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Fossilien in Ostafrika Homo erectus war nicht allein

Neben dem Homo erectus müssen zeitgleich noch zwei weitere Menschenarten in Ostafrika gelebt haben. Das beweisen Fossilien des Koobi Fora Forschungsprojekts in Kenia. Interessant ist, warum allein der Homo erectus sich weiterentwickelt hat.

Stand: 08.08.2012
Die Paläontologen Meave Leakey und Fred Spoor (r.) sammeln Fossilien in Nord-Kenia nahe der Stelle an der sie bedeutsame Fossilien fanden. | Bild: picture-alliance/dpa

Die Paläontologin Meave Leakey und ihr Kollege Fred Spoor vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig sammelten zwischen 2007 und 2009 Fossilien im Osten des Turkana-Sees in Kenia. Sie fanden fast zwei Millionen Jahre alte Fundstücke: einen Gesichtsschädel, einen sehr gut erhaltenen Unterkiefer und den Teil eines zweiten Unterkiefers von Frühmenschen.

Hominiden namenlos

Auffälligstes Merkmal der anderen Menschenarten in Kenia war ihr langes, flaches Gesicht.

Die wissenschaftliche Analyse zeigt nun, dass die Funde nicht dem Homo erectus, sondern zwei anderen Arten der Gattung Homo angehören. Bis heute konnten sich die Forscher noch nicht auf einen wissenschaftlichen Namen für die neuen Menschenarten einigen. Meave Leakey vermutet, dass der Homo erectus als Einziger überlebt hat, weil er ein größeres Gehirn hatte als die anderen Arten.

Mehr Grips überlebt

Erst die Zähne eines Menschen machen eine wissenschaftliche Analyse eines Fossils möglich.

Die Lebensumstände im Pleistozän waren rau. Intelligenz war gefragt. Denn wer Hirn hatte, hatte die Fähigkeit, bessere Steinwerkzeuge herzustellen und leichter Nahrung zu finden. Das seien evolutionär gesehen Vorteile, um sich gegen andere Spezies durchzusetzen und zum heutigen Homo sapiens zu entwickeln, so die 70-jährige Forscherin.

"Die neuen Fossilien werden uns dabei helfen aufzudecken, wie unser Zweig der menschlichen Evolution vor fast zwei Millionen Jahren entstand und zu blühen begann."

Fred Spoor vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig

Wie der Mensch zum Menschen wurde

"Ardi" ist unser ältester Vorfahr

Zeichnung von "Ardi" | Bild: picture-alliance/dpa J.H. Matternes

Der Ardipithecus, kurz "Ardi", ist rund 4,4 Millionen Jahre alt und gilt jetzt als ältester direkter Vorgänger des Menschen. Seine Knochen zeigen: Unsere frühen Vorfahren waren weniger affenähnlich als bisher vermutet. "Ardi" war etwa 1,20 Meter groß und wog rund 50 Kilogramm. Hände, Füße und Becken deuten darauf hin, dass er auf Bäume kletterte, aber auch auf zwei Beinen auf dem Boden lief. Sein Gehirn war noch klein wie das eines heutigen Schimpansen, die Schädelbasis ähnelte jedoch bereits der von späteren Vormenschen.

Australopithecus - der "Affenmensch"

Modell des Australopithecus Boisei  | Bild: picture-alliance/dpa, Wissenschaftliche Rekonstruktionen: W.Schnaubelt/N.Kieser (Wildlife Art) für Hessisches Landesmuseum Darmstadt)

Nach dem Ardipithecus kam der Australopithecus. Die Australopithecen waren etwa 1,20 Meter groß, fellbedeckt und anfangs reine Vegetarier. Ihr Gehirn war etwa so groß wie das heutiger Schimpansen. Als sich das Klima in Ostafrika änderte, entwickelte sich ein Zweig der grazilen Australopithecen zu robusten Nussknackern. Doch die einseitig auf hartfaserige Pflanzen ausgerichtete Speisekarte war eine Sackgasse: Als vor 1,2 Millionen Jahren das Klima erneut umschlug, starb dieser Zweig aus. Krisenfest waren nur diejenigen, die sich rechtzeitig zu Allesfressern gemausert hatten. Aus ihnen ging später die Gattung Homo hervor.

Australopithecus sediba - das Mischwesen

Australopithecus sediba (Mitte) im Vergleich zu Mensch (links) und Schimpanse (rechts) | Bild: Lee Berger / University of Witwatersand, Südafrika

2008 wurden in Südafrika rund zwei Millionen Jahre alte Fossilien des Australopithecus sediba entdeckt. Er besitzt sowohl Merkmale der Australopithecinen als auch späterer Menschenarten. Sedibas oberer Brustkorb war eng und ermöglichte die zum Klettern nötigen Bewegungen des Schulterblattes. Becken, Hände und Zähne ähnelten menschlichen Verwandten. Möglicherweise stammt Sediba nicht von der ostafrikanischen Australopithecus afarensis-Linie ab, sondern bildet mit Australopithecus africanus eine südafrikanische Schwestergruppe. Peter Schmid von der Universität Zürich meint: "Die zahlreichen Gemeinsamkeiten mit Homo erectus lassen vermuten, dass Sediba die geeignetste Vorform der Gattung Homo darstellt."

