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Das absolute Gehör Musikalisch den richtigen Ton treffen

Nach der Geburt verfügen fast alle Menschen über das absolute Gehör. Ist die Sprachentwicklung im Kindesalter abgeschlossen, verliert sich diese Fähigkeit. Frühes Musizieren hilft, bedeutet aber nicht, ein Musikgenie zu werden.

Stand: 26.01.2016

Nur einer von 10.000 Erwachsenen besitzt das absolute Gehör. Studien deuten darauf hin, dass die Fähigkeit bei Babys noch weit häufiger vorkommt, anschließend aber verkümmert, weil kaum ein Kind sie nutzt. Kinder bis zu einem Alter von sieben bis acht Jahren können ihr absolutes Gehör ausbilden. Danach, wenn ihre Sprachentwicklung abgeschlossen ist, verliert sich dieses Können.

Wer tonale Sprachen spricht, profitiert

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Diese These unterstützt auch die Psychologin Diana Deutsch von der University of California in San Diego. Die Psychologin hatte festgestellt, dass Musikschüler aus China mindestens viermal häufiger ein absolutes Gehör besitzen als ihre Klassenkameraden aus den USA. Die Chinesen sprechen Mandarin, eine sogenannte Tonsprache. Bei ihr hängt die Bedeutung der Worte von der Tonhöhe ab; wer mit ihr aufwächst, schult sein Ohr darin, Klänge genau zu unterscheiden. So kann das Wort "ma", je nach Tonverlauf, "Mutter", "Hanf", "schimpfen" oder "Pferd" heißen.

Angeboren oder antrainiert?

Was ist das absolute Gehör?

So wird die Fähigkeit bezeichnet, ohne Vergleichston einen einzelnen Ton benennen zu können. Nach einer Studie der Psychologin Diana Deutsch von der University of California in San Diego besitzen Chinesen das absolute Gehör häufiger als Amerikaner oder Europäer, weil sie von klein auf ihr Gehör besser trainieren.

Dass ein absolutes Gehör angeboren ist, dem widersprechen die Untersuchungen von Diana Deutsch. Ihr Team verglich 115 Musikstudenten der amerikanischen Eastman School of Music in Rochester, im Staat New York, mit 88 Studenten einer Pekinger Musikhochschule. Von den Chinesen hatten 52 Prozent das absolute Gehör, bei den amerikanischen Studenten waren es nur sieben Prozent. Die amerikanischen, die erst nach dem achten Lebensjahr mit der Musik anfingen, konnten ein absolutes Gehör gar nicht mehr entwickeln. Das sei ähnlich wie mit dem Lernen von Sprachen, so Deutsch: Wer zu spät beginnt, lernt nicht mehr, akzentfrei zu sprechen. Chinesen dagegen trainieren ihr Gehör von klein auf besser, weil in Mandarin die Tonhöhe Worten eine Bedeutung verleiht. Deshalb sei es auch so wichtig, bereits mit vier bis fünf Jahren mit dem Musizieren anzufangen.

Liegt das gute Hören in den Genen?

Ein absolutes Gehör entwickelt nur, wer früh genug mit dem Musizieren anfängt.

In einer späteren Kontrollstudie testete Diana Deutsch 203 Musikstudenten der Thornton School in Südkalifornien mit vietnamesischer und chinesischer Abstammung. Die Teilnehmer sollten zufällig abgespielte Töne identifizieren. Am erfolgreichsten waren dabei asiatische Studenten, die ihre Muttersprache fließend beherrschten. Sie konnten etwa 90 Prozent der vorgespielten Noten richtig benennen. Diejenigen dagegen, die sie nicht fließend sprachen, schnitten ähnlich schlecht ab wie ihre Kommilitonen, die keine tonale Sprache gelernt hatten. Das spricht gegen eine besondere Veranlagung für das absolute Gehör bei Chinesen.

Für Musikalität nicht zwingend notwendig

Mit einem weiteren Vorurteil kann Deutsch aufräumen: Nur, weil viele Chinesen ein absolutes Gehör haben, heißt das noch lange nicht, dass sie auch Musikgenies sind. Denn ein absolutes Gehör ist weder ein Zeichen für ausgesprochene Musikbegabung, noch kommt es wirklich selten vor. Denn auch unter den begabtesten Musikern gibt es einige mit einem absoluten Gehör - wie Mozart und Glenn Gould - und andere ohne - wie Richard Wagner oder Robert Schumann.


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