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Lügen haben kurze Beine Kleine Schwindler, große Karriere

Fast jedes Kind lügt, je älter, desto mehr. Doch Lügen will nicht nur, sondern soll sogar gelernt sein! Wer als kleiner Knirps schon professionell lügt, hat als Erwachsener Erfolg.

Stand: 30.01.2017

Blonder Junge mit Händen hinter dem Rücken | Bild: colourbox.com

Das Herz rast, die Hände schwitzen, die Ohren glühen - jetzt bloß nicht blinzeln, sondern dem Gegenüber genau in die Augen schauen! Diese Lügentaktik ist so wichtig, dass sie schon kleine Kinder lernen. Unsere gesamte Kindheit und Jugend verwenden wir darauf, Meister im Flunkern zu werden. Und das, obwohl Ehrlichkeit in unserer Gesellschaft ein so hohes Gut ist, dass Eltern mit viel Nachdruck die Lüge verdammen und bestrafen.

Mit zwei Jahren fangen die Schwindeleien an

Schon ganz kleine Kinder können schwindeln.

Egal, wie streng die Erziehung ist, wie hoch die Moral hängt: Kinder lernen lügen, und zwar schon sehr früh. Ganz kleine Kinder sagen das, was sie für die Wahrheit halten, geradeheraus. Aber bereits mit zwei bis drei Jahren beginnen die Schummeleien. Und je älter Kinder werden, umso häufiger lügen sie. Im Alter von zwei Jahren flunkern rund zwanzig Prozent der Kinder, mit drei Jahren fünfzig Prozent und mit vier Jahren neunzig Prozent. Zu diesem Schluss kam 2010 eine Studie der Universität Toronto. Professor Kang Lee vom dortigen Institute of Child Study untersuchte 1.200 Kinder zwischen zwei und 16 Jahren - und ertappte die meisten beim munteren Flunkern. Doch was den auf Kinderlügen spezialisierten Psychologen dabei wirklich interessierte, war, wer wirklich gut lügen konnte - und warum.

Der Flunker-Fraktion auf die Finger geschaut

Die Kuschelgier

Der Versuchsaufbau:
Du sitzt in einem Raum. Hinter Dir wird ein Kuscheltier platziert, aber Du weißt nicht, welches. Es gibt ein Verbot: Du darfst Dich nicht umdrehen! Doch dann bist Du plötzlich allein im Raum ... Was tust Du?

Die Gier siegt

Ganz klarer Fall: Du drehst Dich um, Verbot hin oder her. In neunzig Prozent der Fälle, egal, wie alt Du bist. Das Einzige, was zählt, ist: Welches Kuscheltier hockt da nur hinter mir? Was Du nicht weißt: Versteckte Kameras haben Dich beobachtet. Als Du gefragt wirst, ob Du auch brav warst - was sagst Du?

Die Mehrheit lügt

"Nein! Ich hab mich bestimmt nicht umgedreht!" Das sagen fast alle Kinder: Unter den Zweijährigen nur jedes fünfte Kind, doch schon die Hälfte der Dreijährigen bleibt nicht bei der Wahrheit. Neunzig Prozent der Vierjährigen greifen zur Lüge - und im Alter von zwölf Jahren sind nahezu alle Lügner.

Voll erwischt

Aber kannst Du Deine Lüge auch gut vertuschen? Achtung Fangfrage: Welches Kuscheltier ist wohl hinter Dir? Was sagst Du? Da verplappern sich viele kleine Lügner. Ein Mädchen ertastete erst unter einer Decke das Kuscheltier, das sie angeblich nicht gesehen hatte: "Es fühlt sich lila an - das muss Barney sein!"

Gut gelogen? Gut gedacht!

Psychologen wissen längst, wie wichtig das Lügenlernen ist. Das Lügen ist ein komplexer zwischenmenschlicher Vorgang und in unserer Gesellschaft eine Fähigkeit, die erlernt werden muss. Professor Lee geht noch einen Schritt weiter: Wer früh gut lügt, dessen Hirn entwickelt sich offenbar schnell. Kann der Zweijährige schon eine gezielte Lüge konstruieren, dann wird er auch im Erwachsenenleben eher erfolgreich sein.

"So gut wie alle Kinder lügen. Die mit der besseren kognitiven Entwicklung lügen besser, weil sie ihre Spuren besser verwischen. Im späteren Leben könnten sie vielleicht Banker werden."

