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Erfinder Artur Fischer gestorben Spieltrieb und Entdeckerfreude bis zuletzt

Ihm haben wir zu verdanken, dass Regale nicht um- und Spiegel nicht herunterfallen: Artur Fischer war der Erfinder des weltberühmten Dübels. Und von 1.100 nützlichen Dingen mehr. Am Mittwoch ist er im Alter von 96 Jahren gestorben.

Stand: 29.01.2016

Artur  Fischer, im Vordergrund ein überdimensioniertes Modell eines Fischer-Dübel | Bild: picture-alliance/dpa

Wer ihm begegnete, lernte einen bescheidenen, höflichen und humorvollen Menschen kennen. Doch ging es um kreative Ideen, akzeptierte Artur Fischer keine Kompromisse:

"Ich werde nichts machen, was ich selber eigentlich verachten muss."

Artur Fischer, Erfinder

Deutschlands bekanntester Erfinder, der am 31. Dezember noch seinen 96. Geburtstag feierte, ist am 27. Januar gestorben.

Zur Neugier erzogen

Fischer selbst war sich sicher, zum Erfinder geboren und erzogen worden zu sein: "Man muss schon früh dazu ermuntert werden, neugierig und kreativ zu sein." Seine Mutter stammte aus einer Familie von Technikern und Ingenieuren und unterstützte Sohn Artur in seiner Werkstattecke auf der Veranda. 

Eine handvoll Fischer-Dübel in den Händen von Artur Fischer.

Als Artur Fischer acht Jahre alt war, wollte er zum Beispiel einen Hubschrauber aus Holz bauen. Für den Rotor nahm er ein Brett, bohrte ein Loch hinein und befestigte eine Kurbel vom Schrottplatz daran. Als die Konstruktion fertig war, drehte er, aber nichts geschah. "Ich dachte, du willst fliegen. Also musst du schneller drehen", sagte seine Mutter. Der kleine Artur kurbelte so schnell er konnte, irgendwann ging ihm die Luft aus, doch der Hubschrauber blieb wie festgenagelt auf dem Boden. Dann gab er auf. "Heute hast du etwas gelernt. Nämlich, dass ein Hubschrauber nicht fliegt, wenn du ihn auf diese Weise baust", sagte die Mutter. Das war die Anekdote, die Artur Fischer erzählte, wenn man ihn nach seiner Kindheit fragte. Sie stammt aus dem Jahr 1928.

Doch aufgeben lag ihm nicht in der Natur. Darüber hinaus hatte er schon als Kind das Glück, regelmäßig mit Baumaterialien versorgt zu werden: "Ich hatte einen guten, lieben Mann, der mir immer half - der Schreiner, zu dem ich kam und der mir die Brettchen gab und Holzstäbchen", erzählte Fischer.

Erfinderisch durch die Nachkriegsjahre

Als Artur Fischer mit 28 Jahren aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, kam er zunächst in einem Kleinbetrieb für Reparaturen unter. In einem Nachbarort des schwäbischen Tumlingen fand er eine leer stehende Werkstatt und wagte den Schritt in die Selbstständigkeit: "Ich habe Bretter gebettelt von unseren Waldbauern und mir eine Werkbank zusammengezimmert." Bohrmaschine und Schraubstock lieh er sich von einem Nachbarn. Kurze Zeit später gelang ihm eine erste kleine Erfindung, die ein alltägliches Problem der Nachkriegsjahre löste: Strom gab es, aber es war schwierig, an Streichhölzer zu kommen, also konstruierte er elektrische Feueranzünder. Diese verkauften seine Frau Rita und er gegen Butter, Eier oder Schinken oder tauschten sie gegen Werkzeug. So wuchs der kleine Betrieb im baden-württembergischen Waldachtal langsam.

Vom Unsinn zum Synchron-Blitz

Durch Zufall - oder einen kritischen und kreativen Geist - stieß Fischer auf die nächste Sache, die die Welt gut gebrauchen konnte: Zu Weihnachten 1948 wünschte er sich ein Familienfoto mit der sechsmonatigen Tochter Margot. Die bestellte Fotografin wollte für die Aufnahme einen mit Blitzpulver gefüllten Beutel anzünden. Die Stichflamme sollte den Raum erhellen. Das war Fischer nicht geheuer. Er schickte die Fotografin fort. So hatte er zwar kein Familienfoto, dafür aber eine neue Aufgabe.

