Wissen


14

Masern-Impfung Impf-Erfolg mit Nebenwirkungen in Tansania

Eine Impfung kann vor Krankheiten schützen. In Deutschland lassen viele Eltern aus verschiedensten Gründen ihre Kinder nicht impfen. In Tansania sind die Menschen offener. Warum das so ist - und was das für das Land bedeutet.

Von: Josephin Mosch

Stand: 15.10.2017

Tansania hat medizinisch gesehen eine Erfolgsgeschichte vorzuweisen: Im Osten Afrikas werden Kinder flächendeckend geimpft. Josephin Mosch war für IQ - Wissenschaft & Forschung auf Bayern 2 vor Ort und hat bei Experten und der Bevölkerung nachgeforscht, wie es dazu kam - und was jetzt mit dem Land passiert.

Folgen des Nicht-Impfens hautnah erlebt

Pamphil Silayo, UNICEF-Impfexperte in Tansania

Pamphil Silayo weiß, dass es früher anders war: "Noch 1975 gab es viele falsche Vorstellungen und nur wenige waren geimpft", erzählt er. Es habe viele Bemühungen gegeben, den Menschen den Nutzen von Impfstoffen näherzubringen. Wirklich geändert habe sich die Bereitschaft, Kinder impfen zu lassen, aber erst, nachdem viele Familien direkt mit den Auswirkungen konfrontiert wurden. Pamphil Silayo erinnert sich: "Zu dieser Zeit hatten wir hier viele durch Impfung vermeidbare Krankheiten. Unsere Krankenhäuser waren voll von Kindern, die wegen Masern eingewiesen wurden. Viele Kinder starben daran. Da haben es die Menschen langsam verstanden. Und als die Häufigkeit von Masern und die Sterberate zurückgingen, erkannten die Menschen erst recht: Impfungen sind gut. Impfungen können Leben retten."

Patrick Patten, Direktor des Flying Medical Service

Ähnlich beschreibt es auch Patrick Patten. Der Amerikaner leitet seit 1983 die Hilfsorganisation Flying Medical Service in einem Dorf in der Nähe von Arusha im Nordwesten Tansanias. In diesem Gebiet leben noch immer viele Massai. Die Piloten der Organisation fliegen in entlegene Gebiete, um die Menschen dort medizinisch zu versorgen.

"Wir hatten schon frühzeitig den Grundsatz, dass wir nur Dörfer anfliegen, die darum bitten. Wir hatten dutzende und aberdutzende Anfragen. Wir haben gesagt, gut, erstmal brauchen wir eine Landebahn. Einige Dörfer haben also Landebahnen gemacht und sogar ziemlich schnell - und andere haben ziemlich schnell alles vergessen. Dann hatten wir eine richtig schlimme Dürre und hinzu kam eine Masernepidemie - das hat eine Generation von Kindern ausgelöscht. Außer in den Dörfern, in denen wir angefangen hatten, zu impfen. Diese Kinder starben nicht. Und das hat den Menschen die Augen geöffnet, wie effektiv Impfen ist."

Catissima William, Mutter aus Tansania

Auch so eine Geschichte wie sie Catissima William aus einem Dorf in Tansania erzählt, kennen viele: "Wir haben eine Frau in der Nachbarschaft, die hat ihre Kinder nie zum Impfen gebracht. Drei ihrer Kinder sind an Masern gestorben. Sie hat einfach nicht geglaubt, dass es die Masern sind, sie dachte, sie seien verhext. Danach hat sie ihre Kinder auch impfen lassen und jetzt hat sie noch drei Kinder, die alle am Leben sind. Jetzt weiß sie, wie wichtig es ist, die Kinder impfen zu lassen. Außerdem sieht man manchmal Kinder, die behindert sind wegen der Kinderlähmung. Und wenn man dann fragt, warum sie die bekommen haben, sagen die Eltern: 'Wir haben sie nicht impfen lassen.' Deshalb war mir ganz klar, wie wichtig es ist, zu impfen."

