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Lichtverschmutzung Lichtsmog zerstört die Dunkelheit der Nacht

Wenn Sie abends zum Himmel blicken, sehen Sie vermutlich keinen sternenübersäten Himmel. Die finstre Nacht ist rar geworden: Lichtsmog zerstört die Finsternis – und damit ganze Ökosysteme. Nun zeigt ein neuer Atlas der "Lichtverschmutzung" das Ausmaß.

Stand: 10.06.2016 | Archiv

Straßenlaternen und -beleuchtungen, leuchtende Stadtreklame: Ende des 19. Jahrhunderts zog die elektrische Beleuchtung in die Städte Europas ein. Ein Jahrhundert später kam die Ernüchterung: Die ersten Warnungen erklangen – vor der Lichtverschmutzung. Und nach und nach wird immer deutlicher, dass es Folgen für Mensch und Tier hat, wenn die Nacht zum Tag wird. Ein am 10. Juni 2016 von einem internationalen Wissenschaftlerteam herausgegebener Atlas der Lichtverschmutzung dokumentiert, wie massiv künstliche Beleuchtung den Nachthimmel mittlerweile weltweit erhellt.

Der Hauptautor der Publikation, Fabio Falchi von dem italienischen gemeinnützigen "Istituto di Scienza e Tecnologia dell'Inquinamento Luminoso", stellt fest, dass der Atlas den Zustand der nächtlichen Umwelt zu einem entscheidenden Zeitpunkt dokumentiert. Denn derzeit stellt die industrialisierte Welt ihre Beleuchtung auf LED-Leuchten um:

"Wenn wir nicht sehr genau auf das LED-Spektrum und die Beleuchtungsstärken achten, könnte das zu einer Verdopplung oder sogar Verdreifachung der Himmelsaufhellung in klaren Nächten führen."

Fabio Falchi, Istituto di Scienza e Tecnologia dell'Inquinamento Luminoso

Lichtverschmutzungs-Atlas

An dem "New World Atlas of Artificial Night Sky Brightness" haben Bürger an rund zwanzig Prozent der Daten mitgearbeitet. Bei den Wissenschaftlern waren neben Fabio Falchi auch Christopher Kyba vom Deutschen GeoForschungsZentrum GFZ oder Sibylle Schroer, Koordinatorin des EU-geförderten Projekts "Verlust der Nacht", beteiligt. Der Atlas erscheint in der Fachzeitschrift "Science Advances", einem kostenlosen, offenen Journal der American Association for the Advancement of Science (AAAS).

Die Bilder und Daten in dem Atlas zeigen, wie und dass weite Teile der Welt nachts in Licht gebadet sind. Besonders in Westeuropa gibt es kaum noch Gegenden, in denen der Nachthimmel nicht durch künstliche Beleuchtung erhellt wird: Dunkelheit lässt sich noch am ehesten in Schottland, Schweden, Norwegen sowie in bestimmten Regionen Österreichs und Spaniens erleben. Der Schwerpunkt der Daten-Erhebung des Atlas lag auf den G20-Staaten, wobei Italien und Südkorea von der Fläche her die Länder mit der höchsten Lichtverschmutzung sind. Kanada und Australien dagegen die Länder mit der geringsten.

Trübe Aussichten für Astronomen

Eine besondere Spezies machte als erste auf das Problem aufmerksam: die Astronomen. Denn inzwischen stehen bei uns die Chancen schlecht für Sterngucker: Das nächtliche Firmament ist bereits zu hell, um feine, lichtschwache Objekte wie schwache Sterne, ferne Nebel oder etwa die Milchstraße zu beobachten. Und prompt gesteht nach einer Umfrage fast die Hälfte der Befragten unter dreißig Jahren, dieses weiße Band noch nie gesehen zu haben.

Sternenparks zum Schutz der Dunkelheit

Dark Sky

"Dark Sky" ist eine Initiative der Vereinigung der Sternfreunde e.V. gegen Lichtverschmutzung. Es engagieren sich dort professionelle und Hobbyastronomen, Volkssternwarten, Planetarien und astronomische Vereine. Ziel ist es, Gebiete, in denen noch ein nahezu natürlicher dunkler Himmel beobachtet werden kann, zu bewahren. Dadurch soll nicht nur die Dunkelheit und damit die astronomische Beobachtung geschützt werden. Vielmehr geht es auch um den Schutz nachtaktiver Tiere und darum Energie zu sparen.

