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Schnelltest für Sportler Gehirnerschütterung oder nicht?

Eishockey, Fußball oder Handball – bei Kontaktsportarten gehören Stürze und Schläge auf den Kopf dazu. Ob diese zu Gehirnverletzungen führen, konnte bisher nicht erkannt werden. Ein neuer Schnelltest der TU München soll das ändern.

Stand: 20.01.2014

Eishockey: Mit dem Kopf gegen die Bande | Bild: picture-alliance/dpa

Eishockey gilt als die schnellste Mannschaftssportart der Welt. In vollem Tempo fahren zwei Kontrahenten auf die Bande zu. Die gegnerischen Spieler prallen aufeinander. Der eine klatscht mit dem Helm an die Bande, der andere fällt mit dem Hinterkopf aufs Eis – eine durchaus alltägliche Szene in einem Kontaktsport. Gehirnerschütterungen sind hier genauso an der Tagesordnung, wie im Fußball oder Handball. Doch welche Folgen solch ein Sturz oder Schlag hat, war bisher schwer zu diagnostizieren. Das soll sich nun dank eines neuen Tests ändern.

Gefahr durch wiederholte Schläge

Auch beim Fußball kommt es zu immer mehr Kopfverletzungen

Gehirnerschütterungen können zu kleinen Blutungen und Schwellungen im Gehirn führen, den sogenannten Mikroverletzungen. Müssen die Sportler dann wieder zu früh auf das Spielfeld oder Eis und bekommen sie einen erneuten Schlag auf den Kopf, können diese Verletzungen zu größeren Schäden führen. Bekommen sie erneut innerhalb der ersten zwei Tage bis zu zwei Wochen einen oder mehrere Schläge auf den Kopf, erhöht sich die Gefahr einer größeren Schädigung deutlich.

Aktuelle Beispiele

Eishockey: Stefan Ustorf

Nach Angaben der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) gibt es im Fußball, Handball und Eishockey die meisten Verletzungen im deutschen Profisport. 2013 war der Spitzenreiter Eishockey, mit jährlich durchschnittlich 260 registrierten Verletzungen pro 100 Spieler, vor Fußball mit durchschnittlich 206 Verletzungen.

Bei der Veröffentlichung der Zahlen, forderte der Chef des Unfallkrankenhauses Berlin, Axel Ekkernkamp, für alle Profi-Sportarten einen Schnelltest, bei dem noch am Spielfeldrand eine Schädel-Hirn-Verletzung erkannt werden kann. Damit hätte auch dem Eishockey-Profi und deutschen Nationalspieler Stefan Ustorf geholfen werden können.
"Spieler bekommen Ellbogen an den Kopf oder schlagen hart aufs Eis." Das könne lebenslange Folgen haben, wie für den früheren Kapitän der Eisbären Berlin. Ustorf erlitt Anfang 2011 durch einen Check ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Er musste seine Karriere beenden und leidet noch immer an den Folgen der Verletzung.
"Mir geht es vor allem im Kopf unverändert sehr schlecht. Dadurch spüre ich, wie nach und nach auch mein Körper auseinanderfällt, […] mir war es nicht bewusst, wie schlecht meine Verfassung werden kann, weil ich nicht mehr trainieren, mich nicht mehr körperlich fit halten kann." sagte Stefan Ustorf in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, veröffentlicht am 4. März 2013.

Nordamerikanisches Eishockey

Ehemalige Eishockeyprofis der National Hockey League (NHL) haben im November 2013 bei einem Bezirksgericht in Washington eine Gemeinschaftsklage gegen den nordamerikanischen Ligenverband eingereicht. Sie werfen der NHL Versäumnisse beim Thema Kopfverletzungen vor. Die Zahl der Kläger stieg von ursprünglich zehn auf über zweihundert. Sie unterstellen der Liga über das Risiko von Kopfverletzungen Bescheid gewusst zu haben, die Spieler jedoch nicht informiert zu haben.
Zu den Klägern zählen Spieler wie Rick Vaive, der in 930 NHL-Spielen 468 Tore erzielte oder Gary Leeman, 1993 Stanley-Cup-Gewinner mit den Montreal Canadiens.
Die Klage wirft der NHL nicht nur die Verheimlichung von Gefahren vor, sondern unterstellt ihr auch, nach wie vor ihren Beitrag zu den Verletzungen zu leisten.
Auch in der NHL gibt es zahlreiche Stars wie Eric Lindros, Chris Pronger, Pat LaFontaine oder Mike Richter, die ihre Karrieren aufgrund von Gehirnerschütterungen beenden mussten.

