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Weltgrößtes Experiment Massen drängeln für die Forschung

Wie viel Platz brauchen Menschen bei einer Veranstaltung, damit es nicht zum Stau kommt? Um diese Frage zu beanworten, drängeln sich in der Düsseldorfer Messehalle täglich bis zu 1.000 Probanden im Auftrag der Wissenschaft.

Stand: 20.06.2013

Oktoberfest-Eröffnung 2012 | Bild: picture-alliance/dpa

Ein Grund für diese Großexperimente ist die steigende Zahl von Großereignissen und die Frage nach der Sicherheit dort. Immer wieder kommen bei Konzerten oder Fußballspielen Menschen zuSschaden, weil sie im Gedränge eingekeilt werden. So wie bei der Tragödie, die sich bei der Duisburger Loveparade 2010 abspielte, die durch Platznot ausgelöst wurde. 21 Menschen starben, hunderte wurden verletzt. Die Großexperimente, die das Forschungszentrum Jülich, die Bergische Universität Wuppertal sowie die Universität Siegen in der Düsseldorfer Messehalle durchführen, sollen solche Extremsituationen bei Veranstaltungen simulieren.

Menschenmassen an einer Kreuzung

Versuchsaufbau in der Düsseldorfer Messehalle

Dazu wurde in der Messehalle ein Versuchsaufbau mit großen Kunststoffquadern errichtet, die einer Kreuzung entsprechen. Von allen vier Seiten laufen Gruppen von Probanden gerade auf die Kreuzung zu, überqueren sie und laufen geradeaus weiter. Die ganze Situation wird von Professor Armin Seyfried von der Bergischen Universität Wuppertal von einer Hebebühne aus überwacht. Seyfried hat ein Megafon in der Hand und gibt Befehle wie "Nicht bummeln, normal gehen." Immer wieder wird die Szene wiederholt, und die Zugänge werden nach und nach verbreitert – das Durcheinander wird dichter.

"Bevor es gefährlich werden kann, wird es ein Stoppsignal geben."

Professor Armin Seyfried von der Bergischen Universität Wuppertal

Am Anfang sind für die Experimente 350 Probanden im Einsatz, an den nächsten Tagen steigert sich die Zahl auf bis zu 1.000. Gerade die Menge der Teilnehmer macht dieses Experiment so außergewöhnlich. Denn auch wenn es nur eine Versuchsanordnung ist: Auch hier könnten Probanden in Panik geraten. Diese Gefahr versucht Seyfried durch seine Kommandos zu kontrollieren und zu minimieren.

Hüte dokumentieren die Laufrichtung

Die Probanden, zumeist Studenten, die sich freiwillig gemeldet haben, wurden mit weißen Sonnenhütchen ausgestattet. Auf den Hütchen sind Markierungen angebracht, die von 24 Kameras an der Hallendecke aufgenommen werden. So werden ihre Laufwege zentimetergenau dokumentiert und den Menschen zugeordnet.

Immer mehr drängeln

Auch ein Projekt des Forschungszentrums Jülich: Wie verlassen Fußballfans das Stadion?

Durch die Auswertung der Daten erhoffen sich die Wissenschaftler konkrete Zahlen, die sie Veranstaltern und Sicherheitskräften an die Hand geben können. Mit ihnen sollen die Verantwortlichen den Platzbedarf für erwartete Zuschauermengen besser berechnen können und so die Sicherheit einer Veranstaltung erhöhen.

Bundesprojekt "BaSiGo"

Die Experimente sind laut der teilnehmenden Einrichtungen die größten ihrer Art weltweit und Teil des Projekts "BaSiGo - Bausteine für die Sicherheit von Großveranstaltungen". Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Im Rahmen des Projekts führt das Forschungszentrum Jülich in Kooperation mit der Universität Siegen Experimente zur Dynamik von großen Menschenmengen durch. Ziel der Experimente ist es, die Wechselwirkungen zwischen Personen bei hohen Dichten zu untersuchen. Die Verbundkoordination verantwortet die Bergische Universität Wuppertal. Partner sind unter anderem die Berufsfeuerwehr München, das Bundesamt für Bevölkerungs- und Katastrophenschutz sowie die deutsche Hochschule der Polizei.

Hilfreiche Vorgaben für Veranstalter

Die Annahmen zum Platzbedarf schwanken bisher zwischen vier und zehn Menschen pro Quadratmeter in einem Strom ohne Gegenverkehr. Die Jülicher gehen in ihren Modellen von fünf bis sieben aus. Das wollen sie jetzt in den Versuchen prüfen und ihre Modelle dementsprechend anpassen, denn gibt es zu wenig Platz wird es gefährlich. "Zuerst kommt der Stau und dann das Gedränge", so Seyfried.

Erschwerte Bedingungen im Gegenverkehr

Wie verhalten sich Menschen an einer T-Kreuzung?

Ein wichtiger Faktor bei späteren Versuchen wird der Gegenverkehr sein, so wie es ihn auch bei der Duisburger Loveparade gab. Dort mussten die Besucher über dieselbe Rampe rein und raus. In solch einer Situation gehen die Forscher von einer Staubildung schon bei 3,5 oder vier Menschen pro Quadratmeter aus. "Wir selbst haben Messungen aus Standbildern der Loveparade gemacht, da sind wir bei sieben bis acht Personen pro Quadratmeter gelandet", erklärt Seyfried.

Orientierung durch Grafiken

In einem der Versuche steht in der Mitte der Kreuzung eine Säule, auf der Kreisverkehrsschilder erscheinen. Die Probanden sollen rechts herum gelenkt werden und den Strom im Fluss halten. Aber ohne Ansage klappt das nicht. Dies wiederum überrascht Gebhard Rusch von der Universität Siegen, der diesen Versuch durchführt. Die Siegener wollen testen, ob man mit Grafiken auf Schildern Besucherströme lenken kann. Doch so wie es aussieht, helfen Grafiken allein nicht. So werden in einem nächsten Schritt Grafiken in Kombination mit Ansagen getestet, vielleicht werden diese besser wahrgenommen.


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