Dark Sky Parks

Im April 2014 ist der Nationalpark Eifel zum "Dark Sky Park" ernannt worden. Jeder Sternenpark benötigt ein spezielles Beleuchtungskonzept. So sollten abgeschirmte, blendfreie Leuchten eingesetzt werden, die horizontal montiert sind. Dadurch ist das Licht nach unten gerichtet. Zudem muss die Lichtfarbe stimmen: gelblich-orange ist ideal. Ein Blauanteil darf nicht vorhanden sein und das Licht sollte regelbar sein.
Auch im Umfeld des Sternenparks muss künftig Lichtverschmutzung vermieden werden, denn der Titel ist nur vorläufig und an Auflagen geknüpft. Zudem verpflichtet sich ein Sternenpark auch, Besucher und das Umfeld über Astronomie und die Lichtverschmutzung zu informieren.

Dark Sky Reserves

Im Februar 2014 wurde dem Naturpark Westhavelland der Titel "International Dark Sky Reserve" in Silber verliehen, nach vier Jahren Vorbereitung. Vergeben werden die Titel von der "International Dark-Sky-Association", je nach Grad der Dunkelheit in Bronze, Silber und Gold. "Dark Sky Reserven" verpflichten sich, ebenfalls entsprechende Beleuchtung zu installieren, die nur nach unten strahlt. Die ausgezeichneten Gebiete verpflichten sich, eine Kernzone mit dunklem Himmel durch eine umliegende Schutzzone abzusichern.

Neben dem Westhavelland haben der Mont Méganitic im kanadischen Quebec, das NaibRand Natrue Reserve oder der Arraki Machenzie in Neuseeland diese Auszeichnung erhalten. Insgesamt gibt es nur acht Dark Sky Reserves weltweit.

Dark Sky Communities

Das sind ganze Kommunen, die aufgrund entsprechender Maßnahmen wie vernünftig gerichteter Beleuchtung, wenig Leuchtreklame oder nächtlicher Außenbeleuchtung versuchen, die Dunkelheit zu schützen.

- Flagstaff, Arizona, USA, 2001
- Borrego Springs, Kalifornien, USA, 2009
- Isle of Sark, Kanalinseln, Großbritannien, 2011
- Homer Glenn, Illinois, USA, 2011
- Isle of Coll, Schottland, 2013

Kein unbefleckter Sternenhimmel

Nur an wenigen Orten ...

Laut Atlas ist es für Deutsche und Inder derzeit noch am wahrscheinlichsten, dass sie von zuhause aus, die Milchstraße erkennen können. Die Menschen in Saudi-Arabien und Südkorea sehen die Milchstraße dagegen am seltensten. Schon Ende der 90er-Jahre zeigte eine Analyse von Satellitenaufnahmen durch Pierantonio Cinzano und Fabio Falchi, damals an der Universität Padua, in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen National Geophysical Data Center (NOAA), dass ein Fünftel der Menschheit die Milchstraße gar nicht mehr sehen kann. Und nur ein Prozent blickt noch in einen unbefleckten Himmel: Für uns andere 99 Prozent ist das nächtliche Firmament verschmutzt.

"Man schätzt, dass in Europa die Lichtverschmutzung so durchschnittlich sechs Prozent pro Jahr zunimmt. Und das ist eine extreme Steigerung, denn das bedeutet unterm Strich: Die nächste Generation wird in ganz Europa keine einzige Stelle mehr finden, an der die Milchstraße mit bloßem Auge zu sehen und zu erkennen ist und das ist dramatisch."

Harald Bardenhagen, Astronom (2014)

Gestörte Ökosysteme

Der Astronom allein erntet vermutlich noch nicht viel Mitleid. Doch unser Licht stört auch Ökosysteme: Tagaktive Organismen – wie auch der Mensch – leiden unter den zu hellen Nächten, weil sie sich nicht mehr richtig regenerieren können. Und nicht nur nachtaktive Vögel und Insekten werden in ihrem Rhythmus oder bei der Orientierung gestört.

Veränderte Insektengesellschaft am Boden

Thomas Davies von der britischen Universität Exeter hat in einer im April 2013 veröffentlichten Studie festgestellt, dass das Leben von Bodenkleintieren durch Lichtverschmutzung bei Tag und Nacht beeinflusst wird. Sein Versuch mit Bodenfallen in einem mit Gras bewachsenen Seitenstreifen beleuchtet von Straßenlaternen zeigte: Im Licht sammelten sich insgesamt mehr räuberische und aasfressende Insekten als andere Tiere. Laufkäfer, Weberknechte und bestimmte Spinnenarten waren auch tagsüber dort zu finden. Davies folgerte daraus: Die Insektengemeinschaft wird durch Straßenlaternen dauerhaft verändert.

