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Heinz Sielmann zum 100. Geburtstag Der Naturfilmer mit dem Blick fürs Unscheinbare

"Expeditionen ins Tierreich" haben ihn berühmt gemacht: Heinz Sielmann. Der Zoologe, Tierfilmer und Buchautor hat seinen Kindheitstraum gelebt. Seine Liebe galt den Schnepfen.

Stand: 17.05.2017

Heimische Eichhörnchen, Würmer, Biber, Insekten auf einem Quadratmeter Wiese, aber auch Wölfe, Paradiesvögel auf Papua-Neuginea oder die Tierwelt der Galápagos-Inseln: Heinz Sielmann wurde für seine Tierdokumentationen mit internationalen und nationalen Preisen überhäuft.

"Tiere faszinieren mich, soweit ich zurückdenken kann, und ich habe in der Tat meinen Kindheitstraum zum Beruf gemacht, nämlich ein Leben lang in der Natur tätig zu sein und das, was mich so begeistert, nun durch das Wunderwerk Fernsehen – wovon damals noch kein Mensch träumen konnte – so vielen Menschen mitteilen zu können."

Heinz Sielmann, 1999 im Interview mit Hartmut Stumpf, alpha-Forum

Kiebitze und Schnepfen zum Start

Sein Gespür für die Natur und die Tierwelt offenbarte sich schon früh: Wie Sielmann sich in einem Interview 1999 erinnerte, war er sieben Jahre alt, als die Familie in die Heimat seines Vaters Paul nach Ostpreußen zog. Dort war es im Winter eisig kalt und er habe als Junge sehr darunter gelitten, so der Tierfilmer.

"Als dann der Frühling kam und die Knospen sich öffneten, es grün wurde, die Vögel sangen und die Störche wieder in allen Dörfern klapperten, ergriff mich das und machte mich sehr fromm. Ich sagte meinen Eltern, dass ich einmal Theologie studieren wolle, um dem Menschen das Schöne mitzuteilen."

Heinz Sielmann, 1999 im Interview mit Hartmut Stumpf, alpha-Forum

Ihnen galt Sielmanns besondere Liebe: den schnepfenartigen Wiesenvögeln, wie dem Kiebitz.

Sein Vater war Chemiker, ein leidenschaftlicher Jäger und sehr naturverbunden. Er nahm seinen Sohn gern in sein Revier und die Natur mit. Seine Mutter ging mit Heinz ins Kino und sie sahen sich Tierfilme an. So beschloss der Junge mit 14 Jahren doch lieber Zoologe und Tierfilmer als Theologe zu werden. Als "die 'Albertus Universität' in Königsberg die Wiege der neuen Verhaltensforschung wurde", so Sielmann, war er 15 Jahre alt. Gern nahm er sonntags an vogelkundlichen Führungen teil. Dabei war er besonders von den schnepfenartigen Wiesenvögeln fasziniert.

Sielmanns erster Film 1938: "Vögel über Haff und Wiesen"

Sielmann zeichnete seine Beobachtungen auf und machte Fotos. Bald veröffentlichte er erste Artikel mit eigenen Bildern und hielt ornithologische Vorträge. Nach bestandenem Abitur schenkte ihm sein Vater dann die erste Filmkamera. Mit ihr drehte er 1938 seinen ersten – von Fachleuten gelobten – Dokumentarfilm "Vögel über Haff und Wiesen".

Kretas Vögel statt Krieg an der Front

Doch bevor der Hobby-Ornithologe richtig durchstarten konnte, wurde er 1939 zum Wehrdienst eingezogen, zwischenzeitlich aber für ein Biologiestudium freigestellt. Als Funker lernte er auch Joseph Beuys kennen, der später als Künstler für Furore sorgen sollte und den Sielmann als sehr engen Freund bezeichnete.

1943 bekam Sielmann die Chance mit einem seiner Vorbilder, dem Verhaltensforscher Horst Siewert, auf Kreta einen Film zu drehen. Doch Siewert starb, bevor der Film beendet war und Sielmann sollte die Dokumentation über die Fauna der Insel zu Ende drehen. Dabei geriet er in britische Gefangenschaft und übergab sein Filmmaterial über die Vogelwelt Kretas den Briten.

Sielmanns neue filmische Kniffs und seine Fans in England

1993: Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland für Heinz Sielmann

Bis 1947 blieb Heinz Sielmann in London, wurde von dort an das "Institut für Film und Bild im Unterricht" in Hamburg vermittelt und begann in der Hansestadt mit dem professionellen Filmen. Und schon in seinen Anfangsjahren wurde deutlich, dass es Sielmann nicht um sensationelle Bilder ging, sondern um Erkenntnisse, die mühsam erarbeitet werden mussten. Er brachte die Geduld und den nötigen Einfallsreichtum mit, um Tiere aus neuen, ungewöhnlichen Perspektiven zu zeigen.

1953 stellte er einen Film über Eichhörnchen vor, der den bekannten Verhaltensforscher Konrad Lorenz begeisterte. Sielmann bekam von ihm den Auftrag, auch ein Porträt über den heimischen Hamster zu machen. Das Nagetier lebt in einem unterirdischen Kammersystem – und war bisher noch nie in seinem Lebensraum gefilmt worden.