American Football

San Francisco 49ers bei Green Bay Packers

Im Juli 2011 verklagten 75 Ex-Profis die nordamerikanische National Football League (NFL), weil diese absichtlich klare Beweise für Langzeitschäden am Gehirn durch ständige Kopfstöße zurückgehalten habe. Viele der einstigen Footballer leiden aufgrund zahlreicher Gehirnerschütterungen an Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson oder Demenz. Zunächst wies der Liga-Boss Roger Goodell die Vorwürfe vehement zurück und behauptete, dass in der Liga die Sicherheit und Gesundheit der Spieler immer oberste Priorität gehabt hätten.

Als die Zahl der Kläger dann auf mehr als 4.500 anstieg, knickte die NFL ein. Ende August 2013 einigte man sich außergerichtlich mit rund 18.000 ehemaligen Spielern und Hinterbliebenen von Ex-Profis auf eine Zahlung von 765 Millionen Dollar!
Im Januar 2014 hob eine Bundesrichterin aus Philadelphia die vorläufige Anerkennung des Vergleichs wieder auf. Richterin Anita Brody war besorgt, dass nicht alle betroffenen Spieler und deren Familien vergütet würden.

Bisher: Schwierig zu diagnostizieren

Nicht immer eindeutig zu diagnostizieren ...

Um eine Gehirnerschütterung zu diagnostizieren, musste bisher eine Kernspintomografie-Untersuchung im Krankenhaus durchgeführt werden. 85 Prozent der Gehirnerschütterungen heilen dann in knapp einer Woche von alleine aus, wenn der Verletzte strikte Ruhe hält. Doch was passiert, wenn ein Spieler mitten im Angriff am Kopf getroffen wird? Trainer und Ärzte müssen oft sehr schnell entscheiden, ob der betroffene Spieler wieder einsetzbar ist oder zum eigenen Schutz aus dem Spiel genommen werden sollte.

Ein Tropfen Blut aus der Fingerspitze

Ehemalige American Footballspieler der NFL ...

Um diese Entscheidung zu erleichtern und damit schwereren Verletzungen vorzubeugen, haben Peter Biberthaler, Direktor der Klinik für Unfallchirurgie im Klinikum rechts der Isar, und Ärzte der amerikanischen Universität Rochester einen neuen Schnelltest entwickelt, der mit einem Tropfen Blut aus der Fingerspitze des Betroffenen am Spielfeldrand durchgeführt werden kann. Der Test basiert auf dem Befund, dass nach einer Gehirnerschütterung der Wert eines bestimmten Proteins – des Proteins S100B – im Blut des Verletzten enorm ansteigt. Das Eiweiß ist ein Bestandteil der Stützzellen des Gehirns. Sind die angeschlagen, wird das Protein frei, wandert sozusagen ins Blut.

Studie zum Protein S100B

Voraussetzungen

1. Das Protein S100B ist bei jedem Menschen in unterschiedlicher Konzentration vorhanden. Damit konnte zunächst kein allgemeiner Schwellenwert definiert werden.
2. Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen dem S100B-Wert vor und nach einer Verletzung. Deshalb wurde bei den an der Studie teilnehmenden Sportlern der S100B-Wert in einer gesunden Ruhephase bestimmt. Die Sportler mussten über einen längeren Zeitraum beobachtet werden.
3. Die Konzentration des Proteins steigt nicht nur bei einer Gehirnerschütterung an, sondern auch durch körperliche Anstrengung.

Studie

Zwischen 2009 und 2011 untersuchten die Ärzte 46 Sportler aus Deutschland und den USA auf ihren normalen Wert des Proteins.
An der Studie nahmen Eishockey-, Fußball-, Basketball- und American Football-Spieler teil.

Bei Anstrengung

Um herauszufinden, wie stark sich körperliche Anstrengung auf den Blutwert auswirkt, untersuchten die Ärzte einen Teil der Sportler (30) nach sportlicher Betätigung.
Sie stellten fest, dass die Zunahme des S100B-Wert durch körperliche Anstrengung mit durchschnittlich zwei Prozent eher gering ist.

Bei Gehirnerschütterung

Die Verletzung ließ den S100B-Wert förmlich in die Höhe schnellen. Von den 46 im Ruhezustand untersuchten Athleten erlitten 22 eine klinisch nachgewiesene Gehirnerschütterung. Bei 17 von ihnen wurde innerhalb von drei Stunden nach dem Unfall der S100B-Wert gemessen. Die durchschnittliche Steigerung betrug 81 Prozent.




Bluttest am Spielfeldrand

EM 1992: Guido Buchwald ...

Die Wissenschaftler folgerten aus ihren Ergebnissen, dass eine Gehirnerschütterung zuverlässig vorliegt, wenn das S100B-Protein um 45 Prozent gegenüber dem Normalwert ansteigt. Langfristig wollen die Forscher den Bluttest so verfeinern, dass ihn jeder Vereinsarzt am Spielfeldrand durchführen kann. In der nächsten Saison dürfen die Spieler noch nicht mit einem Durchbruch für den Test rechnen. Aber ein solcher Schnelltest wäre für alle – Spieler, Ärzte, Vereine und Ligen – ein echter Segen.


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