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Literaturnobelpreis 2015 Nobelpreis für "Jägerin des verlorenen O-Tons"

Der Literaturnobelpreis 2015 ging an die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch. Sie erhielt den Preis für ihr "vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt".

Stand: 08.10.2015 | Archiv

Swetlana Alexijewitsch | Bild: dpa-Bildfunk

Die 67-jährige Schriftstellerin und gelernte Journalistin Swetlana Alexijewitsch galt schon im Jahr 2014 als Favoritin für den Nobelpreis. In diesem Jahr hat sie ihn bekommen für ihr Werk, das die Lebenswelt der Menschen in ihrer Heimat, der Ukraine und Russland, nachzeichnet. Im Jahr 2013 wurde sie dafür bereits mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. 2015 erhielt sie den Literaturnobelpreis.

2013 erhält Swetlana Alexijewitsch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Nach einem Journalistikstudium an der Universität Minsk (1967 - 1972) arbeitete die Tochter eines weißrussischen Vaters und einer ukrainischen Mutter zunächst als Journalistin und Lehrerin. Aufgrund ihrer oppositionellen Ansichten musste sie für eine Provinzzeitung in Brest arbeiten und kehrte erst 2011 nach Minsk zurück. Dort schrieb sie für die Zeitung 'Sel'skaja Gazeta'.

"Das ist ganz groß, diesen Preis zu bekommen. Es ist eine Ehre, in einer Reihe mit großen Schriftstellern wie Boris Pasternak zu stehen."

Swetlana Alexijewitsch kurz nach der Bekanntgabe am Telefon

Lebensumstände von Augenzeugen dokumentiert

Swetlana Alexijewitsch, Literaturnobelpreisträgerin 2015

Ihr erstes Buch erschien 1985 und trägt im Deutschen den Titel "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht". Darin enthalten sind Interviews mit Hunderten von Frauen, die im Zweiten Weltkrieg als sowjetische Soldatinnen gegen das Nazi-Regime gekämpft haben. Diese Art Collagen von Gesprächen mit Zeitzeugen ziehen sich durch ihr Gesamtwerk: 1986 ist ihr Thema "Tschernobyl - Eine Chronik der Zukunft", bei dem sie die Überlebenden der Reaktorkatastrophe porträtiert. Es folgt "Zinkjungen - Afghanistan und die Folgen" über den Krieg der Sowjetunion in Afghanistan. Hierfür sprach sie mit über 500 Veteranen des sowjetischen Afghanistan-Feldzugs und Müttern gefallener Soldaten. Ihr bislang letztes und wohl auch wichtigstes Werk "Secondhand-Zeit - Leben auf den Trümmern des Sozialismus" bezieht sich auf das Leben und die Erfahrungen im sowjetischen Kommunismus. Für diesen dokumentarischen Roman sprach sie mit Menschen, die einen Suizidversuch hinter sich hatten.

Nobel-Jurorin Sara Danius, die Alexijewitsch die Nachricht per Telefon überbrachte, würdigte die Arbeit der Preisträgerin damit, dass diese in den vergangenen dreißig Jahren das Leid und den Alltag der zerfallenden Sowjektunion dokumentiere, aber in einem ihr ganz eigenen literarischen Stil: Die "außergewöhnliche Schriftstellerin" beschreibe nicht die Ereignisse, sondern die Gefühle der Menschen in ihrer Heimat.

Mutige Widerstandskämpferin

Ihre Bücher, die sich mit der Sowjetunion und ihrem Zerfall beschäftigen, sind unter schwierigsten Bedingungen entstanden: Bei ihren kritischen Recherchen sei sie ein großes Wagnis eingegangen, so Michael Krüger, früherer Chef des Münchner Hanser-Verlags. Durch diesen Preis wird sie "eine große Ikone der Widerstandsbewegung werden".

Noch deutlicher formulierte es der Literaturkritiker Denis Scheck: "Mit Swetlana Alexijewitsch wird eine Jägerin des verlorenen O-Tons der Geschichte ausgezeichnet." Sie sei ...

"... eine brillante Dokumentaristin der Blutspur des Totalitarismus und des Krieges und eine Stimme der Vernunft im Chor der Irren."

Literaturkritiker Denis Scheck

Aufgrund ihrer regimekritischen Tätigkeit lebte die Schriftstellerin zeitweise im Ausland: in Italien, Frankreich, Deutschland und Schweden.

"... eine herzliche und mutige Kämpferin für die Menschen, die autoritäre Regime hinter sich zurücklassen."

Christoph Heubner, Exekutiv-Vizepräsident des Auschwitz Komitees in Berlin

Der Literaturnobelpreis wird für das Lebenswerk eines Literaten vergeben. Bislang hob die Schwedische Akademie bei neun Autoren eine spezielle Arbeit hervor. Bei Thomas Mann etwa war es 1929 "Buddenbrooks", bei Ernest Hemingway 1954 "Der alte Mann und das Meer".

Deutschsprachige Literaturnobelpreisträger

Literaturnobelpreise seit 1995

2015: Swetlana Alexijewitsch
2014: Patrick Modiano
2013: Alice Munro
2012: Mo Yan
2011: Tomas Tranströmer
2010: Mario Vargas Llosa
2009: Herta Müller
2008: J.M.G. Le Clézio
2007: Doris Lessing
2006: Orhan Pamuk
2005: Harold Pinter
2004: Elfriede Jelinek
2003: J.M. Coetzee
2002: Imre Kertész
2001: V.S. Naipaul
2000: Gao Xingjian
1999: Günter Grass
1998: José Saramago
1997: Dario Fo
1996: Wislawa Szymborska
1995: Seamus Heaney

Hintergrund

Wie schafft es die 18-köpfige Jury, sich auf ein Werk zu einigen? Nobels Maßgabe, der Preis solle an ein "in idealer Weise herausragendes Werk" verliehen werden, ließ und lässt einigen Deutungsspielraum. Dennoch gilt der Literatur-Preis als der bedeutendste unter allen Nobelpreisen.


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