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Wenn die Seele Amok läuft

Von: Eva Römpage, Heike Westram und Reiner Schmidt in Zusammenarbeit mit Klaus-Dieter Schuster

Stand: 18.07.2017

Ein Albtraum für Schüler und Lehrer, die gesamte Schule, die betroffene Stadt, ein ganzes Land: Ein bewaffneter Mensch stürmt das Gebäude und tötet die Menschen, die im falschen Moment am falschen Ort sind. Solche Tragödien haben sich in Deutschland bereits mehrfach ereignet - mit vielen Toten und noch mehr Verletzten.

Amokläufe von deutschen Schülern

München, 22. Juli 2016

Der Amoklauf eines 18-jährigen Deutsch-Iraners in München hat über Deutschland hinaus Entsetzen ausgelöst. Mit zehn Toten, darunter fast ausschließlich Jugendliche einschließlich des Schülers selbst, erreicht die Tat fast schon die Dimension der Amokläufe von Winnenden und Erfurt.

Ludwigshafen, 18. Februar 2010

Ein 23-jähriger ehemaliger Schüler ersticht an einer Berufsschule in Ludwigshafen einen Lehrer. Als Motiv gibt der geständige Täter an, er sei auf seinen ehemaligen Lehrer wegen schlechter Noten wütend gewesen.

Ansbach, 17. September 2009

Ein 18-jähriger Schüler der Jahrgangsstufe 13 des Ansbacher Carolinum-Gymnasiums dringt mit Molotow-Cocktails, einem Beil und Messern bewaffnet in seine Schule ein. Er verletzt neun Schüler und einen Lehrer zum Teil lebensgefährlich, bevor er selbst von der Polizei durch drei Schüsse schwer verletzt wird.

Winnenden, 11. März 2009

15 Menschen sterben bei dem Amoklauf an einer Realschule im baden-württembergischen Winnenden in der Nähe von Stuttgart. Unter den Opfern sind Lehrer und Schüler sowie der Mitarbeiter und ein Kunde eines Autohauses. Der 17-jährige Täter, der an der Schule seine Mittlere Reife erworben hatte, erschießt sich auf der Flucht.

Emsdetten, 20. November 2006

Ein 18-jähriger Amokläufer verletzt in seiner ehemaligen Schule im westfälischen Emsdetten 37 Menschen und nimmt sich danach selbst das Leben.

Coburg, 2. Juli 2003

In einer Realschule im bayerischen Coburg verletzt ein 16-jähriger Schüler eine Lehrerin mit einem Schuss aus einer Pistole und erschießt sich anschließend selbst. Zuvor hatte der Schüler versucht, eine andere Lehrerin zu töten, diese aber zwei Mal verfehlt.

Erfurt, 26. April 2002

Beim Amoklauf in einem Erfurter Guttenberg-Gymnasium tötet ein 19-Jähriger binnen zehn Minuten 16 Menschen und sich selbst. Unter den Toten sind zwölf Lehrer, die Schulsekretärin, zwei Schüler und ein Polizist.

Freising, 19. Februar 2002

In Eching (Oberbayern) erschießt ein Amokläufer in einer Dekorationsfirma den Betriebsleiter und einen Vorarbeiter. Danach fährt der 22-Jährige ins nahe Freising und erschießt den Direktor der Wirtschaftsschule, von der er suspendiert worden war. Einen weiteren Lehrer verletzt er mit einem Schuss schwer. Dann tötet er sich mit einem Schuss in den Mund.

Brannenburg, 16. März 2000

Ein 16-jähriger Schüler schießt im oberbayerischen Brannenburg auf seinen Internatsleiter und unternimmt danach einen Selbstmordversuch. Der 57-jährige Pädagoge stirbt sechs Tage später an Kopfverletzungen.

Meißen, 9. November 1999

In Meißen (Sachsen) ersticht ein 15-jähriger Gymnasiast seine 44-jährige Lehrerin vor den Augen von 24 Klassenkameraden. Der maskierte Jugendliche, der seine Tat angekündigt hatte, kann fliehen, wird aber kurz darauf von einer Polizeistreife festgenommen.

Bremen, 20. Juni 1913

In Bremen stürmt ein arbeitsloser Lehrer mit zwei Pistolen bewaffnet eine Grundschule. Er erschießt vier Erstklässlerinnen, eine fünfte bricht sich bei der Flucht das Genick. Rund zwanzig Menschen werden verletzt. Ein Lehrer überwältigt den Schützen nach etwa zwanzig Minuten. Der für geisteskrank erklärte Amokläufer wird in die Psychiatrie gebracht, wo er 1932 an Tuberkulose stirbt.

Amokläufe verhindern

Was bedeutet "Amok"?

Das Wort stammt aus dem Malaiischen. Dort bedeutet "meng-âmok" in blinder Wut angreifen und töten. Experten sprechen häufig lieber von "School Shootings", um die lange Vorbereitung und den zielgerichteten Einsatz von (Waffen-)Gewalt besser hervorzuheben. Im Duden ist das Wort "Amok" seit 1973 zu finden.

Um Amokläufe verhindern zu können, müssen potenzielle Täter frühzeitig erkannt und ihre Motive verstanden werden. Amokläufer setzen oft schon im Vorfeld Signale. Schüler, Lehrer und Schulleiter müssen sensibilisiert werden: Sie können auf diese Anzeichen achten und so vielleicht einen Amoklauf verhindern. Das ist das Ziel der Amokforschung.

Ein Polizist überwältigt einen Amokläufer (Symbolbild) | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Psychische Entwicklung Vom Außenseiter zum Amokläufer

Was geht in einem Jugendlichen vor, der seine Waffe auf Mitschüler richtet und abdrückt - einmal, zweimal, 15-mal? Was hat ihn zum Amokläufer gemacht? [mehr]

Hilfe-Schild im Fenster des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums beim Amoklauf am 26. 4. 2002 | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Prävention von Amokläufen Wichtig ist die Wachsamkeit

Schon vor einem Amoklauf verhalten sich die Täter auffällig. Sie werden aggressiv oder eigenbrötlerisch, verändern ihr Aussehen und Auftreten. Anzeichen, die einen Amoklauf verhindern können, wenn sie rechtzeitig erkannt werden. [mehr]

Rose in der Hand einer Trauernden in Winnenden | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Amoklauf-Nachahmer Der Werther-Effekt 2.0

Nie ist die Gefahr vor einem Amoklauf so groß wie kurz nach einem Amoklauf. Doch warum treten Amokläufe in Serie auf? Ein Nachahmungseffekt sagen Experten - ähnlich der Selbstmordserie nach Goethes "Leiden des jungen Werther". [mehr]

Hinterbliebene trauern um die Opfer des Amoklaufs von Winnenden | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Opfer eines Amoklaufs Der lange Nachhall einer Katastrophe

Der Amoklauf ist zwar beendet, für Opfer und Hinterbliebene ist er häufig jedoch nie vorbei. Sie denken ständig daran und leiden an Schlafstörungen oder Panikattacken. Wie kann ihr Leben weitergehen? [mehr]


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