängt vor dem Übertritt in eine weiterführende Schule die staatliche Prüflatte. Die Konzession an die Regelschule lautet: Extraunterricht für die Neun- bis Zehnjährigen und viele Tests, unter denen dann auch Noten stehen. Ungewohnt, denn nach Maria Montessori sind Zeugnisbeurteilungen überflüssig. Nicht die Korrektur durch den Lehrer sei wichtig, sondern die individuelle Fehlerkontrolle, die der Schüler am Material erfährt, denn die Lösungen liegen allen Arbeitsmaterialien bei.

Schulübertritt in Bayern

Montessori-Schulen - zumeist Grund- und Hauptschulen - arbeiten nach den staatlichen Lehrplänen. Die Montessori-Hauptschulen bieten den qualifizierenden Hauptschulabschluss an. Ein Drittel der Montessori-Grundschüler wechselt aufs staatliche Gymnasium - das entspricht der Quote an staatlichen Grundschulen. Beim Wechsel in das Gymnasium oder die Realschule ist eine Aufnahmeprüfung abzulegen.

Der Montessori Landesverband kümmert sich verstärkt darum, dass Kinder bis zur Mittleren Reife oder sogar bis zum Fachabitur an der Montessori-Schule bleiben können. Darüber hinaus gibt es in Bayern ein Montessori-Gymnasium mit Internat in Biberkor (Landkreis Starnberg) und acht Montessori-Fachoberschulen (FOS/MOS), die bis zum Vollabitur führen.


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