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Experiment Mars500 Lange Reisen ins All machen lethargisch

520 Tage hat das Experiment gedauert. Trotz Stress und Isolation im Container blieben die sechs Teilnehmer von "Mars500" bis zum Ende dabei. Eine neue Studie zu ihren Schlafgewohnheiten zeigt: Raumfahrt macht träge.

Stand: 07.01.2013

Ein Ingenieur hatte am 4. November 2011 um Punkt 11.00 Uhr "die Kapsel" geöffnet und damit die sechs internationalen Crew-Mitglieder in die Freiheit entlassen. Nach dem längsten Isolationsexperiment der Raumfahrt sagte der russische "Astronaut" Alexander Smoljewski, er und die anderen hätten das Experiment als Freunde beendet. "Ich wäre sofort bereit, mit den anderen zum Mars zu fliegen. Leider wird dies wohl nicht vor 2035 möglich sein – da sind wir aber nicht mehr fit genug."

Elf Experimente unter deutscher Leitung

Wertvolle wissenschaftliche Erkenntnis: Sport macht schlau und glücklich.

Ziel des Mars500-Experiments war herauszufinden, wie die lange Isolation auf die "Raumfahrer" wirkt. Dazu wurden sie aus vielen Blickwinkeln unter die Lupe genommen – allein unter deutscher Beteiligung mussten sich die "Versuchskaninchen" elf Experimenten unterziehen. Der Anästhesist Alexander Choukèr von der Universität München untersuchte beispielsweise, wie Stress das Zusammenspiel von Gehirn und Immunsystem beeinflusst. Das Ergebnis: Sport verbesserte bei den Freiwilligen die kognitive Leistungsfähigkeit und steigerte ihre Selbstsicherheit.

"Diese geschlossene Gesellschaft war ein Paradies für Forscher."

Alexander Choukèr, Anästhesist, Ludwig-Maximilians-Universität München

Apathisch im Weltraum

Schlechte Beleuchtung und Monotonie ...

Eine im Januar 2013 veröffentlichte US-Studie zeigt, dass der Schlaf-Wach-Rhythmus der Astronauten massiv durcheinandergewirbelt wurde. So hätten sich die Probanden zunehmend weniger bewegt und immer mehr Zeit mit Ausruhen und Schlafen verbracht. Ihre Schlafgewohnheiten hätten denen von überwinternden Polarforschern geähnelt. Die Gründe dafür: vor allem die schlechte Beleuchtung und die Monotonie an Bord. Überrascht hat die Forscher, wie unterschiedlich die einzelnen Teilnehmer auf die Simulation reagierten. So zeigten zwei Männer kritische Veränderungen.

"Ein Teilnehmer war nicht mehr mit dem 24-Stunden-Tag synchronisiert, sondern lebte fast einen 25-Stunden-Tag. Ein anderer schlief hingegen immer weniger, im Schnitt nur etwa 6,5 Stunden pro Tag, und zeigte als einziger starke Einbußen im Aufmerksamkeitstest."

Mathias Basner, teilnehmender Forscher von der Universität von Pennsylvania (USA)

Gerade die Passivität im Weltall ist aber besonders gefährlich, wie Mathias Basner warnt, denn sie kann den durch die Schwerelosigkeit bedingten Knochen- und Muskelabbau sowie die Veränderungen des Herz-Kreislauf-Systems noch verstärken.

Mehr U-Boot als Raumschiff

Die Luke, die Raumfahrer und Außenwelt voneinander trennt

Am Mars500-Experiment wurde die Kritik geübt, es sei nicht realitätsnah. Tatsächlich unterschied sich vieles an Bord des rund 180 Quadratmeter großen Versuchsraumschiffs deutlich von einer Reise im Weltraum. Es gab keine Schwerelosigkeit und keine Strahlenbelastung wie im Weltall, dafür aber einen Notausgang. Da der Container keine Fenster hat, ähnelte der Aufenthalt eher dem in einem Unterseeboot als dem in einem Raumschiff.

"Hand aufs Herz: Wir waren uns in jeder Sekunde bewusst, dass wir nicht wirklich auf dem Weg zum Mars waren."

