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Vorzeigeschule Außergewöhnlich normal

Kinder mit Behinderung werden an der Grundschule Am Hedernfeld schon seit 2004 integriert. Kooperationsklassen, hat man damals gesagt. Wenn heute Kinder mit besonderem Förderbedarf in einer Klasse sind, dann ist nicht mehr von Kooperation oder Integration, sondern von Inklusion die Rede.

Von: Sebastian Grom Stand: 02.02.2012
Kinder sitzen an Tischen und melden sich | Bild: Sebastian Grom/ifp

"Was ist denn das hier?", fragt Julia Pradel ihre Klasse. Die 17 Kinder schauen alle gebannt auf die große weiße Fläche über der Tafel. Mit einem Overhead-Projektor strahlt die Lehrerin ein Bild an die Wand – ein kleines viereckiges Kästchen mit einem schwarzen Knopf in der Mitte. Sofort schießen alle Finger nach oben. Julia Pradel ruft auf. "Das ist ein Feueralarm", erklärt der Drittklässler mit ruhiger Stimme. Einige Schüler lassen ihre Hände wieder auf den Tisch fallen. "Da darf man nur draufdrücken, wenn es brennt", fügt Jakob noch hinzu. Dass Jakob förderbedürftig ist, dass er sozial-emotionale Schwierigkeiten hat, das merkt man ihm zunächst nicht an. Beobachtet man ihn genauer, sieht man, dass er unruhig auf seinem Stuhl herumrutscht. Bisweilen wirkt er ein wenig apathisch. Jakob ist ein Inklusionskind.

Lärmschutzkopfhörer gegen Störgeräusche

Klassenraum Grundschule Am Hedernefeld

Damit sich Jakob konzentrieren kann, darf er sich einen Lärmschutz auf die Ohren setzen. Die knallgrünen "Mickey Mäuse", wie sie genannt werden, sehen aus wie große Kopfhörer und sind nicht schwerer als eine Tafel Schokolade. "Damit kann ich besser denken", sagt er leicht gelangweilt und schaut dabei auf den Boden. Dass Jakob diese Kopfhörer aufsetzt, stört die meisten Kinder nicht. "Ich finde das gut, dass er die aufhaben darf", erklären Henrik und Lena. Nur Philipp scheint wenig begeistert. "Mir ist das egal. Wenn ich die Dinger aufhabe, kriege ich nur Kopfweh", sagt er fast schon etwas trotzig.

In der Klasse von Julia Pradel gibt es zwei weitere Inklusionskinder. Aber es ist nicht auszumachen, um wen es sich handelt. Und so soll es auch sein. Ein förderbedürftiges Kind müsse positiv aufgenommen werden und nicht das Gefühl bekommen, einen Makel zu haben, macht Schulleiterin Gabriele Strehle deutlich. Selbst die Mitschüler wissen bisweilen nicht, welche Kinder "Inklusionskinder" sind und besonderen Förderbedarf haben. Das wissen die Lehrer und sonst keiner. Und bei Kindern mit offensichtlicher Behinderung gibt es auch keine Probleme. "Für unsere Schüler ist das Normalität und nichts Außergewöhnliches", erklärt Lehrerin Julia Pradel.

"Kinder werden in Notenschema gepresst"

Doch die Lehrer stehen vor einer großen Herausforderung. Sie müssen die Inklusionskinder genauso benoten wie die "normalen" Kinder. Gabriele Strehle rät den Eltern, die Kinder von der Notengebung zu befreien. "Im Zeugnis steht dann, dass aufgrund einer sonderpädagogischen Förderung die Notengebung ausgesetzt ist", erklärt sie. Aber viele lehnen das ab und so werden auch Inklusionskinder oft in das Notenschema gepresst.

Leistungsstand über dem Bayerndurchschnitt

Trotz aller Herausforderungen: Die VERA-Vergleichsarbeiten aus den vergangenen Jahren, in denen der Leistungsstand von Kindern ermittelt werden soll, geben der Grundschule am Hedernfeld Recht. Auch bevor die Schule zur Inklusionsschule geworden ist, sind in den Klassen bereits förderbedürftige Kinder gewesen. Und trotzdem: „Unsere Klassen liegen immer über dem Bayerndurchschnitt. Die Klassen mit mehreren Kindern mit Behinderungen schneiden hierbei sogar noch besser ab, weil die Lehrer bei der individuellen Förderung noch genauer hinschauen“, sagt Schulleiterin Gabriele Strehle sichtlich stolz.

"Jeder hat ja so sein Handicap – ob das jetzt ein offizielles ist oder nicht. Der eine hat eine Brille, der andere kann schlecht turnen oder hat Probleme in Mathematik. Jeder hat so andere Bedarfe und das ist für die Kinder völlig normal."

Gabriele Strehle, Schulleiterin

Die Schulleiterin freut sich über einen weiteren Erfolg: Sechs Schüler, die von einer Förderschule auf Strehles Grundschule gewechselt sind, haben sogar den Weg auf die Realschule oder das Gymnasium geschafft. Das macht sie sichtlich stolz und motiviert sie, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Den Weg, den die Schule bereits eingeschlagen hat, als von Inklusion noch keine Rede gewesen ist.

Grundschule Am Hedernfeld

Grundschule am Hedernfeld

Die Grundschule Am Hedernfeld besuchen im Schuljahr 2011/2012 270 Schülerinnen und Schüler in zwölf Klassen. 49 Kinder haben sonderpädagogischen Förderbedarf. 242 Kinder besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit, allerdings hat die Hälfte davon einen Migrationshintergrund. An der Grundschule unterrichten insgesamt 28 Lehrkräfte: 18 Grundschul-, drei Sonderschullehrerinnen und zwei mobile Reserven. Seit dem Schuljahr 2011/2012 ist die Grundschule eine Inklusionsschule. Seit 2004 werden hier bereits förderbedürftige Kinder integriert.


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