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Alternativer Nobelpreis 2016 Syrische Weißhelme ausgezeichnet

Die Organisation Weißhelme erhält für die Rettung von Zivilisten im Bürgerkrieg in Syrien den Alternativen Nobelpreis. Außerdem geht der Preis an die ägyptische Feministin Mozn Hassan, die russische Menschenrechtsaktivistin Swetlana Gannuschkina und die türkische Zeitung "Cumhuriyet".

Stand: 22.09.2016

Weißhelme in Syrien löschen ein brennendes Auto | Bild: picture-alliance/dpa

Die syrischen Weißhelme gelten auch als Kandidat für den Friedensnobelpreis, der am 7. Oktober in Oslo vergeben wird. Zahlreiche Hollywood-Prominente haben sich für eine Auszeichnung der rund 3.000 Freiwilligen eingesetzt, die ihr Leben riskieren, um ihre Mitmenschen nach Bombenangriffen aus den Trümmern zu retten. Mehr als 140 von ihnen sind bei den Aktionen in den Trümmern schon ums Leben gekommen. Trotzdem wächst ihre Zahl.

"Die Weißhelme sind tief berührt."

Raed al Saleh, Direktor der Organisation Weißhelme

Die Auszeichnung für die Organisation, die offiziell "Syria Civil Defense" heißt, sei auch eine Anerkennung "für die Tapferkeit der Zivilbevölkerung in Syrien, die versucht, ein Leben in Würde zu führen". Anhänger der syrischen Regierung werfen den Weißhelmen enge Kontakte zu Rebellen vor. Doch ein Sprecher der Organisation, Abdel Rahman al-Hassan, weist das zurück. Die einzige Aufgabe der Weißhelme sei es, Leben zu retten. Dass die meist freiwilligen Helfer nur in Rebellengebieten aktiv sind, geht auf ihre Wurzeln zurück. Sie entstanden 2013 dort, wo es in dem Bürgerkriegsland keine staatlichen Strukturen mehr gab und Rettungshelfer fehlten.

Unerschrockener investigativer Journalismus

Das Gebäude der Redaktion von "Cumhuriyet"

Als zweiten Preisträger zeichnet die Right Livelihood Award Stiftung die "Cumhuriyet"-Redakton "für ihren unerschrockenen investigativen Journalismus und ihr bedingungsloses Bekenntnis zur Meinungsfreiheit trotz Unterdrückung, Zensur, Gefängnis und Morddrohungen" aus: "Zu einer Zeit, in der die Meinungsfreiheit in der Türkei zunehmend bedroht ist, beweist die Cumhuriyet, dass die Stimme der Demokratie nicht zum Schweigen gebracht werden kann."

"Wir haben Putsche, Putschversuche, Belagerungszustände und Ausnahmezustände durchgemacht, aber wir haben niemals eine Einschränkung des Informationsrechts unserer Leser zugelassen."

Orhan Enric, Präsident der Cumhuriyet-Stiftung

Die Zeitung mit einer Auflage von 53.000 Exemplaren ist seit 1993 als Stiftung registriert und finanziert sich hauptsächlich über ihre Leser. Fünf Mitarbeiter der Zeitung sind im Laufe der Jahre ermordet, etliche vor Gericht gestellt worden. Während des versuchten Militärputsches gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan Mitte Juli 2016 wurden viele Kolumnisten der Zeitung verhaftet. Chefredakteur Can Dündar trat nach einem Prozess gegen ihn im August 2016 von seinem Posten zurück.

Einsatz für die Gleichstellung und Frauenrechte

Mozn Hassan

Die ägyptische Feministin Mozn Hassan und ihre Organisation "Nazra für feministische Studien" bekommen den Preis "für ihren Einsatz für die Gleichstellung und die Rechte von Frauen unter Umständen von anhaltender Gewalt, Missbrauch und Diskriminierung". Weil gegen sie ermittelt wird, darf Hassan das Land derzeit nicht verlassen. Die Stiftung mit dem Netzwerk der Preisträger will sich dafür einsetzen, dass Hassan zur Preisverleihung nach Stockholm kommen kann .

"Das wird in vielen Ländern inzwischen gegen Akteure der Zivilgesellschaft verwendet, dass man sie als westliche Spione oder Vaterlandsverräter brandmarkt, weil sie Unterstützung aus dem Ausland bekommen."

Ole von Uexkül, Direktor der Right Livelihood Award Stiftung

"Nazra" es sich zur Aufgabe gemacht, die Rechte von Frauen in Ägypten und dem ganzen arabischen Raum zu stärken. Hassan dokumentiert sexuelle Übergriffe und verschafft den Opfern medizinische, psychologische und juristische Hilfe. Im Zusammenschluss mit anderen Frauenorganisationen hat sich "Nazra" 2014 laut der Right Livelihood Award Stiftung erfolgreich für die Aufnahme der Frauenrechte in die ägyptische Verfassung eingesetzt und die Ausweitung der Definition sexueller Straftatbestände im Strafgesetzbuch erreicht. Außerdem unterstützt Hassan Frauen bei ihrer Kandidatur für politische Ämter.