Diego Urbina, italienisches Crew-Mitglied

Fremdsprachen "an Bord" gelernt

Die Mars500-Astronauten

Natürlich habe es Konflikte gegeben, räumte Smoljewskis Kollege Suchrob Kamolow ein. "Aber wir hatten ein Plakat an Bord: 'Im Weltraum wird aus einer Mücke schnell ein Elefant.' Alle dachten daran und ließen Streit nie ausufern." Die ersten vier Monate seien schwer für die Crew gewesen, so Kamolow. "Danach fanden wir unseren Rhythmus." Aus Zeitvertreib habe man die Fremdsprache der jeweils anderssprachigen Crewmitglieder gelernt, sagte Alexej Sitjow, der "Kommandeur" des nachgebauten Raumschiffs.

Einmal Mars und zurück ...

Romain Charles, französisches Crew-Mitglied beim Ausstieg | Bild: esa

Am 3. Juni 2010 hatte sich am Institut für Biomedizinische Probleme (IMBP) in der Nähe von Moskau der Eingang zu einem Container geschlossen. Ab diesem Zeitpunkt simulierten die sechs Freiwilligen einen Flug zum Mars und zurück. Die Mission dauerte 520 Tage: 250 Tage waren für den Hinflug eingeplant, 30 Tage für den Aufenthalt und 240 Tage für den Rückflug. "Mars500" ist damit die längste und aufwendigste Raumflugsimulation der Geschichte.

Die Mars500-Crew

Drei der begehrten Plätze gingen an die Russen, einer an die Chinesen. Ein Test-Kosmonaut kam aus Frankreich und einer aus Italien. Alle Kandidaten wurden nach den Richtlinien der europäischen und der russischen Weltraumbehörden ausgewählt. Die wenigen weiblichen Kandidaten waren dabei schon früh herausgefallen.

Lange Leitung

So ähnlich wie in Wirklichkeit war hingegen die Kommunikation: Je näher die Raumkapsel dem "Mars" kam, desto länger dauerte die Kommunikation mit der Basis. Die Mannschaft musste fast eine dreiviertel Stunde warten: zwanzig Minuten, bis die Frage der Teilnehmer auf der "Erde" ankam und weitere zwanzig Minuten, bis die Antwort zurückkam. Die Crew musste also ihre Probleme im "Weltraum" selbst lösen. Doch auf dem Rückflug wurde die Wartezeit täglich kürzer, bis Mars500 am Freitag, den 4. November um 11.00 Uhr landete und die versiegelte Luke wieder aufging - endlich!

Statements nach der "Landung"

ESA

Mars500-Crew, am 04.11.2011 nach Beendigung des Experiments  | Bild: ESA

ESA Generaldirektor Jean-Jacques Dordain

"Wir danken euch für eure außerordentliche Leistung."

"Ich begrüße den Mut, die Entschlossenheit und Großzügigkeit dieser jungen Menschen, die fast zwei Jahre ihres Lebens diesem Projekt geopfert haben, für den Fortschritt in der Erforschung des Weltraums."

Diego Urbina I

Diego Urbina, italienisches Crewmitglied

"Es ist wunderbar euch alle zu sehen."

"Mit der Mars500-Mission haben wir auf der Erde die längste Weltraumreise, die je gemacht wurde, vollendet, damit die Menschheit eines Tages auf einem fernen, aber erreichbaren Planeten einen neuen Sonnenaufgang begrüßen kann."

Diego Urbina II

Diego Urbina über die Crew

"Als Mitglied der Europäischen Weltraumagentur bin ich stolz darauf Teil dieser bemerkenswerten Herausforderung gewesen zu sein. Gemeinsam mit fünf der professionellsten, freundlichsten und belastbarsten Menschen, mit denen ich je arbeiten durfte."

Romain Charles I

Romain Charles, französisches Crewmitglied

"Vor eineinhalb Jahren wurde ich von der ESA ausgewählt, bei der Mars500-Crew mitzumachen. Heute, nach einer bewegungslosen Reise von 520 Tagen, bin ich stolz darauf gemeinsam mit meinen internationalen Crewmitgliedern bewiesen zu haben, dass eine Reise von Menschen zum Roten Planeten realisierbar ist."

Romain Charles II

Romain Charles über die Zukunft

"Wir haben alle viel wertvolle Erfahrungen gesammelt, die helfen werden zukünftige Marsmissionen zu gestalten und planen."

"Wir sind bereit an Bord des nächsten Raumschiffs zu gehen, das dorthin aufbricht."


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