"Ich hatte überhaupt keine Ahnung von Fotografie. Aber ich wusste, dass es ein Unsinn ist, wenn man eine Blitzkugel an einer Schnur aufhängt und dann mit einem Streichholz anzündet, die Kamera einstellt, Verschluss aufmacht und dann sollen die Leute noch ein anständiges Gesicht machen."

Artur Fischer

Ein halbes Jahr später meldete er sein erstes Patent an: "Magnesiumblitzlichtgerät für Photoapparate". Wieder war er auf ein Problem gestoßen, das es zu lösen galt - indem er die Welt um sich herum aufmerksam betrachtete. Sein Motto lautete immer: "'Geht nicht, gibt's nicht!" Das machte ihn zu einem der produktivsten Erfinder der Welt, mit mehr als 1.100 eigenen Patenten.

Geniestreich: der Spreizdübel

Artur Fischer und sein Dübel aus Spezialkunststoff (Foto aus den 1960er Jahren)

Das Blitzlicht machte ihn berühmt, doch zur Legende wurde er erst durch den Dübel. Zunächst erfand Artur Fischer einen neuartigen Kunststoff. Bis dahin waren Dübel nämlich aus Holz gefertigt, die nur wenig aushielten. An einem Samstag im Jahr 1958 bastelte Fischer dann mit Feile, Säge und Bohrmaschine den ersten Prototyp. Ein paar Tage später spuckte eine Maschine in seiner Fabrik einen Schwung grauer Dübel aus. Es ist bis heute wohl die erfolgreichste Erfindung von Artur Fischer. Die kleinen, gezahnten Kunststoffteile stecken milliardenfach in Wänden und Decken weltweit und werden bis auf ein paar kleine Veränderungen noch genauso produziert wie im Jahr 1958.

Einfälle unter der Dusche

"Wenn das Wasser da oben runterkommt und ich dusche mich morgens, dann bin ich alleine. Dann bin ich mit dem Wasser total allein. Und niemand stört mich. Und da kann es sein, dass meine Frau kommt und sagt: Heute gehst Du wohl nicht ins Geschäft. Ich sag': Mir ist gerade was eingefallen, oder: Ich arbeite noch daran. Da kann es also sein, dass ich eine Stunde oder zwei Stunden unter der Dusche stehe, das merke ich überhaupt nicht. Das ist die Freiheit, nichts um sich herum zu haben, sondern einfach hineinzuträumen, der Lösung entgegen."

Artur Fischer

Sohn Klaus Fischer leitet mittlerweile die Geschäfte.

Nicht jeder wird unter der Dusche zum Erfinder - ein gewisses kreatives Potenzial braucht man schon. Dieses bei Kindern zu fördern, hatte sich Artur Fischer zur Lebensaufgabe gemacht. Deswegen entwickelte er "fischertechnik", sein Konstruktions-Baukastensystem aus Kunststoff. Mit fast 80 Jahren dachte er sich ein weiteres Kreativspielzeug aus, diesmal für die jüngsten Bastler: Fischer TiP, kleine farbige Würstchen aus pflanzlicher Stärke. Sie fühlen sich an wie Verpackungsmaterial. Man kann damit bunte Bilder kleben oder Tiere, Autos und Burgen bauen. Denn: Früh übt sich, wer ein Erfinder werden will.

Übrigens: Eine seiner jüngsten Erfindungen ist ein Eierbecher, in dem man mit einem Messer ein Ei köpfen kann, ohne dass dieses verrutscht. Bis zuletzt kam Artur Fischer fast jeden Tag ins Büro und erfand Dinge, auch wenn sein Sohn Klaus längst die Geschäfte leitete.

"Wenn man einmal der Hunderter-Marke nahekommt, dann lässt die Leistungsfähigkeit nach, das merkt man. Aber aufgeben ist keine Lösung."

Artur Fischer


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