Hilfe für Flüchtlinge in Russland

Swetlana Gannuschkina

Vierte Preisträgerin ist Swetlana Gannuschkina. Sie engagiert sich seit 1990 in Russland für Migranten und Binnenvertriebene und hat nach Angaben der Stiftung mehr als 50.000 von ihnen rechtliche Unterstützung, humanitäre Hilfe und Bildung ermöglicht. Die Russin nannte die Preisvergabe am Donnerstag "eine große Ehre und eine Solidaritätsbekundung".

"Betrüblicherweise ist heute nur eine sehr kleine Anzahl an Flüchtlingen in Russland willkommen und die Rechte von Migranten werden regelmäßig verletzt."

Swetlana Gannuschkina

In zahlreichen Fällen hat Gannuschkina verhindert, dass Flüchtlinge aus zentralasiatischen Ländern zurückgeschickt wurden und sie so vor Haft und Folter bewahrt. Auch dass das Geflüchtetenrecht geändert wurde und zwei Millionen Menschen die russische Staatsbürgerschaft erhielten, ist laut der Right Livelihood Award Stiftung Gannuschkina und ihrem Engagament im russischen Menschenrechtsrat zu verdanken.

Der Right Livelihood Award

Jakob von Uexküll, Gründer des Alternativen Nobelpreises

Albert Einstein sagte einmal, eine wirklich gute Idee erkenne man daran, dass ihre Verwirklichung von vornherein ausgeschlossen scheint. Seit 1985 zeichnet der Right Livelihood Award, bei uns als "Alternativer Nobelpreis" bekannt, Menschen aus, die solche unmöglichen Ideen verwirklichen und sich für den Schutz der Umwelt, für Menschenrechte und Frieden einsetzen.

Deutsche Davids gegen Goliaths

Bereits sechsmal wurden Deutsche mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet: Grünen-Mitbegründerin Petra Kelly, Zukunftsforscher Robert Jungk, der Münchner Physiker Hans-Peter Dürr, der letzte Umweltminister der DDR Michael Succow, der SPD-Abgeordnete Hermann Scheer sowie die Frauenärztin Monika Hauser. Wofür die sechs Preisträger jeweils geehrt wurden, erfahren Sie in unserer Bildergalerie.

Jakob von Uexküll

Die Idee, einen alternativen Nobelpreis ins Leben zu rufen, hatte der ehemalige Europa-Abgeordnete Jakob von Uexküll (geb. 1944) in den 70er-Jahren. Damals reiste er um die Welt, sah die Armut und Umweltzerstörung in den Ländern. Zurück in Stockholm schlug er dem Nobelkomitee vor, auch einen Preis für Umwelt und Entwicklung zu vergeben. Der Plan wurde abgelehnt.

Erfinder des Alternativen Nobelpreises

Doch von Uexküll hielt an seiner Vision fest, verkaufte seine exklusive Briefmarkensammlung und gründete von dem Erlös über eine Million US-Dollar die Stiftung für Richtige Lebensführung, die bis heute den Alternativen Nobelpreis vergibt. Seit 1980 wurden zahlreiche Menschen und Initiativen aus den verschiedensten Ländern gewürdigt. Die Feierlichkeiten in Stockholm finden meist einige Tage vor oder nach der Verleihung der Nobelpreise am 10. Dezember statt. Oft gibt es vier Alternative Preisträger, die sich das Preisgeld von zwei Millionen Schwedischer Kronen (rund 200.000 Euro) teilen. Manchmal wird noch zusätzlich ein Ehrenpreis (undotiert) vergeben. Ermöglicht wird die Unterstützung der Preisträger durch Spenden und Vermächtnisse.

"Der Right Livelihood Award will dem Norden helfen, eine Weisheit zu finden, die zu seiner Wissenschaft passt, und dem Süden, eine Wissenschaft zu finden, die seine alte Weisheit ergänzt."

Jakob von Uexküll

Alternative Nobelpreisträger vergangener Jahre

  • 2015: der italienische Arzt Gino Strada für seinen mutige Einsatz für Kriegsopfer in den Krisenherden der Welt, die kanadische Inuit-Aktivistin Sheila Watt-Cloutier und die Menschenrechtsaktivistin Kasha Jacqueline Nabagesera sowie der Ehrenpreis für das Volk der Marshallinseln im Pazifischen Ozean und ihr Außenminister Tony de Brum für ihren Kampf gegen Atommächte
  • 2014: Edward Snowden zusammen mit dem Herausgeber des Guardian, Alan Rusbridger, die Anwältin Asma Jahangir, der Menschenrechtler Basil Fernando und der Umweltaktivist Bill McKibben
  • 2013: der US-Amerikaner Paul Walker für den Kampf gegen Chemiewaffen, der Arzt Denis Mukwege für seinen Einsatz für Vergewaltigungsopfer im Kongo, der palästinensische Anwalt für Menschenrechte Raji Sourani sowie der Schweizer Agrarforscher Hans Herre
  • 2012: die afghanische Ärztin Sima Samar, der US-Wissenschaftler Gene Sharp, die "Kampagne gegen Waffenhandel" und der türkischen Umweltschützer Hayrettin Karaca
  • 2011: die Menschenrechtlerin Jacqueline Moudeina (Tschad), die Nichtregierungsorganisation GRAIN, die Hebamme Ina May Gaskin (USA) und der Solarunternehmer Huang Ming (Ehrenpreis)

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