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Tag der Alphabetisierung 750 Millionen Menschen können nicht lesen und schreiben

Lesen und schreiben zu können sind Grundvoraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben. Dies zu erlernen ist in manchen Ländern Asiens und Afrikas jedoch oft ein Privileg. Aber auch in Deutschland ist Analphabetismus nicht selten.

Stand: 08.09.2017

Welttag der Alphabetisierung

Alljährlich am 8. September ist Welttag der Alphabetisierung. Die UNESCO erinnert an diesem Tag an die Bedeutung von Alphabetisierung und Erwachsenenbildung. 2017 steht der Welttag unter dem Motto "Alphabetisierung in einer digitalen Welt".

Rund 750 Millionen Erwachsene weltweit – dazu zählt die UNESCO Menschen ab 15 Jahren – können nicht lesen und schreiben. Noch immer sind zwei Drittel davon Frauen. 102 Millionen junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren zählen weltweit dazu. Dabei hat sich die Weltgemeinschaft mit der Globalen Nachhaltigkeitsagenda dazu verpflichtet, bis zum Jahr 2030 allen Menschen weltweit Lese- und Schreibkompetenzen zu vermitteln, so Walter Hirche, Vorstandsmitglied der Deutschen UNESCO-Kommission.

"Nur wenn Menschen lesen und schreiben können, sind sie in der Lage, sich selbstständig zu informieren, ein Leben fernab der Armut zu führen und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben."

Walter Hirche, Vorstandsmitglied der Deutschen UNESCO-Kommission

Alphabetisierung in einer digitalen Welt

Wie Hirche betont, beeinflussen digitale Technologien "unser Leben, unsere Arbeit und unsere Art miteinander zu kommunizieren" fundamental. Deshalb bedeute Alphabetisierung auch Kompetenzerwerb für die Nutzung digitaler Informationen.

"Wir müssen dafür sorgen, dass weltweit aber auch in Deutschland alle von den Vorteilen der Digitalisierung profitieren und niemand abgehängt wird."

Walter Hirche, Vorstandsmitglied der Deutschen UNESCO-Kommission

Zehn Prozent der Analphabeten weltweit leben in Ost- und Südostasien, neun Prozent in Nord- und Westafrika sowie rund vier Prozent in Lateinamerika und der Karibik. Weniger als zwei Prozent der weltweiten Analphabeten sind laut der UNESCO in Zentralasien, Europa, Nordamerika und Ozeanien beheimatet.

Sorgenkinder Südasien und Subsahara

In einigen Ländern Asiens ist es keine Selbstverständlichkeit, dass Kinder lesen und schreiben lernen.

Besonders viele Analphabeten gibt es in Südasien. Dort lebt fast die Hälfte (49 Prozent) aller Analphabeten weltweit. 27 Prozent der erwachsenen Analphabeten sind in Afrika südlich der Sahara zuhause. In 20 dort angesiedelten Ländern können mehr als 50 Prozent der Menschen nicht lesen, darunter fallen unter anderen Afghanistan, der Chad, die Zentralafrikanische Republik, Gambia, Mali, Niger, der Irak, Senegal und auch der Südsudan. Auch wenn weltweit der Analphabetismus jüngerer Menschen abgenommen hat, in einigen dieser Länder ist die Zahl der jungen Erwachsenen zwischen 15 und 24 Jahren sehr hoch, die weder lesen noch schreiben können. Für die UNESCO liegt das daran, dass der Zugang zu schulischer Bildung erschwert ist, die Schule früh wieder verlassen wird und die Qualität der Ausbildung schlecht ist.

7,5 Millionen Deutsche sind Analphabeten

Auch in Deutschland gibt es viele Menschen ohne ausreichende Lese- und Schreibfertigkeiten. Zwölf Prozent der Berufstätigen - beinahe jeder achte - können nach Angaben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung nicht richtig lesen und schreiben, unter Hilfsarbeitern sogar über ein Viertel.

Auf die gesamte erwachsene Bevölkerung in Deutschland gerechnet sind nach Angaben des Deutschen Volkshochschulverbands (DVV) sogar 14,5 Prozent kaum in der Lage zu lesen und zu schreiben. Der DVV beklagt die anhaltend hohe Zahl von rund 7,5 Millionen funktionaler Analphabeten. "Keine andere Zahl verdeutlicht so drastisch die ungleiche Verteilung von Bildungs- und Teilhabechancen", so DVV-Direktor Ulrich Aengenvoort.

Drei Arten von Analphabetismus

  • Primärer Analphabetismus liegt vor, wenn eine Person nie Lese- und Schreibkenntnisse erworben hat.
  • Sekundärer Analphabetismus heißt, dass das einmal Erlernte wieder vergessen wurde.
  • Funktionaler Analphabetismus bedeutet, dass die Kenntnisse niedriger sind als im Alltag erforderlich. Betroffene können zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, aber keine zusammenhängenden Texte, auch wenn diese kurz sind.

