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Prävention von Amokläufen Wichtig ist die Wachsamkeit

Oft verhalten sich gefährdete und potenziell gewaltbereite Jugendliche in irgendeiner Weise auffällig, sind aggressiv oder eigenbrötlerisch, verändern ihr Aussehen, ihr Auftreten oder verherrlichen Gewalt. Wer diese Anzeichen rechtzeitig erkennt, hat womöglich die Chance, einen Amoklauf zu verhindern.

Stand: 18.07.2017

Hilfe-Schild im Fenster des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums beim Amoklauf am 26. 4. 2002 | Bild: picture-alliance/dpa

Christoph Paulus, Bildungswissenschaftler und Aggressionsforscher an der Universität des Saarlandes, hat rund sechzig Amokläufe aus Europa und den USA untersucht. Er hat herausgefunden, dass es bestimmte übereinstimmende Merkmale und Muster in den Profilen der Täter gibt: "Für jugendliche Amokläufer sind das eine Persönlichkeitsstörung, eine aggressive, gewaltbereite Grundhaltung, ein gesteigertes Interesse an Waffen und der Zugang zu Waffen charakteristisch. Bei Erwachsenen kommen zu Persönlichkeitsstörung und Waffenzugang typischerweise ein geringes Selbstbewusstsein, niedrige Frustrationstoleranz, familiäre Probleme und eine Wahrnehmung der Umwelt als Bedrohung hinzu", erläutert Paulus die ersten Ergebnisse seiner Analysen.

"Die bisherigen Auswertungen haben gezeigt, dass bei allen untersuchten Amokläufern eine paranoide oder narzisstische Persönlichkeitsstörung vorlag. Eine solche Persönlichkeitsstörung kann therapiert werden. In allen Phasen vor dem Amoklauf kann die Spirale unterbrochen werden, entscheidend ist, das Gefährdungspotenzial zu erkennen."

Christoph Paulus, Universität des Saarlandes

Aggressionsforscher Christoph Paulus, Universität des Saarlandes

Laut Paulus' Untersuchungen begehen Amokläufer ihre Taten "aus einer unbändigen Wut heraus auf eine nicht greifbare Gruppe: etwa die Schule, die Lehrer, die Schüler". Von außen betrachtet stünden sie als Außenseiter außerhalb der Gruppe: "Aber oft schließt nicht die Gruppe den Einzelnen aus, sondern es ist genau umgekehrt: Sie isolieren sich selbst, weil sie nicht dazugehören wollen, etwa weil sie sich der Gruppe überlegen fühlen. Also nicht alle gegen einen, sondern einer gegen alle", sagt der Gewaltforscher und ergänzt: "In der Regel sind Amokläufer keine Mobbingopfer." Paulus hat festgestellt, dass die Täter lange vor der Tat typische Stadien durchlaufen - "ein Prozess, der sich über Jahre hinzieht": Kritik oder Ablehnung würden als schwere persönliche Niederlage empfunden, die Umwelt immer bedrohlichere Züge annehmen, die Sichtweise der Welt sich zunehmend verdunkeln. Der Täter durchlaufe Phasen des Grübelns. "Auf Frust- und Trauerphasen folgen depressive Zustände. Irgendwann schlägt Trauer in Ärger, dann in Wut um, die sich zunehmend steigert und der er nichts entgegenzusetzen hat, weil Handlungsalternativen für ihn fehlen", so beschreibt Paulus die Entwicklung.

Verhaltensauffällige Schüler ansprechen

Jens Hoffmann, Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt

Psychologe Jens Hoffmann leitet ein Projekt, das zum Ziel hat, potenzielle Amokläufer rechtzeitig von ihrem Vorhaben abzubringen. Hoffmann empfiehlt, solche verhaltensauffälligen Schüler sofort und direkt anzusprechen, wenn sie gewaltbereit sind oder Drohungen aussprechen: "Was hast du getan?" oder "Warum hast du das getan?" Oft ließen sich Probleme dadurch schon lösen. Und in den Fällen, in denen einem Gespräch keine Einsicht folge, müsse man anschließend umso wachsamer sein.

Amoklauf mit Ansage

Oft weisen potenzielle Amokläufer im Vorfeld auf ihre Tat hin. Der Amokläufer von Emsdetten warnte über das Internet. Ebenso der Virginia-Amokläufer, der online drohte, "das Ende sei nah, es müsse noch eine Tat vollbracht werden". Laut Aggressionsforscher Christopher Paulus können typische Sätze auch sein "Von mir werdet ihr noch hören" oder "Meine Trauer schlägt in Wut um". Solche Warnungen und Hinweise empfehlen die Amokforscher sehr ernst zu nehmen - auch auf die Gefahr hin, einen Fehlalarm auszulösen.

"In allen uns bekannten Fällen haben die Täter explizite Botschaften hinterlassen. Wenn wir die lesen könnten, wäre das ein erster Schritt."

