Wenn es wärmer wird, schlüpfen zu wenig männliche Sumpfschildkröten.
Ökosysteme im Wandel Tiere und Pflanzen im Klimastress
In der Tier- und Pflanzenwelt sind längst die Folgen des Klimawandels zu spüren. Experten fürchten, dass ein großer Teil durch die Klimaerwärmung aussterben könnte - auch in Bayern.
Den Eisbären in der Arktis schmilzt der Lebensraum unter den Tatzen weg, doch das sind nur die prominentesten Verlierer im Klimawandel. Denn der macht sich auf der ganzen Welt bemerkbar, auch bei uns in Bayern. Jede einzelne Tier- und Pflanzenart muss reagieren. Denn jedes Grad Erwärmung hat Folgen.
Wer eine empfindliche Nase hat, hat einen Effekt längst gemerkt: Allergiker bekommen mehr Pollen ab. Die milderen Temperaturen sorgen bei uns für eine längere Pollenflugsaison. Die Hasel beginnt beispielsweise schon im Dezember zu blühen. Und nicht nur das: Ganz neue Pflanzenarten wie Ambrosia werden bei uns heimisch, die immer öfter Allergien hervorrufen. Insgesamt steigt die Pollenbelastung in Europa und wird durch die Klimaerwärmung weiter zunehmen, fürchten Forscher wie die Ökoklimatologin Annette Menzel von der TU München.
Die neuen Arten quälen nicht nur Allergiker, sondern auch die heimische Pflanzenwelt, der Verdrängung droht. Verdrängt wird die aber schon allein durch die steigenden Temperaturen, ebenso wie die Tierwelt.
Traurige Gesamtschau
Der Klimawandel hat deutliche Auswirkungen auf die biologische Vielfalt, stellt das Bundesamt für Naturschutz in einer am 17. September 2012 veröffentlichten Studie fest: 63 von 500 in Deutschland streng zu schützende Tierarten werden vom Bundesamt als sogenannte "Hochrisiko-Arten" eingestuft. Sie sind schon jetzt sehr selten - und reagieren darüber hinaus auch noch besonders sensibel auf den Klimawandel. Betroffen sind zum Beispiel der Goldregenpfeifer, der Alpensalamander und der Blauschillernde Feuerfalter.
Besonders viele dieser Hochrisiko-Arten leben in Nordost-, Süd- und Südwestdeutschland, also auch in Bayern, und dort am liebsten in Mooren, Wäldern, Trockenrasen, Heidegebieten und Quellen.
Der Klimawandel hat Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem, sagt das Bundesamt. Der Beginn der Apfelblüte hat sich seit 1960 beispielsweise um je fünf Tage pro Jahrzehnt nach vorne verschoben. Weil die Winter wärmer sind, kommen viele Zugvögel auch früher aus ihren Winterquartieren zurück: Mönchsgrasmücke und Gartenrotschwanz gehören dazu.
Auf rasanter Flucht vor der Erwärmung
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Im Januar 2012 wurde eine alarmierende Studie veröffentlicht: Tiere und Pflanzen flüchten in rasantem Tempo vor der Erderwärmung. Im Schnitt fliehen die Arten in nur zehn Jahren fast 17 Kilometer weit Richtung Nord- oder Südpol oder klettern in den Bergen um elf Meter höher, auf der Suche nach Abkühlung. Das ist zwei- bis dreimal so schnell, wie Forscher bisher dachten.
Es sind Durchschnittswerte, entstanden aus den Daten der vergangenen vierzig Jahre. Individuell betrachtet reagieren die einzelnen Arten sehr unterschiedlich. Doch da die extremsten Fluchtbewegungen dort zu vermerken waren, wo die größte Erwärmung stattfand, sind die Forscher sicher: Dieser Trend ins Kühlere ist eindeutig eine Reaktion auf den Klimawandel. Die groß angelegte Studie wertete sämtliche bis dahin verfügbaren Untersuchungen zu Lebensraumveränderungen aus Fauna und Flora aus - insgesamt über rund 2.000 verschiedene Arten.
Norwegische Forscher vom Institut für Naturforschung in Tromsö haben insbesondere bei pflanzenfressenden Säugetieren wie Rentieren und Feldmäusen verheerende Folgen des Klimawandels festgestellt. Beide Säugetierarten reagieren ähnlich auf milde Winter und damit einhergehende Regenfälle. Regen statt Schneefall führt zu mehr Bodeneis im Winter. Das Eis bedeckt die Futterpflanzen, sodass die Tiere weniger zu fressen finden und verhungern. Dies ist das Ergebnis einer Langzeitstudie von 1995 bis 2011.
