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Psychologie Warum Vorurteile so hartnäckig sind

"Männer können nicht zuhören, Frauen nicht einparken und nicht rechnen". Selbst wer mit dem Gegenbeweis konfrontiert wird, wirft seine Vorurteile nicht über Bord, denn Klischees graben sich tief in unser Gehirn ein.

Stand: 06.09.2012

"Frauen sind in Mathe schwächer als Männer und Schwarze weniger intelligent als Weiße". Wer solche Vorurteile hegt, müsste doch eigentlich seine Meinung ändern, wenn er eine Professorin für Mathematik trifft oder einen Farbigen, der ihm intellektuell überlegen ist. Das tut er aber meistens nicht. Stereotypen zu überdenken oder gar abzulegen kostet geistige Mühe. Die vermeidet unser Gehirn gerne. Beobachtungen, die unseren Vorurteilen offensichtlich widersprechen, werden auf andere Weise ins eigene Weltbild integriert.

"Eine sehr einfache Möglichkeit ist zu sagen: Naja, die Person ist keine typische Repräsentantin ihrer Gruppe mehr, sondern eigentlich die Ausnahme. Das heißt, wir können unser Vorurteil über die Gruppe insgesamt beibehalten, nehmen die Person, die das Gegenteil darstellt, psychologisch aus der Gruppe heraus und erklären diese Person zur Ausnahme."

Ulrich Wagner, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Marburg

Unterschubladen für Gegenbeweise

Statt das Vorurteil zu überdenken, bilden wir einfach "Substereotype". Diese überlagern das alte Stereotyp und retten uns so über die "Erschütterung durch die Wirklichkeit" hinweg nach dem Motto: Ausnahmen bestätigen die Regel - und das Vorurteil.

"Unsere Vorurteile suchen Bestätigungen und lassen Widerlegungen nicht in gleichem Maße gelten. Das macht sie ja so gefährlich. Aber auch so 'gut', weil sie das Leben so unglaublich vereinfachen. Durch Vorurteile wird unsere Weltsicht unglaublich viel einfacher."

Gerhard Roth, Professor für Verhaltensphysiologie an der Universität Bremen

Der "erste Eindruck"

Ein Lächeln stimmt uns freundlich.

Vorurteile können rasend schnell entstehen. Im Alltag entscheidet zum Beispiel der berühmte "erste Eindruck" über Sympathie und Antipathie. Innerhalb von einer Minute stellen wir fest, ob uns ein Mensch sympathisch oder unsympathisch ist. Das passiert aufgrund weniger Kriterien, die hoch automatisiert in unserem Gehirn verarbeitet werden: Wir beobachten blitzschnell Mimik, Gestik, Stimmlage und Körperhaltung unseres Gegenübers und sortieren.

Daraus ergibt sich sofort ein Gesamturteil: Der ist mir sympathisch, der unsympathisch und der ist mir völlig egal. Egal wie gut oder schlecht der Betreffende sich dann später etwa als Kollege verhält und welche anderen Eigenschaften er hat - das Vorurteil der ersten Minute bleibt über Monate und Jahre erhalten.

Sparfunktion im Gehirn

Vorurteile halten sich hartnäckig, weil wir beim Denken sozusagen auf "Energiesparen" programmiert sind. Statt "kompliziert und langsam" mag es unser Gehirn lieber "schnell und einfach".

"Je komplexer meine Umwelt ist, desto schwieriger sind meine Entscheidungen. Schwierige Entscheidungen sind psychisch extrem belastend, davon will ich los kommen. Wenn mir jemand erzählt, dass das Elend der Welt nur aus dem und dem Faktor kommt, dann kann ich damit besser umgehen, das entlastet mich. Aber immer darüber nachzudenken: 'Das Elend in der Welt ist multifaktoriell und viele Dinge sind daran beteiligt. Es gibt nicht nur einen Schuldigen', ist emotional und kognitiv sehr unbefriedigend. Obwohl es die realistischere Haltung wäre, unsere Emotionen halten das nicht aus."

Gerhard Roth, Professor für Verhaltensphysiologie an der Universität Bremen


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