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Biokraftstoffe Umstrittener Sprit aus Rüben, Mais und Co.

Sprit aus nachwachsenden Rohstoffen wurde eine Zeit lang regelrecht gefeiert. Doch dann wurde die Kritik immer lauter: Biosprit – ein Klimakiller. Zudem wird er dafür verantwortlich gemacht, dass Lebensmittel knapp und teuer werden.

Stand: 29.02.2016

Laborantin nimmt Biodiesel-Probe | Bild: picture-alliance/dpa

Als Biosprit bezeichnet man Kraftstoffe, die aus nachwachsenden Rohstoffen oder Biomasse hergestellt werden. Zu den wichtigsten gehören Biodiesel und Bioethanol. Biodiesel wird aus Pflanzenölen wie Raps-, Soja- oder Palmöl gewonnen. Bioethanol entsteht durch Vergärung des Zuckers von Mais, Rüben oder Zuckerrohr. Biokraftstoff kann theoretisch auch aus Bioabfällen, Holz oder Stroh hergestellt werden. In Bayern wurden nach Angaben des bayerischen Agrarberichts 2014 im Jahr 2012 auf rund 451.000 Hektar nachwachsende Rohstoffe angebaut. Hierzulande wird vor allem Raps für Rapsölkraftstoff und Biodiesel angebaut.

Kleines Lexikon der Agrar-Kraftstoffe

Rapsöl

Rapsfeld

Reines Rapsöl, so wie es auch als Speiseöl im Lebensmittelhandel erhältlich ist, können Dieselfahrzeug-Fahrer seit den 90er Jahren auch an Tankstellen kaufen. Wer reines Rapsöl fährt, muss seinen Dieselmotor an das zähflüssige Pflanzenöl anpassen lassen, sonst gibt es Probleme bis hin zu Motorschäden. Moderne Dieselmotoren mit Abgasreinigung kommen ohne aufwendige und 1.000 bis 3.000 Euro teure Umrüstung nicht klar mit reinem Pflanzenöl. Mittlerweile bieten auch längst nicht mehr so viele Tankstellen Rapsöl an. Es ist nicht mehr von der Mineralölsteuer befreit, und der Preisunterschied zu herkömmlichem Diesel ist nicht mehr so groß. Neben dem technischem K.O. bekommt reines Rapsöl auch ökologisch keine wirklich guten Noten. Raps ist eine Ackerfrucht, für die viel Chemie und Energie aufgewendet werden muss.

Biodiesel

Veredelung von Rapsöl zu Rapsölmethylester

In den 90ern kam Biodiesel, besser gesagt Agrardiesel in Mode. Gemeint ist damit Rapsölmethylethylester. Dafür wird Rapsöl mit Alkohol vermischt. Dadurch bekommt das zähflüssige Rapsöl ähnliche Eigenschaften wie herkömmlicher Dieseltreibstoff. Wenn Motoren und Kraftstoffleitungen ihrerseits nicht an Rapsmethylester anpasst sind, richtet der Agrar-Diesel Schaden an. Agrardiesel treibt nicht nur in reiner Form Dieselmotoren an, sondern wird zurzeit auch herkömmlichem Diesel beigemischt. Von Staats wegen, als Maßnahme zum Klimaschutz, weil der Treibstoff von nachwachsenden und Kohlendioxid bindenden Pflanzen stammt.

Bioethanol

E85-Zapfsäule

Rapsöl und Rapsmethylester sind Treibstoffe für Diesel-Fahrzeuge. Wer lieber einen Benziner fährt, kann derzeit nur Bioethanol tanken, also einen Bioalkohol. Tankstellen führen diesen Treibstoff meist als E85, also als Mischung aus 85 Prozent Alkohol und 15 Prozent Benzin. E85 wird in Europa vorwiegend aus Getreide hergestellt, in Brasilien aus Zuckerrohr. An der Tankstelle kostet Bioethanol zurzeit deutlich weniger als herkömmliches Benzin. Allerdings liegt der Verbrauch etwa 20 Prozent höher, und auch die Wartungsintervalle der Fahrzeuge sind kürzer. Unterm Strich lässt sich also nicht so viel sparen. Zudem kritisieren Naturschützer, dass Bioethanol zu einer Intensivierung der Landwirtschaft führt.

Biomethan

Biogasanlage

Das gilt auch für einen weiteren Treibstoff: Biomethan. Das gewinnen die Bauern in ihren Biogasanlagen hauptsächlich aus Mais und Gülle und speisen es ins Erdgasnetz ein. Von Seiten der Motorentechnik gibt es keine Einwände für eine Beimischung von Biomethan zum Erdgas. Von einem Maisacker lässt sich etwa in Form von Biomethan viermal so viel Energie ernten, wie es beim Rapsöl der Fall ist. Aber die Nachfrage nach Biomethan ist derzeit verschwindend gering. Ende 2009 hatte Erdgas in Deutschland nur einen Anteil von 0,3 Prozent am Gesamtkraftstoffverbrauch; entsprechend liegt Biomethan im Promille-Bereich.