Vögel und Schmetterlinge flattern hinterher
In Europa haben sich die Temperaturen in den vergangenen beiden Jahrzehnten schneller erhöht, als sich die beiden Tiergruppen anpassen konnten: Vögel liegen 212 Kilometer, Schmetterlinge 135 Kilometer gegenüber der Temperaturerhöhung und folglich der Verschiebung ihre Lebensräume gen Norden zurück. Zu diesen Ergebnissen kam im Januar 2012 eine Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ). Problematisch ist nicht nur, dass die europäischen Vögel und Schmetterlinge dem Klimawandel nicht schnell genug hinterherziehen können, sondern auch, dass Lebensgemeinschaften auseinandergerissen werden: Viele Vogelarten ernähren sich von den Raupen bestimmter Schmetterlingsarten. Bestimmte Schmetterlinge wiederum brauchen spezielle Pflanzen zum Leben. Je spezialisierter eine Art ist, umso gefährlicher wird die Lebensraumverschiebung für sie.
Die Studie kann zwar nicht zeigen, wie sehr einzelne Arten vom Klimawandel beeinflusst werden. Was aber schon jetzt deutlich wird: Kälteliebende Arten gehen zurück, wärmeliebende Arten nehmen zu.
Komplexes System gerät ins Wanken
Da sich jede Art auf individuelle Weise und im eigenen Tempo an die Veränderungen anpasst, gerät das komplexe Zusammenspiel durcheinander. Nicht allen gelingt der "Klima-Darwinismus". Experten fürchten, dass in Bayern rund ein Drittel aller Arten bedroht sind.
Spätschwimmer werden verdrängt
Nicht nur das Verhalten von Tieren passt sich an den Klimawandel an, sondern auch ihre Gene. Forscher der University of Alaska haben festgestellt, dass die meisten Buckellachse die Flüsse Alaskas früher zum Laichen hinaufschwimmen als noch vor 32 Jahren. Die Veränderung zeigt sich auch in den Genen. Seit 1971 zählten die US-Wissenschaftler am kleinen Fluss Auke Creek alle zwei Jahre die wandernden Fische und entnahmen DNA-Proben. Damals gab es noch zwei Wandergruppen: eine Anfang August und eine Anfang September. Die Nachzügler waren auch an ihrer DNA durch ein Markergen erkennbar.
Heute ziehen laut den Forschern die Fische deutlich früher und kürzer ins Laichgebiet. Grund sind die wärmeren Bedingungen: Indem sie früher wandern, umgehen die Lachse das Risiko, zur Laichzeit in zu warme Gewässer zu kommen. Der Anteil der Spätwanderer am Auke Creek ist dagegen bis 2011 von fast 40 auf gut 5 Prozent geschrumpft - und mit ihm das Nachzügler-Gen. Die Erwärmung habe selektiv die Genvarianten gefördert, die früher ihre Wanderung beginnen, so die Forscher.
Lebensräume - im Wandel und im Weichen
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Feuchtgebiete etwa sind durch größere Hitze und Trockenheit bedroht. Und mit ihnen beispielsweise Libellenarten wie die Torf-Mosaik-Jungfer oder die Mond-Azur-Jungfer.
Andererseits wird der veränderte bayerische Lebensraum für fremde Arten attraktiv, die mit heimischen Arten konkurrieren und sie verdrängen. So ziehen einige unserer Schmetterlinge in den kühleren Norden, während manch tropischer Falter bei uns heimisch wird. Leider auch manch ungeliebter Schädling wie der Eichenprozessionsspinner, der sich inzwischen in Bayern pudelwohl fühlt.
Unter Zugzwang
Ganz deutlich zeigt sich der Klimawandel bei den Zugvögeln: Die verabschieden sich im Herbst später und kehren im Frühjahr eher zurück, der Weißstorch beispielsweise. Manche Vögel wie der Zilpzalp bleiben sogar über den Winter in Bayern. Nur Gewinner? Von wegen! Unser Kuckuck hat dadurch zum Beispiel ein kurioses Problem: Er bleibt weiterhin pünktlich bis April im warmen Süden. Doch wenn er zurückkommt, haben die anderen Vögel längst gebrütet - kein Platz mehr für das ungeliebte Kuckucksei.
Auswirkungen auf die Pflanzenwelt
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Während Vögel ihrem wandernden Lebensraum hinterherziehen können, ist die Anpassung der Pflanzen an das sich wandelnde Klima weitaus schwieriger. Insbesondere das sensible Ökosystem in der Bergwelt ist massiv bedroht, da die Frostgrenze immer weiter nach oben steigt. Und der große Klimaschützer Wald leidet inzwischen massiv: Hitze und Trockenheit machen der in Bayern weit verbreiteten Fichte stark zu schaffen. Immer häufigere Orkane fällen ganze Waldbestände. Schädlinge wie der Borkenkäfer breiten sich dagegen im wärmeren Bayern vermehrt aus. Auch die Straßen werden wohl bald nicht mehr mit Ahornalleen gesäumt sein, die buchstäblich verdursten. Stattdessen reihen sich dort vielleicht bald Ginko und Gurkenmagnolie.

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