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Kampf gegen Resistenzen Bakteriophagen statt Antibiotika

Im Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen entdeckt die Medizin ein altes Heilmittel neu: Bakteriophagen. Die Viren sind für Menschen ungefährlich, aber bei vielen bakteriellen Infektionen effektiv. Doch ihr Einsatz ist kompliziert.

Stand: 31.01.2018

Was tun, wenn Antibiotika nicht mehr wirken? Schon lange ist die Medizin auf der Suche nach Behandlungsalternativen zu den durch multiresistente Keime zunehmend stumpf gewordenen einstigen Wunderwaffen Antibiotika. Nun hat sie einen anscheinend genialen Ersatz gefunden: Bakteriophagen, oder kurz Phagen. Dabei handelt es sich um Viren. Ihr Vorteil: Sie sind für den Menschen völlig ungefährlich, weil sie nur Bakterien angreifen. Zudem sind die Phagen massenhaft zu haben, weil sie überall dort auftauchen, wo Bakterien sind.

Was die Phagen gegenüber Antibiotika außerdem unschlagbar macht ist, dass die gegen sie gebildeten Resistenzen für den Menschen ungefährlich sind. Phagen-resistente Bakterien, also solche, die Phagen wirkungslos werden lassen, können nämlich - anders als Antibiotika-Resistenzen - beim Menschen keine Krankheiten mehr auslösen. Außerdem vermehren sich Phagen ebenso schnell wie Bakterien und passen sich Veränderungen an. Die wenigen phagen-resistenten Bakterien können den Behandlungserfolg nicht mehr gefährden.

So töten Bakteriophagen ihre natürlichen Feinde

Ihre Wirkungsweise ist einfach: Der Phage - ein Virus - heftet sich an die Bakterienzelle, schleust seine eigenen Erbinformationen in sie hinein und übernimmt damit die Kontrolle. Die Bakterie produziert nun lauter neue Phagen. So viele bis sie platzt und dadurch scharenweise Phagen-Nachwuchs freisetzt. Jeder von ihnen kann nun wieder eine Bakterienzelle angreifen. Die Kettenreaktion läuft, solange Bakterien da sind. Die Bakterien gehen zugrunde und werden durch den Körper abgebaut.

Bakteriophagen - kein neues Heilmittel

Sieht fast so aus, als wären Bakteriophagen das neue Wundermittel gegen Bakterien. Neu stimmt schon mal nicht. Schon vor 100 Jahren haben der englische Arzt Frederick Twort und der Franko-Kanadier Félix d’Herelle die Bakteriophagen (was nichts anderes heißt als "Bakterienfresser") entdeckt. Insbesondere bei bakteriellen Infektionen ist die Behandlung mit Phagen erfolgversprechend. Das betrifft vor allem Diabetiker, deren Wunden lange offen bleiben und die sich dann oft entzünden, aber zum Beispiel auch Brandverletzte oder chronisch Lungenkranke bei bakteriellen Infektionen.

Auch bei Darmerkrankungen wie dem Reizdarmsyndrom sehen Ärzte mit den Phagen neue Heilungsmethoden, denn anders als Antibiotika, greifen Phagen die Darmflora nicht an.

Bakteriophagen haben kaum Nebenwirkungen

Die Behandlung mit Phagen hat kaum Nebenwirkungen. Wenn ein Patient Phagen als Tablette oder flüssig schluckt, kann ein schlechter Geschmack auftreten. Selten kommt es zu einer erhöhten Temperatur oder - bei lokaler Anwendung - zu einer leichten allergischen Reaktion.

Bakteriophagen - Antibiotika des Ostens

Phagen sind außerdem billig, viel billiger als Antibiotika. In Osteuropa ist der Einsatz von Bakteriophagen seit Langem problemlos möglich, der Erfahrungsschatz ist entsprechend groß. Medizinische Entwicklungshilfe aus Russland und vor allem aus Georgien – bei der Phagentherapie ist das normal.

In Westeuropa ist das anders. Hier hatten die Ärzte Antibiotika. Lange konnten sie sich darauf verlassen. Mittlerweile treten jedoch häufig Resistenzen auf.

Aber es gibt auch andere Gründe, warum eine Therapie mit Bakteriophagen in Westeuropa nur eingeschränkt möglich ist. Nach den Ethik-Regeln des Welt-Ärztebundes dürfen Ärzte Bakteriophagen nur verwenden, wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft sind.

Immerhin hat das Bundesforschungsministerium im Herbst 2017 die ersten klinischen Studien mit Bakteriophagen in Deutschland genehmigt. Belgien ist sogar noch weiter: Im Januar 2018 führte es als erstes westliches Land die Phagen-Therapie als reguläre Behandlung ein. Bei bis zu 35.000 Patienten, die sich allein in Deutschland jedes Jahr mit einem antibiotikaresistenten Bakterium infizieren - wovon einige Tausend sterben - ist das ein wichtiger Schritt.

  • Bakteriophagen am 1. Februar um 18.05 Uhr in "IQ - Wissenschaft und Forschung", Bayern 2

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