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Zweisprachige Erziehung Wenn man mehr als eine Sprache kann

Gleichzeitig die Muttersprache und eine weitere Sprache lernen - das geht nur im Kindesalter. Doch Zweisprachigkeit entsteht nicht automatisch. Wenn sie aber klappt, dann profitiert ein Mensch von der Bilingualität ein Leben lang.

Stand: 21.11.2017

Von Katrin Kellermann/Yvonne Maier

Grundsätzlich unterscheidet die Wissenschaft heute nicht mehr zwischen Mutter- und Fremdsprache, sondern nur noch zwischen Erst-, Zweit- oder Drittsprache. Das hängt davon ab, wann man die Sprache erlernt hat. Wenn Kinder von Geburt an mit zwei Sprachen aufwachsen, nennt man das "doppelter Erstspracherwerb".

Muttersprache, Zweitsprache oder Fremdsprache

Darüber hinaus sind die Übergänge zwischen einsprachig und mehrsprachig fließend. Man kann auch klassisch eine Fremdsprache als Erwachsener lernen und damit zweisprachig sein. Zwar klingt man dann niemals wie ein Muttersprachler, kann ihn aber im Wortschatz möglicherweise übertreffen.

Sprache ist kein starres Konstrukt

Bei jedem Menschen verändert sich Sprache im Laufe des Lebens, das hängt vom Alter, vom Wohnort oder vom Beruf ab. Dasselbe gilt auch für Menschen, die mehrsprachig sind.

"Sie können dann in der einen Sprache eher über tägliche Verrichtungen sprechen, oder über das, was sie gerne essen. In einer anderen Sprache haben sie eher die Tiernamen parat und noch einmal in einer dritten Sprache können sie vielleicht eher über Autos reden. Das hängt einfach davon ab, wer mit ihnen über was in welcher Sprache redet."

Prof. Rosemarie Tracy, Universität Mannheim

Das bedeutet in der Praxis auch, dass Kinder, die bilingual aufwachsen, zunächst ihren Wortschatz mischen - um das auszudrücken, was sie wollen. Das macht vielen Eltern Sorgen.

Kinder trennen die Sprachen früh

Was die Forschung mittlerweile weiß: Kinder können schon sehr früh zwei Sprachen auseinanderhalten, ab drei Jahren wissen sie ganz genau, wann sie es mit welcher Sprache zu tun haben. Damit das klappt, sollten aber ein paar Dinge beachtet werden, damit das "System Sprache" grundsätzlich im Gehirn angelegt werden kann.

Wie Mehrsprachigkeit funktionieren kann

  • Jeder Elternteil sollte die Sprache weitergeben, die er selbst am besten spricht, denn Sprache ist Teil der Persönlichkeit und der kulturellen Identität.
  • "Eine-Person-eine-Sache-Prinzip": Jede Person sollte konsequent und ausschließlich in ihrer jeweils eigenen Sprache mit dem Kind reden. Falls das nicht möglich ist, weil ein Elternteil beispielsweise nicht viel Zeit mit dem Kind verbringen kann, kann man eine Sprache auch an eine bestimmte Situation koppeln. Das kann ein Spiel oder ein bestimmter Raum sein.
  • Um die Sprachkompetenz zu erhalten, muss man die unterschiedlichen Sprachen später auf hohem Niveau beherrschen. Auch als Erwachsener sollte man sie am besten täglich üben und nutzen. Doppelter Erstspracherwerb kann wieder verloren gehen, wenn eine der beiden Sprachen nicht mehr genutzt wird. Man kann sogar seine Muttersprache vergessen.

Keine Nachteile durch Mehrsprachigkeit

Wer mehrsprachig ist, hat kognitive Vorteile, sagen Forscher. Das Gehirn muss zum Beispiel ständig kontrollieren, in welcher Sprache es spricht und welche unterdrückt werden muss. Diese Hirnteile sind aber vernetzt mit Regionen, die andere wichtige Systeme unterstützen: Konfliktlösung, Empathiefähigkeit, Aufmerksamkeit.

Ob diese Beweglichkeit des Gehirns aber im Alltag tatsächlich spürbar ist, ist umstritten und nur schwer nachzuweisen. Was sich abzeichnet: Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, können sich möglicherweise besser in andere Menschen hineinversetzen. Ältere, bilinguale Menschen hatten darüber hinaus in einer kanadischen Studie weniger häufig Alzheimer.

Zweierlei Maß in der Zweisprachigkeit

Wer mehrsprachig aufwächst, ist ein Mittler zwischen Kulturen. Denn die meisten lernen zufällig zwei Muttersprachen - weil ein Elternteil eine andere Sprache spricht. Hierzulande wird dabei aber mit unterschiedlichem Maß gemessen. Ein bilinguales Kind mit Französisch, Englisch oder Spanisch hat Vorteile. Doch Kindern, die neben Deutsch auch Türkisch, Arabisch oder Persisch sprechen, wird das nicht angerechnet.

"Leider wird ein Unterschied gemacht im Sprachprestige. Obwohl natürlich die Kompetenzen genauso sind. Das ist ein Denken, das sollte man aufbrechen, man sollte das unglaubliche Potential, das dahinter steckt, mehr in den Vordergrund stellen."

Prof. Claudia Maria Riehl, LMU München

  • Zu diesem Thema läuft am 21.11.2017 ein Radiofeature in der Sendung "IQ-Wissenschaft und Forschung" (Bayern 2)

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