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Lichtverschmutzung 1.000 Stern' am Himmel steh'n, nicht zu seh'n

Wenn Sie abends vor Ihre Haustür treten und zum Himmel blicken, dann sehen Sie vermutlich keinen sternenübersäten Himmel, sondern eine dunstige Lichtglocke. Die finst're Nacht ist rar geworden: Lichtsmog zerstört die Finsternis - und damit ganze Ökosysteme.

Stand: 23.05.2012

Es war eine Sternstunde der menschlichen Kultur am Ende des 19. Jahrhunderts: Die Ängste der Nacht waren gezähmt, die gruselige Finsternis besiegt - die elektrische Beleuchtung zog in die Städte Europas ein. Ein Jahrhundert später kam die Ernüchterung: Die ersten Warnungen erklangen - vor der Lichtverschmutzung.

Trübe Aussichten für Astronomen

Eine besondere Spezies machte als erste auf das Problem aufmerksam: die Astronomen. Denn inzwischen stehen bei uns die Chancen schlecht für Sterngucker: Das nächtliche Firmament ist bereits zu hell, um feine, lichtschwache Objekte wie schwache Sterne, ferne Nebel oder etwa die Milchstraße zu beobachten. Und prompt gesteht nach einer Umfrage fast die Hälfte der Befragten unter dreißig Jahren, dieses weiße Band noch nie gesehen zu haben.

Kein unbefleckter Sternenhimmel

Nur an wenigen Orten ...

Ein Fünftel der Menschheit kann die Milchstraße gar nicht mehr sehen. Und nur ein Prozent blickt noch in einen unbefleckten Himmel: Für uns andere 99 Prozent ist das nächtliche Firmament verschmutzt. Das zeigte schon Ende der 90er-Jahre eine Analyse von Satellitenaufnahmen durch Pierantonio Cinzano und Fabio Falchi, Wissenschaftler der Universität Padua, in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen National Geophysical Data Center (NOAA).

Flucht auf den dunklen Kontinent

Die Europäische Südsternwarte

Wer ernsthaft Astronomie betreibt, hat sich längst sein Observatorium in den finst'ren Ecken der Erde aufgestellt: Etwa die Europäische Südsternwarte ESO mit ihren gewaltigen Teleskopen unter dem dunklen und dunstfreien Himmel der Atacama-Wüste in Chile. Aber auch unter Hobby-Astronomen boomt inzwischen der dunkle Tourismus - etwa in die schwarzen Nächte Afrikas, unter Namibias sternenübersätem Firmament.

Gestörte Ökosysteme

Der Astronom allein erntet vermutlich noch nicht viel Mitleid. Doch unser Licht stört auch Ökosysteme: Tagaktive Organismen - wie auch der Mensch - leiden unter den zu hellen Nächten, weil sie sich nicht mehr richtig regenerieren können. Und nicht nur nachtaktive Vögel und Insekten werden in ihrem Rhythmus oder bei der Orientierung gestört.

Veränderte Insektengesellschaft am Boden

Thomas Davies von der britischen Universität Exeter hat festgestellt, dass das Leben von Bodenkleintieren durch Lichtverschmutzung bei Tag und Nacht beeinflusst wird. Sein Versuch mit Bodenfallen in einem mit Gras bewachsenen Seitenstreifen beleuchtet von Straßenlaternen zeigte: Im Licht sammelten sich insgesamt mehr räuberische und aasfressende Insekten als andere Tiere. Laufkäfer, Weberknechte und bestimmte Spinnenarten waren auch tagsüber dort zu finden. Davies folgerte daraus: Die Insektengemeinschaft wird durch Straßenlaternen dauerhaft verändert.

Wenn Tieren die Nacht geraubt wird

Hotel statt Meer

hellerleuchtete Strandpromenade | Bild: colourbox.com

Schlüpft eine Meeresschildkröte aus ihrem sorgfältig in den Sand gelegten Ei, rennt sie sofort los: zum hellsten Punkt. Denn der war früher immer das Meer. Heute sind es jedoch die hellerleuchteten Hotels und Strandpromenaden, die für die Schildkrötenbabies immer öfter zur Todesfalle werden.

Irrfahrt im Licht

Leuchtturm bei Nacht | Bild: colourbox.com

Unseren Schiffen weisen sie den Weg in den sicheren Hafen. Doch Zugvögel schicken sie auf eine endlose Irrfahrt: Denn statt sich am Sternenzelt zu orientieren auf ihrem Weg ins Winter- oder Sommerquartier, kreisen Zugvögel häufig um Leuchttürme oder über hellen Städten.

Totentanz-Laternen

Straßenlaterne vor dem Mond (Grafik) | Bild: colourbox.com

Motten umkreisen das Licht. Aber dass sie inzwischen in dichten Schwärmen unter unseren Straßenlaternen flattern, war im Plan der Natur nicht vorgesehen. Eigentlich ist es der Mond, der die Nachtfalter anzieht und ihnen Orientierung gibt.

Brücke im Weg

hellerleuchtete Brücke über einen Fluss bei Nacht | Bild: colourbox.com

Lachse schwimmen tausende Kilometer flussaufwärts, um sich zu paaren. Doch beleuchtete Brücken versperren ihnen den Weg: Sie wirken wie eine Barriere, die Fische verweilen dort lange. Zu lange, um rechtzeitig anzukommen? Das wird gerade untersucht.

Licht ins Dunkel

Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt will jetzt erstmals die Auswirkungen der Lichtverschmutzung auf ganze Ökosysteme untersuchen: Seit Juni 2010 widmet sich "Verlust der Nacht" der zunehmenden Erhellung und deren Folgen für Mensch, Astronomie und Ökologie.

Vögel: Wie Straßenlaternen die Liebe beeinflussen

Wenn sie morgens eineinhalb Stunden früher als gewohnt vom Geträller eines Buchfinks geweckt werden - nicht wundern! Den armen Kerl hat zu viel Licht aus dem Rhythmus gebracht, so Forscher des Max-Planck-Institutes.


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