Durchkommen ohne ABC

Trotz der mangelnden Lese- und Schreibkenntnisse schaffen es die meisten der Betroffenen, ihr Leben zu meistern - häufig sogar, ohne aufzufallen. Was andere sich notieren, lernen Analphabeten auswendig. Und mit kleinen Tricks mogeln sie sich durch den Alltag: So verbinden sich manche den Arm, bevor sie eine Behörde betreten, oder überlegen sich Ausreden wie "Ich habe meine Brille vergessen, könnten Sie mir das bitte vorlesen?" Analphabeten fühlen sich oft stigmatisiert, haben Angst, für "dumm" gehalten zu werden. Daher wenden sie sehr viel Energie dafür auf, ihre Schwäche zu verheimlichen.

  • "Ich lerne jetzt lesen" sozusagen, Bayern 2, 08.09.2017, 15.20 Uhr
  • Internationaler Alphabetisierungstag: Wie funktioniert eine Gesellschaft mit 50 Prozent Analphabeten? radioWelt am Morgen, Bayern 2, 08.09.2017, 06.05 Uhr
  • "Dyslexie – Vom Kampf mit den Buchstaben" ARD-alpha, 23.12.2016, 22.30 Uhr, Wiederholung 09.09.2017, 00:15 Uhr
  • "Alphabetenrate weltweit" und "Gespräch mit Ursula Klimiont, Bildungscampus Nürnberg, zu Analphabeten in Deutschland", radioWelt, Bayern 2, 08.09.2016, 06.05 Uhr
  • "Sieben Millionen können nicht lesen: Besuch im Alphabetisierungskurs", Nahaufnahme, Bayern 2, 28.08.2015, 15.30 Uhr
  • "Das Kreuz mit der Schrift: Das kann doch jeder", ARD-alpha, 09.09.2017, 02.30 Uhr

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Kommentare

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Lehrerin, Freitag, 08.September, 13:37 Uhr

4. Die Schulen sind gezwungen, funktionale Analphabeten ins Leben zu entlassen.

So wirklich wundert mich an dem Bericht nur, dass sich jemand über diese Tatsache zu wundern scheint.
Sie schreiben, dass es in manchen Ländern Asiens und Afrikas ein Privileg sei, Lesen und Schreiben zu lernen. Auch in Deutschland wurden früher die Kinder in die Schule geschickt, um eben dies zu lernen.
Jetzt ist das anders. Nun sind einige davon tunlichst fern zu halten. In meinen beiden letzten Mittelschulklassen hatte nahezu die Hälfte der Schüler ein entsprechendes Attest des Kinderpsychiaters. Lese-Rechtschreibstörung. Die Einhaltung der damit verbundenen unterrichtlichen Auflagen wird von den Eltern und Schülern akribisch überwacht. Es soll sich ja nur kein Misserfolgserlebnis einstellen. Auch von den Schulleitern und Schulämtern, da diese sich nicht ständig in Rechtsstreitigkeiten verwickelt sehen möchten.
Fakt ist, ein vernünftiger, effektiver Deutsch- oder Englischunterricht war kaum noch möglich, ebenso wie eine Benotung, die einigermaßen reliabel und valide ist..

Erich, Freitag, 08.September, 12:47 Uhr

3. Über 70 Millionen Menschen

in Deutschland sprechen kein Bayrisch!

Antonia, Freitag, 08.September, 11:03 Uhr

2. Ist doch kein Wunder

Kein Wunder, wenn in den Schulen die Kinder durch psychiatrisch erstellte Attestierung einer Lese-Rechtschreibstörung von Anfang an von den entsprechenden Kulturtechniken fern gehalten werden sollen. Misserfolgserlebnisse sollen vermieden werden. Alles soll unter dem Schlagwort "Spaß" stehen.
Rächt sich halt wann anders.

Ich, Samstag, 22.April, 13:32 Uhr

1. Analphaphabetismus I oder II

Hallo,

woüber reden wir eigentlich? Analphabetismus I oder II? Es gibt Leute, die weder lesen noch schreiben können. OK, das ist Analphabetismus I. Analphabetismus II ist, wenn Leute weder programmiern können noch Quelltext interpretieren können. Ich bin Informatiker, und ich weiß aus leidvoller Erfahrung, wovon ich rede. Dieser Kommentar wurde von der BR-Redaktion entsprechend unseren
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  • Antwort von Leonia, Freitag, 08.September, 10:14 Uhr

    Ihre recht eigenwillige Interpretation von Analphabetismus mit Ausdehnung auf Menschen, die nicht programmieren können, ist mit Arroganz nur gelinde zu umschreiben. Aus welchem Grund ist es notwendig, dass möglichst alle Menschen programmieren können oder Quellcode lesen? Wollen Sie möglichst viel Konkurrenz in Ihrem Job oder wollen Sie Ihre Aufgaben an Leute delegieren, die eigentlich ganz andere Aufgaben leisten sollen, aber mit Ihren Programmen?
    Vielleicht ist Ihnen auch noch nicht ganz klar, dass Intelligenz nichts mit Analphabetismus zu tun hat, auch ein Analphabet kann hochintelligent sein, und mancher gebildete Mensch, auch mancher Informatiker ist bisweilen auf vielerlei Art auch dumm (und/oder eingebildet).

  • Antwort von Carl, Freitag, 08.September, 12:24 Uhr

    Hoffentlich haben sie einen guten Augenarzt und einen guten Optiker.

  • Antwort von Schorsch F., Freitag, 08.September, 12:26 Uhr

    Ich bin Tierarzt. Ihr Quelltext interessiert mich eigentlich überhaupt nicht.