Prof. Dr. Kang Lee, Institute of Child Study, University of Toronto

Tatsächlich hängt die Lügenqualität mit dem Stand der geistigen Entwicklung zusammen: Eine Täuschung gelingt nur, wenn wir uns in unser Gegenüber hineinversetzen können. Um lügen zu können, muss man eine Vorstellung davon haben, was der Andere schon weiß und wie er das ihm aufgetischte Märchen beurteilen wird.

"Dreijährige verstehen noch nicht, dass es in einem anderen Gehirn anders zugeht. Sie können nicht zwischen eigenem Wissen und dem der anderen unterscheiden."

Prof. Dr. Josef Perner, Lügenforscher, Universität Salzburg

Kleine Lügner reif für Hollywood

Ein treuherziger Blick ist fürs Flunkern unerlässlich.

Auch Stimme, Sprache und Mimik müssen mitspielen. Der falsche Gesichtsausdruck kann die beste Lüge auffliegen lassen. Überzeugende Flunkergeschichten haben bestimmte Kennzeichen und Strategien. Der ausgebuffte Experte schaut seinem Gegenüber beim Flunkern fest in die Augen, weil landläufig gilt, ein Lügner meide Blickkontakt. Den geraden Blick versuchen auch schon Lügner im zarten Vorschulalter. Susanna Niehaus von der Uni Potsdam berichtet, dass Kinder beim Lügen versuchen, sehr geordnet zu sprechen. "Sie wissen offensichtlich, dass Stammeln ein Indiz für eine Lüge ist." Und dass Rotwerden oder Schwitzen den Lügner entlarvt. Trotz aller Vorsicht verplappern sie sich leicht. Wollen Sie Ihr Kind bei einer Lüge ertappen, fragen Sie ruhig einmal nach Details.

Wann ist eine Lüge eine Lüge?

Schwindeln ist für Kinder auch aus einem anderen Grund gar nicht so einfach: Zunächst ist für sie alles eine Lüge, was falsch ist, also auch ein einfacher Irrtum. Im Vorschulalter wird die Lüge dann ganz klar als Lüge erkannt - und verdammt: Bis zum Alter von vier Jahren stufen Kinder Lügen ganz klar als "schlecht" ein. Doch dann lernen sie allmählich die soziale Lüge.

Auch Darwin wurde vom eigenen Zwerg belogen

Dass bereits ganz kleine Kinder flunkern, hat Charles Darwin schon 1877 festgestellt: In seiner Publikation "A Biographical Sketch of an Infant" berichtet er vom Lügen seines 30 Monate alten Sohnes. Er hatte heimlich vom Essiggurkenglas genascht, was er aber nicht zugeben wollte.

Alle Erwachsenen lügen - und die Kinder schauen zu

Nur überzogene Nettigkeiten - und die Kinder denken sich ihren Teil.

Wir alle lügen, dass sich die Balken biegen, wenn es die soziale Situation verlangt: aus Höflichkeit, um die Gefühle anderer zu schonen, ihnen Kummer zu ersparen. Oder weil die soziale Regel "Dankbarkeit zeigen" höher wiegt als die Moral "ehrlich sein". Ob bei einer solchen Notlüge unser Vierjähriger danebensteht, spielt keine Rolle. Je älter Kinder werden, umso mehr lernen sie die soziale Kompetenz der Notlüge. Nicht nur, sie einzusetzen, sondern auch, sie anders zu werten: Sollen Jugendliche die Notlügen anderer bewerten, stufen sie sie nicht mehr als schlecht ein, sondern als notwendig. Und als Erwachsene oft nicht einmal mehr als Lüge. Aber auch das Lügen aus Eigennutz nimmt mit zunehmenden Alter wieder ab: Unter den 16-jährigen schwindelten in Professor Lees Studie "nur" noch siebzig Prozent.

Expertentipp

Also, wenn Ihr Kind Sie das nächste Mal offensichtlich anflunkert, was werden Sie tun? Der Rat des Psychologen Kang Lee: Schimpfen Sie nicht. Ihr Kind bei einer Lüge zu erwischen, ist nichts Schlimmmes. Nutzen Sie die Gelegenheit als einen lehrreichen Moment: Erklären Sie ihm oder ihr nochmal deutlich, warum Ehrlichkeit so wichtig ist und was schlecht am Lügen ist.


  • "Wie sich Lügner verraten": am 17. Oktober 2017 um 15 Uhr in "Planet Wissen", ARD-alpha

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