Homo habilis - der geschickte Ostafrikaner

Rekonstruktion eines Homo habilis | Bild: picture-alliance/dpa, Wissenschaftliche Rekonstruktionen: W.Schnaubelt/N.Kieser (Wildlife Art) für Hessisches Landesmuseum Darmstadt)

Er lebte vor 1,8 bis 1,4 Millionen Jahren in Afrikas Osten. Mit 650 Kubikzentimetern Volumen erreicht sein Hirn schon fast die halbe Größe unseres Gehirns. Seine Finger ähneln noch denen eines Schimpansen, doch sein Daumen ist dem modernen Menschen vergleichbar. Ob er aber wirklich schon zu den Hominiden zu zählen ist oder eigentlich noch ein Australopithecus ist, ist bis heute umstritten.

Homo rudolfensis

Kopfrekonstruktion von Homo rudolfensis | Bild: picture-alliance/dpa, Wissenschaftliche Rekonstruktionen: W.Schnaubelt/N.Kieser (Wildlife Art) für Hessisches Landesmuseum Darmstadt)

Der etwa 1,50 Meter große Homo rudolfensis gilt als das älteste eindeutig menschliche Wesen. Belegt ist, dass er von vor 2,5 bis vor 1,8 Millionen Jahren gelebt und Werkzeuge hergestellt hat. Mit den scharfkantigen Steinen schlitzte er anfangs wohl nur harte Schalen auf. Später nutzte er sie aber auch, um sich verendete Tiere in mundgerechte Happen zu säbeln.

Homo erectus

Eine Besucherin betrachtet die Nachbildung eines Homo erectus | Bild: picture-alliance/dpa

Der Homo erectus ist vor etwa zwei Millionen Jahren aufgetreten. Gekühlt von Schweißdrüsen war er bereits ein ausdauernder Läufer. Weil er keinen Pelz mehr hatte, war er wahrscheinlich dunkel pigmentiert, um vor der Sonne geschützt zu sein.

Erster Großwildjäger

Mitarbeiter des Naturkundemuseums Görlitz verrücken ein Modell von einem Säbelzahntiger | Bild: picture-alliance/dpa

Der Homo erectus gilt außerdem als erster Großwildjäger. Spätestens seit 1,2 Millionen Jahren jagen Menschen in Gruppen und brauchten schon allein deshalb keine Gegner mehr fürchten. Weil ihn seine Schweißdrüsen kühlten, konnte er auch in der Tageshitze aktiv sein. Damit schlug er den großen Pelztieren ein Schnippchen, die um diese Zeit ruhten - und dann entweder selbst zum Opfer oder zumindest um ihre Beutetiere beraubt wurden.

Gehirnschmalz

2009 fanden Forscher um Matthew Bennet die ältesten Fußabdrücke in Kenia, die den modernen Gang belegen.  | Bild: picture-alliance/dpa; Prof. Matthew Bennett, Bournemouth University,

Der Homo erectus brachte es auf ein Gehirnvolumen von 950 Kubikzentimetern - doppelt so viel wie die Australopithecinen. Mit pflanzlicher Nahrung allein hätte das Gehirn gar nicht so schnell wachsen können. Auf das energiereiche Fleisch hatte sich auch der Verdauungsapparat des Homo erectus eingestellt: Er besaß bereits den kleinen, kurzen Dickdarm des heutigen Menschen.

Homo heidelbergensis

Kiefer des Homo heidelbergensis | Bild: picture-alliance/dpa, Uli Deck

Aus dem Homo erectus ging vor etwa 600.000 bis 200.000 Jahren der Homo heidelbergensis hervor. Benannt wurde dieser Typus nach seinem Fundort: Mauer bei Heidelberg. Dort wurde der fossile Unterkiefer 1907 entdeckt. Vor etwa 300.000 bis 150.000 Jahren war das Klima in Europa geprägt von einem Wechsel zwischen kurzen Warm- und langen Eiszeiten. Vor allem in den Kaltphasen war der Homo heidelbergensis von seinen Artgenossen in Asien und Afrika abgetrennt. In Europa entwickelte er sich um diese Zeit zu einer eigenen Menschenform: dem Neandertaler.