"Wir bauten in sorgsamer Kenntnisnahme der Freilandsituation ein Nest, setzten eine große Scheibe ein und zogen die Hamster mit der Flasche auf, sodass wir eher Kumpane als Feinde für diese Tiere waren. Wir setzten sie in dieses Territorium, wo sie alle angeborenen Verhaltensweisen entfalten konnten. Das war ein neuer Stil, der vor allem in England bei der 'National History Unit' der BBC Furore machte."

Heinz Sielmann, 1999 im Interview mit Hartmut Stumpf, alpha-Forum

"The Woodpeacker" – Sielmann

Der Eichhörnchen-Film trug Sielmann genauso einen Bundesfilmpreis ein, wie die "Zimmerleute des Waldes" – ein Film über das Leben der Spechte, bei dem Sielmann ebenfalls auf eine konstruierte Parallelhöhle zurückgriff, von der aus die Spechte bei der Brutpflege "hautnah" gefilmt werden konnten. Der Film fand bei den Briten und der BBC großen Anklang und verhalf Sielmann in England zu dem Spitznamen "The Woodpeacker".

Ein Fernsehstar mit markanter Stimme

Mai 1982: Sielmann präsentiert eine Muschel aus seiner Sammlung in seinem Münchner Haus.

Sielmann unternahm ausgedehnte Expeditionen, filmte in der Arktis wie in Afrika, in Neuguinea und Australien. Auch dabei bewies er immer wieder ungeheuere Geduld. Etwa als er 1963 fünf Monate unter schwierigsten Bedingungen im Hochland von Papua-Neuguinea das Balzverhalten von Paradiesvogelarten aufzeichnete und dabei trotz Hitze und Monsunregen geduldig auf den richtigen Moment wartete.

"Expeditionen ins Tierreich"

Von 1965 bis 1991 präsentierte Sielmann viele seiner oft mit großem Aufwand gedrehten Filme im Fernsehen: in der erfolgreichen Tiersendung "Expeditionen ins Tierreich". Über 170 wurden davon im Abendprogramm ausgestrahlt. Und Sielmann selbst wurde mit seiner markanten Stimme bald zum Markenzeichen der Sendung und ähnlich bekannt wie sein Kollege Bernhard Grzimek.

Der Todesstreifen als Naturschutzprojekt: Das Grüne Band

Seit er 1988 den Film "Tiere im Schatten der Grenze" gedreht hatte, engagierte sich der Filmemacher dafür, den Todesstreifen der ehemaligen innerdeutschen Grenze zu Thüringen für den Naturschutz zu erhalten. Als Grünes Band Deutschland ist das Naturschutzprojekt inzwischen Teil des Grünen Bandes Europa.

Ökologie als zentrales Thema

Ökologie war für Sielmann ein zentrales Thema. Der Mensch müsse sich mit der Natur arrangieren und das Kapital, auch das landschaftliche, schonen, so seine Meinung. Und so war für ihn "eine artenreiche Landschaft (...) der beste Beweis für eine intakte Landschaft." 1994 erhielt er eine Honorarprofessur für Ökologie an der Fakultät für Biologie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München.

"Sielmanns Naturlandschaft Wanninchen"

Aus dem Engagement am ehemaligen Grenzstreifen resultierte 1994 die Gründung der Heinz Sielmann Stiftung, die der Tierfilmer gemeinsam mit seiner Frau Inge ins Leben rief. Seit 1996 ist sie auf Gut Herbigshagen bei Duderstadt ansässig. Die Stiftung will durch Ankauf und Pflege von Biotopen Lebensräume für bedrohte Arten schaffen und erhalten und sie will die Menschen für einen bewussten Umgang mit Natur und Umwelt sensibilisieren.

"Ich bin sehr glücklich, dass ich nach einer so intensiven, jahrzehntelangen Arbeit auf allen Kontinenten nun meine Erfahrung nutzen kann, um etwas für den Naturschutz zu tun."

Heinz Sielmann, 1999 im Interview mit Hartmut Stumpf, alpha-Forum

Innerhalb weniger Jahrzehnte, so mahnte Sielmann damals, hätten wir es geschafft, "mehr als die Hälfte aller Wirbeltiere unserer Heimat in irgendeiner Form zu bedrohen und jede zweite Vogelart in Gefahr zu bringen." Sielmann sah die große Aufgabe des Tierfilms heute darin, "uns hier ein bisschen die Augen zu öffnen."

Naturschützerin Inge Sielmann

Bis zu seinem Tod am 2. Juni 2006 begleitete seine Frau Inge den Tierfilmer über 55 Jahre durchs Leben. Sielmann hatte sie 1951 beim NDR kennengelernt. 1978 mussten die beiden miterleben, wie ihr Sohn Michael bei einer Expedition in Kenia im Alter von 24 Jahren ums Leben kam. Dieser Unfalltod soll auch einen Anstoß zur Gründung der Heinz Sielmann Stiftung gegeben haben. Nach dem Tod ihres Mannes hat Inge Sielmann, die auch die "Grande Dame des Naturschutzes" genannt wird, den Vorsitz des Stiftungsrats übernommen. Noch heute gehört die 87-Jährige dem Stiftungsrat an.

  • Heinz Sielmann - das letzte Interview, 04.06.2017, 22.15 Uhr, ARD-alpha
  • Eins zu Eins. Der Talk: Inge Sielmann, Naturschützerin, 15.01.2017, 16.05 Uhr, Bayern 2

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