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Analphabetismus Der Kampf mit den Buchstaben

Lesen und schreiben zu können sind Grundvoraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben. Dies zu erlernen ist in manchen Ländern Asiens und Afrikas jedoch oft ein Privileg. Aber auch in Deutschland ist Analphabetismus nicht selten.

Stand: 07.09.2016

Welttag der Alphabetisierung

Alljährlich am 8. September ist Welttag der Alphabetisierung. Die UNESCO erinnert an diesem Tag an die Bedeutung von Alphabetisierung und Erwachsenenbildung.

Rund 758 Millionen Erwachsene weltweit können nach Angaben der UNESCO nicht lesen und schreiben. Rund zwei Drittel von ihnen sind Frauen - seit 1990 hat sich dieser Anteil nicht reduziert. Sollte die Entwicklung weiter so verlaufen wie bisher, würde es nach Prognosen der UNESCO noch bis 2042 dauern, bis alle Kinder weltweit eine Grundschule besuchen können.

"Wir wollen eine Welt, in der sich jeder an der Gestaltung des Zusammenlebens beteiligen kann, Zugang zu Wissen hat und die Gesellschaft bereichern kann."

UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokova im Jahr 2000 auf dem Weltbildungsforum in Dakar auf dem das Ziel formuliert wurde, bis 2015 die Analphabetenrate bei Erwachsenen zu halbieren.

Besonders viele Analphabeten gibt es in Ländern Südasiens und in Afrika südlich der Sahara. Fast drei Viertel der erwachsenen Analphabeten, 557 Millionen, leben laut UNESCO in nur zehn Ländern und davon mehr als die Hälfte (287 Millionen) allein in Indien. Rund 52 Millionen leben in China, 50 Millionen in Pakistan.

Bildungsziel verfehlt

In einigen Ländern Asiens ist es keine Selbstverständlichkeit, dass Kinder lesen und schreiben lernen.

250 Millionen Kinder weltweit sind nach UNESCO-Angaben nicht in der Lage, einen Text zu lesen und Wörter zu schreiben, obwohl sie mindestens vier Jahre lang die Schule besucht haben. Das liege vor allem an den schlecht ausgebildeten Lehrern, wie die UNESCO kritisiert. Seit dem Jahr 2000 habe sich die Zahl der Kinder, die eine Grundschule besuchen können, verdoppelt. Dennoch hätten 61 Millionen Minderjährige noch immer keine Möglichkeit, in eine Grundschule zu gehen. Nigeria führt mit 8,7 Millionen Kindern die Statistik an, gefolgt von Pakistan mit 5,6 Millionen, Indien mit 2,9 Millionen, dem Sudan mit 2,7 Millionen und Äthiopien mit 2,1 Millionen.

7,5 Millionen Deutsche sind Analphabeten

Auch in Deutschland gibt es viele Menschen ohne ausreichende Lese- und Schreibfertigkeiten. Der Bundesverband Analphabetismus geht von 7,5 Millionen Erwachsenen aus. Rund 300.000 von ihnen können beim Lesen und Schreiben selbst einzelne Wörter nicht entschlüsseln. Etwa zwei Millionen sind in der Lage, einige Wörter zu lesen und zu schreiben. Sätze zu erfassen, ist ihnen nicht möglich. Rund 5,2 Millionen Menschen können mit kurzen Sätzen umgehen, scheitern aber an längeren Texten.

Drei Arten von Analphabetismus

  • Primärer Analphabetismus liegt vor, wenn eine Person nie Lese- und Schreibkenntnisse erworben hat.
  • Sekundärer Analphabetismus heißt, dass das einmal Erlernte wieder vergessen wurde.
  • Funktionaler Analphabetismus bedeutet, dass die Kenntnisse niedriger sind als im Alltag erforderlich. Betroffene können zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, aber keine zusammenhängenden Texte, auch wenn diese kurz sind.

Durchkommen ohne ABC

Trotz der mangelnden Lese- und Schreibkenntnisse schaffen es die meisten der Betroffenen, ihr Leben zu meistern - häufig sogar, ohne aufzufallen. Was andere sich notieren, lernen Analphabeten auswendig. Und mit kleinen Tricks mogeln sie sich durch den Alltag: So verbinden sich manche den Arm, bevor sie eine Behörde betreten, oder überlegen sich Ausreden wie "Ich habe meine Brille vergessen, könnten Sie mir das bitte vorlesen?" Analphabeten fühlen sich oft stigmatisiert, haben Angst, für "dumm" gehalten zu werden. Daher wenden sie sehr viel Energie dafür auf, ihre Schwäche zu verheimlichen.


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