Erfolgreiche Impfungen zuerst bei Tieren

In Tansania ist die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren um 60 Prozent zurückgegangen.

Die Massai impften zuerst ihre Nutztiere. Als es möglich wurde, auch Kinder impfen zu lassen, waren die meisten dafür offen. Noch sind die Masern in Tansania nicht verschwunden, aber Rogers Ayiko, Gesundheitsexperte der East African Community (EAC), betrachtet die Impfung als Erfolg: "In unserer Region ist die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren innerhalb der letzten 15 Jahre um 60 Prozent zurückgegangen. Ein Fünftel davon geht auf die lebensrettenden Impfstoffe zurück."

Impfkampagne nutzt Dorfstrukturen und Werbung

Die Regierung informiert die Bevölkerung über Impfkampagnen über die bestehenden Kommunikationswege: "In jedem Dorf haben wir ein Komitee, das aus Vertretern der Dorfgemeinschaft besteht. Es empfängt die Informationen und findet seinen eigenen Weg, sie den Menschen zu vermitteln. Wir nutzen auch Gemeindestrukturen: Religiöse Oberhäupter, einflussreiche Leute auf Dorfebene und Gesundheitshelfer vor Ort - all dies sind Kanäle, um die Eltern zu informieren", berichtet Pamphil Silayo von UNICEF. Catissima William erzählt, dass der Pfarrer ihres Dorfes einige Wochen vor Beginn der Impfkampagne in der Kirche daran erinnert, dass man es auf Werbeplakaten sieht oder im Radio hört - oder von herumfahrenden Autos, die mit Lautsprechern bestückt sind. Gesundheitshelfer der Gemeinde besuchen Familien sogar zuhause, um sie an die Impfung zu erinnern.

Jedes Kind soll geimpft werden

Ziel ist es, jedes Kind eines Dorfes zu impfen.

Laut WHO-Statistik hat Tansania für die erste Masern-Impfung eine Impfquote von 99 Prozent. Mehr als in Deutschland. Allerdings beruhen die Daten auf Hochrechnungen der Bevölkerungszahlen einer Volkszählung von 2012. Und nur etwa 30 bis 40 Prozent der Kinder werden überhaupt in Gesundheitseinrichtungen geboren, der Rest wird nicht zwangsläufig registriert. Deshalb weiß niemand genau, wie viele Kinder es gerade in Tansania gibt und wie viele geimpft werden sollen. "Das Gute ist, dass bei dem Impfprogramm selbst Register geführt werden und man sich nicht allein auf die Methode der Bevölkerungsdaten verlässt. Man bemüht sich sicherzustellen, dass jedes Kind, das im Dorf geboren wurde, die Klinik besucht und geimpft wird", erklärt Pamphil Silayo von UNICEF.

Impfung wird sogar von Medizinmännern akzeptiert

Auch in Tansania gibt es Menschen, die den Impfungen skeptisch gegenüber stehen. Catissima William sagt, sie kenne Menschen, die der Impfung die Schuld an etwas geben würden, was sie sonst nicht erklären könnten. Ihr Sohn Richard erzählt von Leuten, die ihre Kinder nicht impfen lassen wollten, weil sie abergläubisch seien und an natürliche Kräfte für ihre Kinder glaubten - aber nicht an die Medizin. Auch Medizinmänner waren zunächst skeptisch, doch mittlerweile hat sich auch ihre Einstellung gegenüber einer Impfung gewandelt. Weil sie gesehen haben, dass die Masern komplett verhindert werden konnten. Generell sei die Akzeptanz sehr gut, meint EAC-Gesundheitsexperte Rogers Ayiko.

