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Biopiraterie Patente auf jahrtausendealtes Wissen

In Indien kennen die Menschen die Heilwirkung des Niembaums schon lange. Solches Wissen interessiert auch Unternehmen aus den Industrienationen. Sie versuchen, die Rezepturen zu erfahren und auf eigenen Namen patentieren zu lassen.

Stand: 06.11.2014

Aus den Blättern, den Samen und der Rinde des tropischen Niembaums lassen sich Medikamente gegen Bluthochdruck, Verdauungsbeschwerden und viele andere Krankheiten herstellen, außerdem Pflanzenschutzmittel gegen Insekten- und Pilzbefall. Bauern in Indien stellen solche Präparate schon lange selbst her, und indische Firmen produzieren Niem-Medikamente und -Pflanzenschutzmittel nach Rezepten aus alten indischen Schriften.

Patente auf altes Wissen

Aber auch Firmen aus den Industrieländern entdeckten die vielseitig nutzbare Pflanze. Sie entwickelten daraus Produkte, die sie patentieren ließen und dann im großen Stil herstellten. Für die indischen Verbraucher und Firmen stieg daraufhin der Rohstoffpreis in die Höhe. Doch nicht nur das: Wegen der Patente konnten indische Hersteller ihre Niem-Produkte zum Teil nicht mehr exportieren.

Heiß begehrt: der Niembaum

Einige der Niem-Patente wurden nach Protesten internationaler Organisationen aber widerrufen. Es handelte sich dabei nämlich nicht um neue Erfindungen.

Um solche Fälle von "Biopiraterie" in Zukunft zu verhindern, haben die indischen Behörden eine Internetdatenbank aufgebaut. Darin sind historische und moderne Schriftstücke und Publikationen über das Wissen der Heil- und Nutzpflanzen in Indien gespeichert. So lässt sich altes, schon lange bekanntes Wissen identifizieren, auf das sich keine Patente erteilen lassen.

Jahrzehntelange Verhandlungen

Kurkuma sollte 1995 als Mittel zur Behandlung von Wunden patentiert werden. Das misslang aber.

Schon seit Anfang der 90er-Jahre gibt es die Idee, mit einem weltweiten Abkommen die Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern vor der Ausbeutung ihrer Ressourcen zu schützen. Das gilt auch für ihre Pflanzen und ihr Wissen über sie. Nach dem UN-Gipfel über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 wurde jahrzehntelang verhandelt. Im Oktober 2010 wurde schließlich das sogenannte "Nagoya-Protokoll" verabschiedet. Darin ist beispielsweise festgeschrieben: Die genetischen Ressourcen und das traditionelle Wissen, wie man aus den Pflanzen Medikamente, Kosmetika oder Pflanzenschutzmittel herstellen kann, dürfen Firmen in Zukunft nur mit Genehmigung und bei entsprechender Gegenleistung nutzen.

Gülig seit 2014

In der japanischen Stadt Nagoya wurde das nach ihr benannte Protokoll beschlossen.

Nachdem 50 Staaten und die Europäische Union am 14. Juli 2014 das Protokoll ratifiziert hatten, trat es 90 Tage später, also am 12. Oktober, in Kraft. In ihm wurden die Ziele für den weltweiten Artenschutz formuliert. Bis 2020 sollen der Verlust an natürlichen Lebensräumen halbiert, die Überfischung der Weltmeere gestoppt sowie 17 Prozent der Landfläche und zehn Prozent der Meere unter Schutz gestellt werden.

Genaue Prüfung in Brasilien

Ein japanischer Konzern versuchte erfolglos, seine Mixtur aus dem Öl der Samen der Cupuaçu-Frucht und Kakaobutter patentieren zu lassen.

Das traditionelle Wissen indigener Gemeinschaften ist aber auch ohne Nagoya-Protokoll nicht schutzlos dem Gewinnstreben von Pharma- oder Kosmetik-Firmen ausgeliefert. Entscheidend ist, dass die Regierung entsprechende Gesetze erlässt und auch durchsetzt, so wie zum Beispiel Brasilien. Dort müssen diejenigen, die indigenes Wissen nutzen wollen, sich zunächst bei staatlichen Stellen melden und ein Genehmigungsverfahren durchlaufen. Sie müssen nachweisen, dass die indigene Gemeinschaft die Zustimmung zur Nutzung ihrer Ressourcen gegeben hat. Diese Prüfung ist aufwendig und kann durchaus bis zur Genehmigung zwei Jahre dauern. Lange für die Unternehmen, die den Antrag stellen, aber gut für die Ureinwohner, die nicht um den Lohn für ihr Wissen geprellt werden.


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