Klaus Hurrelmann, Jugendforscher

Amok-Analyse-Tool "DyRiAS"

Mit seinem Team von der Universität Darmstadt hat Jens Hoffmann eine Software entwickelt, die helfen soll, potenzielle Amokläufer im Vorfeld zu erkennen. Dazu werden im "Dynamischen Risiko Analyse System" 32 Fragen über eine verdächtige Person gestellt. Je nachdem, wie die Antworten ausfallen, errechnet die Software auf einer Skala von "1" bis "6" das potenzielle Gefährdungsrisiko, das von dieser Person ausgeht. Eine Methode, die durchaus auf Kritik stößt, denn sie arbeitet mit standardisierten Fragen und kann nicht auf den Einzelnen gezielt eingehen. Doch gerade die Erfahrung zeigt, dass die Taten der Amokläufer sehr individuell und komplex sind.

Halt als sichere Prophylaxe

Wolfgang Bergmann

Der inzwischen verstorbene Jugendpsychologe und Therapeut Wolfgang Bergmann aus Hannover setzte nicht nur auf die Wachsamkeit von Lehrern, Polizei, Jugendamt oder Beratungsstellen - er sah Erwachsene, für Jungen am besten männliche Erwachsene, in der Pflicht, schwierigen Jugendlichen Halt und Orientierung zu geben. Denn Halt sei für die gefährdeten Jugendlichen in zweifacher Hinsicht wichtig: Zum einen bräuchten sie ein bestimmtes und unumgängliches "Halt, stopp!" und zum anderen ein "Halt dich fest!"

Checkliste mit Risikofaktoren

Soziologe und Jugendforscher Klaus Hurrelmann

Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann schlägt die Einrichtung anonymer Meldestellen vor: An diese könnten sich Lehrer und Jugendliche wenden, denen ein Schüler oder eine Schülerin auffällig erscheine. Für Lehrer müsse eine Checkliste mit Risikofaktoren erarbeitet werden. Dazu gehöre beispielsweise ein gesteigertes Interesse an Waffen und die intensive Beschäftigung mit früheren Amokläufen. Typisch sei die Flucht des Jugendlichen in virtuelle Welten. Hier würde es weiterhelfen, wenn bestimmte Computerspiele schwerer erreichbar wären, so Hurrelmann.

Repressionen sind nicht genug

Wie der Amoklauf von Erfurt gezeigt hat, sind Repressionen im Umgang mit problematischen Jugendlichen nicht genug - auch wenn sie aus nachvollziehbaren Gründen auferlegt wurden. Der Amokläufer war vor der Tat der Schule verwiesen worden. Laut Jens Hoffmann ist es wichtig, solchen Schülern Alternativen aufzutun. Wenn man einen Schüler mit Schulausschluss ins Bodenlose fallen lasse, könne es sein, dass er eines Tages zurückkehrt - mit einer Waffe.

Höhere Barrieren für Waffenbesitz

Unmittelbar bei dieser Rückkehr setzen die Forderungen nach schärferen Waffengesetzen an. So setzt sich zum Beispiel die "Stiftung gegen Gewalt an Schulen", welche von Betroffenen des Amoklaufs in Winnenden gegründet wurde, für ein generelles Verbot von großkalibrigen Waffen ein. Außerdem will sie Handfeuerwaffen aus privaten Haushalten verbannen. Denn obwohl das Waffengesetz verschärft wurde, kann man auch heute jene Waffen, die der Amokschütze von Winnenden 2009 eingesetzt hat, legal mit einer Waffenbesitzkarte in Deutschland kaufen und zuhause lagern. Ein erschwerter Zugang zu Schusswaffen könnte einen Amoklauf künftig verhindern, weil so die Barriere zur Tatausübung höher liegt.

Einschlusslöcher des Amokschützen von Winnenden

Befürworter verweisen dabei auf die Situation in Großbritannien. 1996 gab es dort, im schottischen Dunblane, einen Amoklauf mit 17 Opfern. Anschließend wurde der private Waffenbesitz per Gesetz verboten. Seitdem hat es im Vereinigten Königreich kein Schulattentat mehr gegeben. Allerdings ist der Zugang zu Schusswaffen für Experten nicht die einzig wahre Erklärung für Amoktaten. "Man kann niemals sagen, eine Ursache macht den Täter", erklärt zum Beispiel die Kriminalpsychologin Karoline Roshdi. Denn natürlich hätten die Taten, die mit Schusswaffen verübt werden, ein größeres Ausmaß. Doch nicht alle Amokschützen verwenden sie. "Wir haben auch einige Taten, wo nicht zu Schusswaffen sondern zu anderen Waffen gegriffen wird", sagt Roshdi.

Restrisiko bleibt bestehen

Entscheidend dafür, dass es nicht zu einem Amoklauf kommt, sei "vor allem eine hohe Sensibilität in der Wahrnehmung von Warnsignalen", meint Jens Hoffmann. Ein Restrisiko bleibe allerdings immer. Denn die unterschiedlichen Faktoren, die zu einer Tat führen können, sind nicht genau zu durchschauen.

"Aber der große Appell, den viele Kolleginnen und Kollegen aus dem Anwendungsbereich von Amok-Prävention immer wieder formulieren, ist: Bitte nennt keine vollen Namen! Bitte zeigt die Gesichter nicht unverpixelt! Bitte heroisiert sie nicht, diese Täter, und bitte sagt nicht: Der konnte nicht anders!"

Jens Hoffmann, Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt


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