Auch Deutschland finanziert Tansanias Impfprogramme

Infos zum Impfen

Impfung eines kleinen Mädchens beim Kinderarzt | Bild: picture-alliance/dpa zum Thema Impfen von Kindern Warum die Schutzimpfung so wichtig ist

Während die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit der Kampagne „Deutschland sucht den Impfpass“ fürs Impfen wirbt, bleiben viele Eltern skeptisch: Muss man kleinen Kindern wirklich eine 6-fach-Imfpung geben? Fakten dazu hier ... [mehr]


Spritze sticht in Oberarm | Bild: picture-alliance/dpa zum Thema Impfen Umfassender Schutz durch Vorsorge

Wie lange hält der Impfschutz, kann ich trotzdem erkranken und sind mit einer Impfung unter Umständen Risiken verbunden? Soll man sich gegen Grippe impfen lassen? Diese und andere Fragen werden auf den folgenden Seiten behandelt. [mehr]

In Tansania läuft beim Impfen aber trotzdem nicht alles rund: Manchmal sind die Impfstoffe monatelang nicht zu bekommen. Das kann laut Patrick Patten vom Flying Medical Service zu einem großen Problem werden: "Was eine milde Störung in Ländern sein mag, in denen diese Krankheiten nicht endemisch auftreten, kann hier zu einer Situation zwischen Leben und Tod führen. Die Menschen sterben an Tetanus, Kinder an Keuchhusten und Masern, wenn der Impfstoff fehlt." Gemeinsam mit anderen afrikanischen Ländern hat Tansania im Jahr 2001 die sogenannte Abuja Declaration ratifiziert: Darin verpflichtet sich das Land, 15 Prozent seines gesamten Haushaltsbudgets dem Gesundheitssektor zukommen zu lassen. Das ist bislang nicht erreicht worden. Trotzdem steigen die Mittel, aus denen Gesundheit finanziert wird - dank internationaler Entwicklungshilfe. Tansania ist abhängig von Unterstützung, zum Beispiel von Deutschland: "Bisher haben wir von Deutschland ungefähr 60 Millionen Euro für Impfprogramme in der Region erhalten", erzählt EAC-Gesundheitsexperte Rogers Ayiko.

Die Bevölkerung wächst

Auch in Tansania müssen Kinder heute nicht mehr an vermeidbaren Krankheiten sterben. Die Familien werden größer.

Und es gebe noch eine andere Kehrseite, meint Patrick Patten vom Flying Medical Service: "Die wachsende Bevölkerung! Man hört fast nicht mehr von Kindern, die an diesen Krankheiten sterben, was gut ist. Aber die Familien werden deshalb größer. Weil die Bevölkerung überlebt, passieren wiederum Dinge, über die Regierungen nicht sprechen wollen. Und für mich ist es das Problem hier. Die Gesundheitsversorgung ist nicht das Problem, die Größe der Familien ist das Problem."

"Egal, wie sehr die Leute die Gesundheitsversorgung kritisieren, sie ist eigentlich in der Basisversorgung ziemlich erfolgreich. Natürlich gibt es jede Menge Spitzenmedizin, wo Tansania total hinterherhinkt - aber in der Basisversorgung schneidet das Land ziemlich gut ab. Nur das Ergebnis ist eine sehr schnelle Überbevölkerung. Und es wird Krieg geben und Hungersnot, das wird eine absolute Katastrophe in der nahen Zukunft."

Patrick Patten, Direktor des Flying Medical Service

Dank der besseren medizinischen Versorgung steigt die Lebenserwartung.

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen wächst die Bevölkerung in Tansania bis zum Jahr 2100 von aktuell etwa 57 Millionen auf knapp 304 Millionen. "Der Grund, warum wir nach UN-Hochrechnungen so eine große Bevölkerung haben werden, ist, dass wir eine sehr junge Bevölkerung haben. Etwa die Hälfte unserer Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre. Mit den Verbesserungen in der Lebenserwartung sterben weniger Menschen, die Kinder werden erwachsen und mit Gewissheit wieder Kinder in die Welt setzen. Das wird zu dem immensen Bevölkerungswachstum in den kommenden Jahren beitragen", sagt Rogers Ayiko. Noch werden Mädchen mit 14, 15 Jahren schwanger. "Wenn sie 30 sind, haben sie schon 12 Kinder", meint Ayiko. Programme zur Familienplanung sollen Familien helfen, die Zahl ihrer Kinder, die sie haben wollen, und wann sie sie haben wollen, zu bestimmen.


14