Ottokraftstoff E10

E10-Kraftstoff an der Zapfsäule

Seit Anfang 2011 sind Ottokraftstoffe mit der Zusatzbezeichnung "E10" an der Zapfsäule zu haben. "E" steht für Ethanol, die Zahl "10" für maximal 10 Vol.%. Im Gegensatz zu den bisherigen Ottokraftstoffen (E5) ist E10 jedoch nicht für alle Fahrzeuge geeignet. Laut Bundesumweltministerium vertragen etwa 90 Prozent aller Benziner E10 ohne Einschränkungen. Neufahrzeuge seien in der Regel E10-tauglich. Was im Umkehrschluss aber auch bedeutet, dass Millionen von Fahrzeugen kein E10 vertragen. Der ADAC warnt: Insbesondere ältere Modelle könnten Probleme mit dem neuen Kraftstoff bekommen, weil der höhere Alkohol-Gehalt im Benzin möglicherweise Motorteile angreift.

Biodiesel aus Algen

Aus Algen kann Biodiesel hergestellt werden.

Ein großes Potenzial als Treibstofflieferanten sehen Forscher in Algen. Sie können wie Raps mithilfe von Sonnenlicht und Kohlendioxid energiereiche organische Substanzen bilden. Algen sind die reinsten Energiewunder: Aus ihnen kann durch ein chemisches Verfahren 20-mal so viel Biodiesel hergestellt werden wie aus der gleichen Menge Raps. Um den Produktionsprozess kosteneffizient zu machen, füttert eine kalifornische Firma genmanipulierte Algen mit modifiziertem Zucker und lässt sie in dunklen Großtanks wachsen und fermentieren. Ihr Vorteil gegenüber anderen Bio-Treibstoffen ist, dass der Algen-Anbau nicht mit landwirtschaftlichen Nutzflächen konkurriert. Und die Mikroorganismen verringern den CO2-Ausstoß von Kraftwerken. Seit 2012 wird in den USA Algen-Biodiesel erstmals kommerziell verkauft.

Kerosin aus Algen

Hochgelobt und und stark in der Kritik

Der Biotreibstoff Ethanol wird gern als umweltverträgliche und nachhaltige Alternative zu fossilen Brennstoffen gepriesen. So erklärte der aus Bayern stammende ehemalige Präsident des Deutschen Bauernverbands, Gerd Sonnleitner, mit dem Biokraftstoff E10 könnten im Vergleich zu rein fossilen Energieträgern 50 bis 60 Prozent der Klimagase eingespart werden. Eine Studie des Londoner "Institute for European Enviromental Policy" (IEEP) kam 2011 dagegen zu einem gänzlich anderen Bild.

Biosprit viel schlechter fürs Klima als Benzin

Die Studie geht davon aus, dass für die Produktion der Biotreibstoffe weltweit riesige Flächen in zusätzliches Ackerland umgewandelt werden müssen, was von Befürwortern des Biosprits nicht berücksichtigt wird. Die Forscher analysierten die offiziellen Pläne von 23 EU-Mitgliedstaaten zum Ausbau der erneuerbaren Energien. Demnach sollen bis 2020 in Europa 9,5 Prozent der Energie für den Verkehr aus Biosprit bestehen, der fast vollständig aus Ölsamen, Palmöl, Rohr- und Rübenzucker und Weizen gewonnen wird. Dafür müssten laut Studie weltweit bis zu 69.000 Quadratkilometer Wälder, Weiden und Feuchtgebiete in Anbauflächen umgewandelt werden - das entspricht der doppelten Fläche von Belgien. Infolgedessen würden Jahr für Jahr bis zu 56 Millionen Tonnen Treibhausgase freigesetzt.

Durch Biosprit steigen auch Lebensmittelpreise

Weiterer Widerspruch wächst wegen der bereits bestehenden landwirtschaftlichen Äcker, auf denen der Pflanzenanbau für Nahrung dem für Biosprit weichen muss. Seit Jahren schon wird die rasant zunehmende Nachfrage nach dem Alternativ-Kraftstoff für die weltweit steigenden Lebensmittelpreise verantwortlich gemacht. Die Argumentation: Weil Bauern weltweit mehr Pflanzen für Biokraftstoffe anbauen, kommt es insgesamt zu einer Verknappung der Nahrungsmittel und daher zu steigenden Preisen.

Wird Essen durch den Auspuff gepustet?

Von 200 Kilogramm Getreide kann man einen Menschen ein Jahr lang gut ernähren - oder sein Auto zweimal volltanken und durch die Gegend düsen. Pusten die Autofahrer der reichen Industrienationen das Essen der Armen also durch den Auspuff? Nein, sagt der Deutsche Bauernverband. Innerhalb der EU würden nur zwei Prozent der Getreideernte für Biokraftstoffe verwendet. Aber: Die EU kann ihren Bedarf an Biodiesel gar nicht alleine decken, sie importiert über die Hälfte des pflanzlichen Rohstoffs aus Ländern wie Brasilien oder Indonesien.


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