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Biogas Nachhaltigkeit mit Nebenwirkung

Warum noch für einen Hungerlohn Kühe halten? Immer mehr Bauern füttern lieber eine Biogasanlage statt ihre Tiere. Das ist lukrativ, weshalb Rinderställe und Weideflächen Biogasanlagen weichen. Doch das hat massive Nebenwirkungen.

Stand: 29.02.2016

Ein Mann füllt mit einem Radlader Maissilage in eine Biogasanlage. | Bild: picture-alliance/dpa

Anfang der 1980er-Jahre experimentierten die ersten Bauern mit Gülle, um daraus Energie zu gewinnen. Damals galten sie noch als "spinnerte Tüftler". Dass es sich einmal rentieren könnte, mit Gülle Wärme und Strom zu erzeugen, war damals unvorstellbar. Von einer "Furz-Idee" spricht heute im Zusammenhang mit Biogas niemand mehr: Rund 9,2 Milliarden Euro erwirtschaftet die Branche im Jahr 2015. Laut dem Fachverband Biogas e.V. produzieren die rund 8.900 Biogasanlagen in Deutschland eine Leistung von 4,2 Megawatt – genug Strom für rund neun Millionen Haushalte.

Rund 2.360 Anlagen stehen Ende 2014 allein in Bayern, mit einer Leistung von über 700 Megawatt und einer zusätzlichen installierten Methaneinspeiseleistung von über 11.600 Normkubikmeter je Stunde. Sie können mindestens zwei Millionen Haushalte versorgen.

Für viele Bauern ist Biogas die wichtigste Einnahmequelle geworden, mit der sich mehr Geld verdienen lässt als mit der Tierzucht. Was sich vor allem lohnt, ist die Gewinnung von Strom aus Biogas: Für jede Kilowattstunde, die sie ins öffentliche Stromnetz einspeiste, bekommen die Bauern aufgrund des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) und seinen Novellierungen je nach Anlagengröße bis zu 25 Cent. Die Einspeise-Vergütung wird den einzelnen Landwirten aber nur 20 Jahre lang bezahlt, bei den ersten "Energiewirten" wird sie demnächst auslaufen. Was das für die Zukunft der Biogasanlagen bedeutet, ist heute noch nicht abzusehen, weil sie ohne Zuschüsse in der Regel kaum wirtschaftlich zu betreiben sind.

Seit 2004 kam noch der "Nawaro-Bonus" dazu. "Nawaro" steht für "nachwachsende Rohstoffe" und das heißt vor allem Mais. So mancher Landwirt wurde deshalb zum Energiewirt. Er baute Mais und Getreide nicht mehr als Futter für seine Kühe, sondern für seine Biogasanlage an. 2014 wurde dieser Zuschuss für nachwachsende Rohstoffe allerdings wieder gestrichen.

Biomüll wird zur Mangelware

In der Anfangszeit wurden für die Erzeugung von Biogas nur Gülle und Festmist verwendet. Mehr Biogas lässt sich gewinnen, wenn mit der Gülle organische Stoffe wie Biomüll oder Abfälle aus Schlachtereien, der Gastronomie oder der Lebensmittelindustrie vergoren werden. Doch inzwischen wird es für die Landwirte mit größeren Biogasanlagen immer schwieriger, den wachsenden Bedarf an Biomüll und anderen organischen Reststoffen zu decken.

Kritik am Biogas

Nur Mais

Nur noch Maismonokulturen

Mais ist die effizienteste Pflanze für Biogas, deshalb wird immer mehr davon angebaut. Und zwar auf immer größeren Flächen. Die Kritiker sehen eine Gefahr darin, dass die Maismonokulturen überhandnehmen. Ihre Befürchtung: Die Landschaft verödet und der Boden wird ausgelaugt.

Überteuerung

Explodierende Pachtpreise

Je mehr Biogas-Anlagen gebaut werden, desto teurer wird das Ackerland in der Umgebung: Landwirtschaftliche Betriebe mit Viehzucht können sich dann oft die Pacht für das Ackerland, das sie für den Futtermittelanbau brauchen, nicht mehr leisten.

Gärreste

Welche Auswirkung haben die Gärreste?

Die Gärreste aus der Biogasanlage werden als Dünger auf die Felder ausgebracht. Sie enthalten sehr viel Stickstoff und kaum Kohlenstoff. Niemand weiß bisher, wie sich die Humusbilanz des Bodens entwickelt, wenn über viele Jahre hinweg nur Biogasreste ausgebracht werden. Zudem belasten die ausgebrachten Gärreste das Grundwasser mit Nitraten. Wegen zu hoher Nitratwerte muss das Wasser aufbereitet, schlimmstenfalls müssen auch Brunnen geschlossen werden.

Weite Wege

Lange Transportwege

Ein weiterer Kritikpunkt sind die vielen und weiten Transporte, die für eine Biogasanlage nötig sind. Reststoffe, Gülle und tonnenweise Mais, der oft über hunderte Kilometer angefahren wird, stellen, so die Kritiker, für Anwohner eine Belastung dar und haben wenig mit "Bio" zu tun. Zumal für den Transport fossile Energie verbraucht wird.