Neandertaler-Kultur

So könnte der Neandertal ausgesehen haben | Bild: picture-alliance/dpa

Untersuchungen der fossilen Neandertalerknochen und -zähne lassen spannende Schlüsse zu: Unter dem Mikroskop wiesen einige Knochen Löcher in der Knochensubstanz auf. Diese bilden sich, wenn ein verletzter Knochen nicht mehr richtig belastet wird, aber noch lebt. Ein Hinweis darauf, dass Neandertaler ihre Verwundeten gepflegt haben - viele scheinen sogar schwere Knochenbrüche überlebt zu haben. Aus Knochen isoliertes Kollagen ließ Rückschlüsse auf die Neandertaler-Ernährung zu: Die bestand demnach hauptsächlich aus Fleisch - große Tiere wie Mammuts oder Wollnashörner standen häufig auf dem Speiseplan. Auch die Art, wie die entdeckten Knochen angeordnet waren, verrät etwas über die Neandertaler-Kultur: 1908 wurde in Frankreich ein fast vollständig erhaltenes Skelett mit angewinkelten Beinen entdeckt. Forscher vermuten, dass der Tote bestattet wurde. Das legt nahe, dass die Urmenschen bereits Emotionen wie Trauer kannten und eine Vorstellung vom Jenseits hatten. Der Barium-Gehalt eines Kinderzahns zeigte, dass das Neandertaler-Kind gut sieben Monate lang voll gestillt wurde, dann eine Weile zusätzlich feste Nahrung bekam und mit rund eineinviertel Jahren vollständig abgestillt wurde. Barium ist in hoher Konzentration in Muttermilch vorhanden, in fester Nahrung ist der Gehalt geringer. Das chemische Element lagert sich im Körper unter anderem im Zahnschmelz ab. Die zeitliche Zuordnung ermöglichten die Wachstumsringe des Zahnes. Ein Rätsel aber bleibt, warum der Neandertaler vor rund 30.000 bis 40.000 Jahren von der Bildfläche verschwunden ist.

Denisova-Mensch

Die Aufnahme zeigt eine Replik von einem Fingerknochenfragment eines Denisova-Menschen auf einer menschlichen Hand. | Bild: MPI für evolutionäre Anthropologie / picture-alliance/dpa

Bei einer ersten Untersuchung vom Denisova-Mensch analysierten die Forscher 2010 nur die Erbinformation der Mitochondrien in den Knochenzellen eines Fingerknochens aus der Denisova-Höhle. Diese lässt sich leichter isolieren und entziffern, da sie nur aus 16.500 Bausteinen besteht, nicht aus drei Milliarden wie die eigentliche menschliche DNS. Zudem gibt es in jeder Zelle 8.000 Mitochondrien - zahlreiche Kopien also, die Lesefehler verringern helfen. Die DNS der untersuchten Mitochondrien wich an 385 Stellen von der beim modernen Menschen ab. Neandertaler-Mitochondrien unterscheiden sich dagegen von unseren nur an rund 200 Stellen. Die von Schimpansen an knapp 1.500. Eine genauere DNS-Analyse ließ die Forscher schließen: Der Denisova-Mensch ist eine eigene Urmenschenform, neben dem Neandertaler aber der nächste Verwandte des Menschens. Da das Fundstück in einer Schicht gefunden wurde, die auf ein Alter von 30.000 bis 50.000 Jahre geschätzt wird, muss der Mensch damals gelebt haben. Weitere Forschungsergebnisse lassen vermuten, dass er in einem Gebiet zwischen Südostasien und Sibirien verbreitet war. Ein Ahnenporträt gibt es von ihm noch nicht.

Homo sapiens

Eine Museumsbesucherin betrachtet den 30.000 Jahre alten Schädel eines Homo Sapiens | Bild: picture-alliance/dpa, Jörg Carstensen

Älteste Funde des Homo sapiens sind rund 160.000 Jahre alt. Er eroberte von Afrika aus die übrigen Kontinente: Vor rund 100.000 Jahren war er im Nahen Osten angelangt, vor 50.000 Jahren in Ostasien und vor 40.000 in Europa. Mit dem Erscheinen des europäischen Homo sapiens - nach seinem Fundort in Frankreich auch Cro-Magnon-Mensch genannt - werden die Werkzeuge auffallend hoch entwickelt. Auch die Sprechfähigkeit könnte in diese Zeit fallen. Das Gehirn ist deutlich größer, das Skelett graziler geworden: Der Schädel ist abgerundeter, die Stirn höher, das Kinn prägnanter, es gibt keine Überaugenwülste mehr. In China wurde 2003 der sogenannte Tianyuan-Mensch gefunden, benannt nach der Fundhöhle in der Nähe Pekings. Er ist das asiatische Pendant zum Cro-Magnon-Menschen. Untersuchungen des Erbguts des Tianyuan-Menschen zeigen, dass sich die europäische und die asiatische Linie dieser frühmodernen Menschen schon vor über 40.000 Jahren getrennt haben muss. Mehrere Jahrtausende lebte der Homo sapiens parallel zum Neandertaler. Durchgesetzt hat sich schließlich der Homo sapiens.


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