Wissen


8

Reformpädagogik Peter Petersen und seine Pädagogik

Jenaplanschulen bereiten auf das Leben vor, indem sie stark machen. Mit diesem Slogan wurde 2003 die erste Schule dieser Art in Bayern gegründet. Derzeit gibt es drei bayerische Jenaplanschulen: Nürnberg, Würzburg und Memmingen.

Stand: 12.08.2015

Peter Petersen, Pädagoge und Entwickler des Jenaplans in den 20er-Jahren, sieht die Schule als Lebensgemeinschaft. Erziehung ist für ihn keine reine Wissensvermittlung, erst im Zusammenleben wird der Mensch gebildet. In altersgemischten Gruppen lernen Kleine von Großen und Größere von Kleineren. Die Kinder lernen nach Petersen für das Leben und Gegenstand des Lernens ist das Leben selbst.

Die Jüngeren lernen von den Älteren

Unterricht im Jenaplangymnasium Nürnberg: Ziele setzen für die Arbeitswoche

Das jahrgangsübergreifende Lernen gehört zum Grundkonzept der Jenaplan-Schule. Die Kinder lernen ohne Noten und ohne Schulbücher. In der Stillarbeit schreiben sie Geschichten, machen Mathe, Deutsch oder Projektarbeit. Mehrmals am Tag sitzen die Kinder im Kreis zusammen, präsentieren ihre Arbeit und sind gespannt auf die Kritik der anderen. Die Woche gibt den Rhythmus vor. Die Kinder setzen sich Ziele für die Arbeitswoche, und die gilt es zu schaffen.

Die Jenaplan-Schule ist als Ganztagesschule angelegt - bis 14.30 oder 17.00 Uhr. Zur Lebensgemeinschaft in der Jenaplanschule gehören nicht nur die Kinder und Lehrer sondern auch die Eltern dazu. Insofern spielen Eltern an der Jenaplanschule eine wichtige Rolle. Ihnen steht die Schule zur Mitarbeit immer offen.

Leben und Wirken Peter Petersens

Schulmodell "Jenaplan"

Peter Petersen - Begründer der Jenaplan-Pädagogik, 1928

Peter Petersen, der 1884 in Großenwiehe, Kreis Flensburg, geboren wird und am 21. März 1952 in Jena stirbt, ist von 1923 bis zu seinem Tod ordentlicher Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Jena. Als Leiter der Jenaer Universitätsschule entwickelt er das Schulmodell "Jenaplan" mit altersgemischten Gruppen, das zum klassischen Bestand der internationalen Reformpädagogik zählt. Petersen ist das älteste von sieben Kindern des Kleinbauern Carsten Petersen und seiner Frau Catharine Marie. Die Arbeit auf dem elterlichen Hof und die Erfahrung des Zusammenhalts im Dorf Großenwiehe legen die ersten Wurzeln seiner späteren Pädagogik, in deren Mittelpunkt die Gemeinschaft steht. Nach dem Besuch der einklassigen Dorfschule und dem Abitur am Flensburger Gymnasium beginnt er mit 20 Jahren in Leipzig Theologie, Philosophie, Geschichte und Anglistik zu studieren. Vier Jahre später schreibt Petersen seine Dissertation über die Philosophie Wilhelm Wundts.

Reformer des Bildungswesens in der Weimarer Republik

Berichtkreis der Oberschule, Jena 1930

Nachdem Petersen 1909 die Prüfung für das Lehramt an Gymnasien ablegt, wird er als Oberlehrer am Hamburger Gymnasium "Johanneum" angestellt. Zu dieser Zeit entbrennt in Hamburg die Diskussion um die Reform des Bildungswesens. Petersen knüpft Kontakt zu führenden Kreisen der Reformer und wird 1912 Vorstand des Bundes für Schulreform. Acht Jahre später treten Lehrer der in Baracken untergebrachten, aber von revolutionärem Geist erfüllten Hamburger Lichtwarkschule an ihn heran, um ihn als Leiter der Oberschule für einen reformerischen Neuanfang zu gewinnen. Das Gymnasium, das seine Aufgabe in der Erziehung einer kulturbewussten Jugend durch Entwicklung und Gestaltung ihrer Fähigkeiten sieht, bleibt auch nach Petersens Weggang eine der führenden Reformoberschulen.

Anfänge der Jenaplanpädagogik

Wahlkurs in Biologie, Jena 1927

Petersen folgt 1923 dem Ruf auf den Lehrstuhl für Erziehungswissenschaft an der Universität Jena. Er bringt aus Hamburg Reformvorstellungen mit, die geprägt sind durch die Landerziehungsheim-, die Kunsterziehungs- und die Arbeitsschulbewegung, durch die Montessori- und die empirische Pädagogik. Als Leiter der an die Universität angeschlossenen Versuchsschule beginnt Petersen die Idee der sozialen Gemeinschaft in die Praxis umzusetzen. Der Gedanke, Alters- und Erfahrungsunterschiede für das gemeinsame Lernen zu nutzen, führt zu einer Pädagogik altersgemischter "Stammgruppen", die das wechselseitige Helfen der Kinder zum Grundprinzip pädagogischer Situationen macht.

Erfolgreiche Schrift "Der Kleine Jenaplan"

Abschlussfeier der Mittelgruppe mit der Aufführung "Drachentöter", Jena 1926

Bei einem Kongress des "Weltverbandes für Erneuerung der Erziehung" 1927 in Locarno wird der Name "Jenaplan" für Petersens pädagogischen Ansatz geprägt. Von da an erhält er Einladungen aus aller Welt zu Vorträgen und zur Einrichtung von Versuchsklassen nach dem Jenaplan. Petersens Schrift "Der Kleine Jenaplan" wird in zehn Sprachen übersetzt und ist eine der meistbekannten Schriften der Reformpädagogik. Petersen versteht seinen Jenaer Reformversuch als "Arbeits- und Lebensgemeinschaftsschule", die den Eltern eine zentrale Rolle in allen Angelegenheiten der Schule einräumt. So ist es beispielsweise Eltern an der Jenaer Universitätsschule gestattet, unangemeldet in die Schule zu kommen und im Unterricht anwesend zu sein. Auch werden Eltern als erläuternde Experten oder authentische Zeugen für erlebte Zeitgeschichte einbezogen.

Haltung im Nationalsozialismus

Peter Petersen im Jahr 1944

Während mit Beginn des Nationalsozialismus mehrere Jenaplanschulen mit sozialdemokratisch orientierter Lehrerschaft sofort verboten werden, kann die Jenaer Universitätsschule weitermachen. Es ist nicht bekannt, dass Petersen in seiner Lehrtätigkeit Einschränkungen hinnehmen muss. Obwohl er sich bemüht, ideologische Einflussnahmen der Nationalsozialisten von seiner Schule fernzuhalten, hält er während des Krieges Vorlesungen für die Nazi-Elite und äußert sich unter anderem über den Jenaplan "im Lichte des Nationalsozialismus". Da Petersen nicht der NSDAP angehört, ist er einer der wenigen Professoren der Jenaer Universität, die nach dem Ende des Nationalsozialismus nicht entlassen werden. Die neu gegründete Sozialpädagogische Fakultät nimmt bereits 1945 unter seiner kommissarischen Leitung ihre Arbeit auf. Drei Jahre später wird Petersen nach wachsendem Druck der SED als Dekan abgesetzt und erhält Prüfungsverbot. Gegen den Willen der Eltern schließt die SED 1950 die zuletzt 266 Schüler zählende Universitätsschule als "ein reaktionäres, politisch sehr gefährliches Überbleibsel aus der Weimarer Republik".


8