Strom aus Mais und Getreide

Neue Biogasanlagen werden deshalb heute so konstruiert und bestehende so umgerüstet, dass sie mit nachwachsenden Rohstoffen betrieben werden können, die der Landwirt selbst produziert: mit Mais, Getreide, Grünroggen, Futterrüben - oder Gülle. Zur Hygienisierung werden die flüssigen Biomassen auf 75 Grad Celsius erhitzt. Damit werden Keime und Unkrautsamen vernichtet und der Energieverbrauch reduziert.

Die Hauptarbeit in einer Biogasanlage übernehmen spezielle Bakterien, die die Biomasse unter Ausschluss von Sauerstoff abbauen und dabei Energie gewinnen, um sich zu vermehren. Bei diesem Gärprozess produzieren die Bakterien zu rund zwei Dritteln Methan, daneben Kohlendioxid, Sauerstoff, Stickstoff und in geringer Menge weitere Gase. Verwertbar ist das Methan, das entweder zum Heizen oder zur Stromerzeugung verwendet werden kann.

Das Ende des Biogas-Booms?

Problematisch für Biogasanlagen ist, dass ihr Gewinn auch abhängig vom weltweiten Getreidepreis ist. In Zeiten knapper Getreidevorräte heizen immer neue Biogasanlagen die Konkurrenz um Biomasse vom Acker an. Zudem sichern sich Großinvestoren zunehmend riesige Ackerflächen, um dort Mais anzupflanzen. Dafür zahlen sie fast jeden Preis - was die Pacht in die Höhe treibt. Biogasanlagen können für Landwirt eine ökologisch korrekte und zuverlässig sprudelnde Geldquelle sein. Doch bei weltweiten Missernten oder Wetterphänomenen wie dem El Nino im Jahr 2015 kann sich das schnell verändern.

Politik bringt Trend ins Stocken

Erneuerbare Energien | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Neuregelungen zum Energieausbau Bundeskabinett billigt Ökostromreform

Das Bundeskabinett hat die nächste Stufe des Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG) beschlossen. Mit der Reform soll der Ausbau von Wind-, Solar- oder Biogas-Kraftwerken genauer gesteuert werden. Von Charlie Grüneberg [mehr]


Biogasanlagen | Bild: BR zum Video mit Informationen Energiequelle Was gehört in die Biogasanlage?

Maismonokulturen, Probleme mit dem Trinkwasser, Artenschwund auf den Feldern. All das hat dem Image von Biogasanlagen geschadet. Durch das neue EEG wurde die Förderung von Biogas stark reduziert. Kommt das auch der Umwelt zugute? [mehr]

Eigentlich sollte der Ausbau an Biogas- und Biomethan-Anlagen vorangetrieben werden, um den Ausstieg aus der Atomkraft zu meistern. Biogas gilt als flexibler Energieträger, denn es ist im Gegensatz zu Wind- und Sonnenenergie speicherbar. Ein Grund mehr, warum die Anlagen zunächst gefördert wurden. Doch die Verteuerung des Ackerlandes, der Einstieg von Großinvestoren und der Ausbau von Monokulturen wie Mais kratzten am Image der Biogasanlagen.

2014 reagierte die Politik mit der umstrittenen Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Für große Anlagen wurden die Auflagen und Bedingungen verschärft, es wird für Strom aus Biogas nur noch die Grundvergütung gezahlt, der Einsatz von speziellen Energiepflanzen wird nicht extra vergütet. Nur noch kleine Biogasanlagen bis 75 Kilowatt Leistung und Gülle oder Mist als Nahrung für die Bakterien bekommen jetzt noch eine hohe Einspeisevergütung über 20 Cent. Große Anlagen müssen mit 15 Cent auskommen. Weitere Anreize für kleine Gülleanlagen wurden zurückgenommen. Das alles hat zur Folge, dass der Biogas-Ausbau derzeit lahmt.

Zukünftige Aufgaben von Biomethan und Biogas

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) hat eine Studie in Auftrag gegeben, wie die Zukunft von Biomethan und Biogas in unserem Energiesystem aussehen sollte. An dieser Studie, deren Ergebnisse im April 2015 in Berlin vorgestellt worden sind, sind zahlreiche Einrichtungen beteiligt, unter anderem: die Universität Rostock, das Deutsche Biomasseforschungszentrum (DBFZ), das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik sowie das Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg. Die Themen der Studie:
- Ist-Stand der Biomethannutzung: Kosten, Klimawirkungen, Verwertungswege
- Potenziale der Biogasgewinnung und -nutzung
- Biogas aus Energiepflanzen: Potenziale & Flächen, Anbauprioritäten & Kosten, Natur & Landschaft
- Beitrag von Biomethan im Energiesystem
- Leitbild und Ausbaukorridor für die Biogas- und Biomethanproduktion
- Alternativen der Biomethanförderung zur Nutzung in der Kraft-Wärme-Kopplung außerhalb des EEG
Die Dossiers sind online nachzulesen:


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