Wenn Tieren die Nacht geraubt wird

Hotel statt Meer

Schlüpft eine Meeresschildkröte aus ihrem sorgfältig in den Sand gelegten Ei, rennt sie sofort los: zum hellsten Punkt. Denn der war früher immer das Meer. Heute sind es jedoch die hellerleuchteten Hotels und Strandpromenaden, die für die Schildkrötenbabies immer öfter zur Todesfalle werden.

Irrfahrt im Licht

Unseren Schiffen weisen sie den Weg in den sicheren Hafen. Doch Zugvögel schicken sie auf eine endlose Irrfahrt: Denn statt sich am Sternenzelt zu orientieren auf ihrem Weg ins Winter- oder Sommerquartier, kreisen Zugvögel häufig um Leuchttürme oder über hellen Städten.

Totentanz-Laternen

Motten umkreisen das Licht. Aber dass sie inzwischen in dichten Schwärmen unter unseren Straßenlaternen flattern, war im Plan der Natur nicht vorgesehen. Eigentlich ist es der Mond, der die Nachtfalter anzieht und ihnen Orientierung gibt.

Brücke im Weg

Lachse schwimmen tausende Kilometer flussaufwärts, um sich zu paaren. Doch beleuchtete Brücken versperren ihnen den Weg: Sie wirken wie eine Barriere, die Fische verweilen dort lange. Zu lange, um rechtzeitig anzukommen? Das wird gerade untersucht.

Licht ins Dunkel

Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt will jetzt erstmals die Auswirkungen der Lichtverschmutzung auf ganze Ökosysteme untersuchen: Seit Juni 2010 widmet sich "Verlust der Nacht" der zunehmenden Erhellung und deren Folgen für Mensch, Astronomie und Ökologie.

Vögel: Wie Straßenlaternen die Liebe beeinflussen

Wenn sie morgens eineinhalb Stunden früher als gewohnt vom Geträller eines Buchfinks geweckt werden – nicht wundern! Den armen Kerl hat zu viel Licht aus dem Rhythmus gebracht, so Forscher des Max-Planck-Institutes.


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Kommentare

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G.W., Mittwoch, 15.Juni, 06:45 Uhr

2. Ich sehe die Sterne

Ausserhalb Düsseldorfs kann ich die Sterne sehr gut sehen. Unsere Laternen sind nur gedämpft, kein grelles Licht und sie schalten sich auch gegen halb 2 in der Nacht aus in den Seitenstraßen. Die Hauptstraße ist stärker beleuchtet und die Schaufenster ja auch.

Wir haben auch einen sehr schönen alten Baumbestand in der ganzen Straße und viele Tiere fühlen sich wohl und "wohnen" in den Bäumen. Eichhörnchen, Finken, Meisen, Eichelhäher, Dohlen, Amseln, Elstern und aber auch die Enten von einem nahegelegenen "künstlichen" Teich spazieren hier morgens schon über unsere Wiesen und es ist einfach schön, das es Stellen gibt, die eben nicht mit irgendwas verseucht sind. Tiere wissen, wo etwas echt ist.
Zwei Häschen haben wir auch, die besuchen uns schon mal vom benachbarten Grundstück.Alle Tiere, die sich bei uns einfinden, haben ein natürliches Umfeld und es ist Nachts dunkel hier.

In Düsseldorf ist alles hell erleuchtet, die Stadtbahnen, die Tunnel, der Flughafen..

Gretchen, Freitag, 10.Juni, 20:38 Uhr

1. Alle wollens hell. Wirklich alle?

Eine wichtige Auswirkung der Beleuchtung wird hier nicht erwähnt: Insekten können Lampenlicht häufig nicht entkommen. Ihre Augen sind nur auf parallelle Lichtstrahlung eingestellt. Geht das Licht von einem Punkt oder einer Fläche aus, können sie diesen Lichtschein nicht mehr verlassen. Sie kreisen so lange um die Lichtquelle, bis sie schließlich erschöpft sterben. Die Folgen sind für die Nachtfalter und andere Nachtaktive Insekten, für die Pflanzen, die nachts blühen und von solchen Insekten bestäubt werden und für Fledermäuse verheerend. Alle diese Arten gehen stark zurück bis hin zum Aussterben. Das ist der Preis dafür, dass jeder Parkplatz, jede noch so verlassene Seitenstraße nachts beleuchtet wird.