Künstliches Fleisch Im Herbst kommt der Burger aus dem Labor
Der Niederländer Mark Post möchte bis Oktober die erste Frikadelle aus künstlich gezüchtetem Fleisch herstellen. Das hat der Wissenschaftler auf der Jahrestagung des amerikanischen Forscherverbandes, der "American Association for the Advancement of Science" (AAAS) angekündigt. Es könnte eine weitere Etappe bei der Suche nach einem massetauglichen Schlachtfleischersatz sein.
250.000 Euro - so viel wird die erste künstliche Burger-Frikadelle am Ende laut Mark Post kosten. Bis Oktober, das kündigte der Wissenschaftler von der Universität Maastricht bei der Jahrestagung des AAAS an, soll er präsentiert werden. Anders als bei den normalen Burgern kommt sein Fleisch nur mittelbar von glücklichen Kühen, vor allem aber aus dem Labor.
Tissue-Engineering ist das Zauberwort. Einzelne Zellen werden dabei benutzt, um durch Vermehrung im Labor ganze Gewebestrukturen zu züchten. Dafür braucht man entsprechende Nährlösungen oder einen Bioreaktor. Ein Anwendungsbeispiel ist die Züchtung von Haut. Was zum Durchbruch bei der Spenderorgan-Krise verhelfen kann, schafft auch künstliches Fleisch.
Der Schlüssel bei Post sind Stammzellen von Rindermuskeln, die der Forscher im Labor zu Gewebe züchtet. Ganz ohne Schlachttiere läuft die Fleischproduktion deswegen auch in Zukunft nicht ab, aber mit sehr viel weniger Schlachttieren, so Post. Bisher konnte der Forscher nur sehr kleine Streifen von Muskelgewebe produzieren. Im Oktober aber soll das Fleisch für einen ganzen Burger reichen. Finanziert wird das Projekt von einem anonymen Unterstützer.
Wachsendes Interesse am Laborfleisch
In-Vitro
Mit dem Begriff "In-Vitro" bezeichnet man organische Vorgänge, die außerhalb von einem lebenden Organismus unter experimentellen Bedingungen im Labor ablaufen. So geht es bei der In-Vitro-Fertilisation um die künstliche Befruchtung im Reagenzglas. Beim Fleisch ist damit gemeint, dass aus einzelnen Stammzellen unter Laborbedingungen Gewebe "wächst".
Nicht nur er ist anscheinend an dem Fleischprojekt interessiert. Denn was auf den ersten Blick eklig erscheint, wird vielleicht mal zur ernsthaften Alternative zum Schlachtfleisch. Schon im vergangenen Jahr diskutierte die European Science Foundation über In-Vitro-Fleisch, aus dem im Labor gezüchteten Fleisch. Die Organisation "New Harvest" unterstützt die Forschung in diesem Gebiet. Denn weil der Fleischhunger auf der Welt wächst, wird es immer schwieriger ihn zu stillen.
Fleisch auf den Tellern
Fleischkonsum
61 Kilo Fleisch pro Kopf aß der Deutsche 2010 laut dem Bundesverband der deutschen Fleischindustrie. Weltweit betrug der Fleischkonsum im Jahr 2010 laut einer Hochrechnung der Welternährungsorganisation FAO insgesamt rund 270 Millionen Tonnen. Und der Hunger auf Fleisch wächst mit zunehmendem Wohlstand einiger Länder und der wachsenden Weltbevölkerung. Im Jahr 2002 hat die FAO ausgerechnet, dass in der Zeit von 2010 bis 2050 der weltweite Hunger auf Fleisch um 73 Prozent steigen wird, wenn gleichzeitig die Weltbevölkerung auf 8,91 Milliarden ansteigt. Neuere Hochrechnungen lassen den Schluss zu, dass wir im Jahr 2050 sogar 9,15 Milliarden Menschen sein könnten. Doch nicht wir Europäer werden dann mehr Fleisch essen. Vor allem in Asien und in Lateinamerika soll bis 2020 der Fleischhunger steigen.
Fleisch und seine Umweltkosten
Der Preis für Fleisch ist hoch für die Umwelt. Denn die Produktion von Fleisch ist sehr energieintensiv. Die Tierhaltung im Landwirtschaftssektor trug laut einer Untersuchung der FAO im Jahr 2006 alleine 18 Prozent zu den globalen Treibhausgasemissionen bei. Bei der Produktion von einem Kilo Rindfleisch werden so laut WWF über 13 Kilo CO2-Äquivalent produziert. Beim Geflügel sind es 3,5 Kilo CO2 pro Kilo, beim Gemüse nur 150 Gramm pro Kilo. Keine unbedeutende Größe. Für die Tierhaltung braucht man auch sehr viel Wasser und Land. Laut einem Bericht der Welternährungsorganisation aus dem Jahr 2006 werden für die Tierhaltung und die dazugehörige Futtermittelproduktion alleine 30 Prozent der weltweiten, nicht von Eis bedeckten Fläche verwendet.
Einsparung durch Kultur-Fleisch
Laut einer Studie von Wissenschaftlern aus Oxford könnte man durch die Produktion von Kunstfleisch 35 bis 60 Prozent des bisherigen Energieverbrauchs, 80 bis 95 Prozent der Treibhausgasemissionen und 98 Prozent der Landnutzung gegenüber der normalen Tierhaltung einsparen. Ob das Fleisch dann aber auch schmeckt, ist eine andere Frage. Kritisiert wird auch, ob man mit dieser Methode jemals preiswert genug Fleisch produzieren kann.
Um den Fleischbedarf zu stillen, zerbrechen sich noch andere Wissenschaftler den Kopf. Die Produktion von Steaks und Burger aus Getreide stellte zum Beispiel der Wissenschaftler Patrick Brown von der Stanford University bei der AAAS-Tagung vor. Der niederländische Forscher Marcel Dicke setzte schon 2010 beim internationalen Wissenschaftstreff, der TED-Konferenz auf mehr Insekten im Speiseplan. Aus Soja, Eiweiß oder gar Algen gibt es bereits Fleischersatz in Wurstform.
Dennoch ist In-Vitro-Fleisch wahrscheinlich für viele attraktiver. Denn für Fleischesser geht es eben auch um den Fleischgeschmack. Mit einem Preis von einer Million Dollar für das erste Stück künstliches Hühnchenfleisch zeigte auch die Tierschutzorganisation PETA Interesse am fleischigen Fleischersatz. Das Preisgeld ist Mark Post indes nicht sicher. Immerhin produziert er statt Hühnchenfleisch künstliches Rindfleisch und die PETA-Deadline läuft schon im Juni 2012 aus. Bis zu einem kommerziellen Verkauf könnten weiterhin Jahre vergehen. Ob sich das lohnt? Am Ende endscheidet wohl, ob der Verbraucher auch in einen Burger aus Laborfleisch herzhaft beissen möchte.

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