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Betretungsverbote für Fußballfans Probates Mittel oder willkürliche Verurteilung?

Stadionverbote sind die öffentlich bekannte Maßnahme um gewalttätige "Fußballfans" zu bestrafen. Die deutlich strengere Möglichkeit ist ein Betretungsverbot. Die ARD-Radio-Recherche Sport hat erstmals bundesweit Daten und Hintergründe dieser vorbeugenden Maßnahme recherchiert.

Von: Sebastian Krause, Philipp Büchner / ARD-Radio-Recherche Sport

Stand: 03.10.2017

Fan von Hannover 96 der gegen Betretungsverbot klagt | Bild: BR/Philipp Büchner

Betroffene dürfen dabei rund um ein Fußballspiel bestimmte Bereiche am Spielort bei Strafandrohung nicht betreten, das kann das Gebiet rund um das Stadion sein, bestimmte neuralgische Punkte in der Stadt wie z. B. der Bahnhof oder auch das komplette Stadtgebiet.

Zahl der Verbote steigt jährlich

Mehr als 10.000 Betretungsverbote wurden seit der Saison 2013/14 gegen über 1.500 Personen verhängt. Sichtbar wird dabei auch ein Anstieg der Zahl von Jahr zu Jahr. Da die Betretungsverbote von den Sicherheitsbehörden der jeweiligen Stadt bzw. des Landkreises verhängt werden, fehlen bundeseinheitliche Standards. So kann es sein, dass ein gewaltbereiter Fan zu allen Heimspielen in seiner Stadt ein Betretungsverbot erhält, aber ungehindert zu allen Auswärtsspielen reisen kann.

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Zu den Daten

Die Daten beziehen sich auf offizielle Angaben von Polizei und Behörden an rund 50 Fußballstandorten in Deutschland. Darunter auch die der Erst- bis Drittligisten der Saison 2016/2017. Auch, weil "Betretungsverbote" Ländersache sind, können die Zahlen zu den Standorten und Vereinsanhängern nicht bundesweit verglichen werden. Die Zahlen sind auch nicht als Rückschluss auf Gewaltpotenzial und den Umgang mit der Maßnahme interpretierbar.

Keine einheitlichen Standards

In Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen sind die Zahlen auffällig hoch, in Berlin und Sachsen dagegen selbst dort niedrig, wo die Fanszenen als problematisch gelten. Bayern rangiert im Mittelfeld. Die meisten Verbote gab es im Freistaat in den vergangenen vier Spielzeiten in Fürth und München. Laut Behörden wurden hier seit 2013 jeweils rund 200 Verbote ausgesprochen. Betroffen waren davon sowohl einheimische als auch auswärtige Fans.

Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann sieht bundesweit noch Entwicklungsbedarf: „Hier scheint mir in der Tat zwischen den Kreisverwaltungsbehörden, zwischen den Städten noch mehr Informationsaustausch notwendig zu sein.“ Nach Ansicht Herrmanns hat sich die Maßnahme der Betretungsverbote im Einzelfall aber bewährt und muss konsequent angewandt werden.

Bereichsbetretungsverbote in Deutschland je Saison [2013/14 bis bis 2016/17] | Grafik: BR

Zu den Daten: Auf Anfrage der ARD-Radio-Recherche Sport hat Nordrhein-Westfalen als einziges Bundesland auch auf mehrfache Nachfrage keine vollständigen Daten bereitgestellt, aus diesem Grund sind die NRW-Zahlen gesondert dargestellt.

"Es gibt durchaus ein Bewusstsein bei Fans, dass es Strafen geben muss. Problematisch wird es immer dann, wenn das Gefühl entsteht, etwas passiert mit der Gießkanne und es wird nicht differenziert."

Fanforscher Jonas Gabler

Die Fans selbst kritisieren, dass die Verbote zum Teil zu hart, willkürlich und nicht nachvollziehbar seien. Einzelne Verbote werden auch immer wieder von Verwaltungsgerichten gekippt. Gerade erst wurde ein Verbot gegen einen Augsburger Fan vom Gericht aufgehoben. Einer der renommiertesten Fanforscher in Deutschland, Jonas Gabler, ist von der Menge der Betretungsverbote überrascht und äußert Bedenken: "Ich bin schockiert, dass das so eine Dimension hat. Das zeigt aus meiner Sicht, dass die Betretungsverbote die Stadionverbote abgelöst haben aus Sicht der Polizei."

Was ist ein Betretungsverbot?

Das Bereichsbetretungsverbot gilt als präventive Maßnahme und dient zum Gewaltschutz. Ursprünglich sind derartige Gesetze zum Schutz vor Stalkern und vor häuslicher Gewalt gedacht. Rechtsgrundlage ist in Bayern das Landesstraf- und Verordnungsgesetz.

Wer darf Betretungsverbote verhängen?
Die Sicherheitsbehörden der jeweiligen Stadt bzw. des Landkreises verhängen Betretungsverbote in Zusammenarbeit mit der Polizei. Sie treffen dies Anordnung, um rechtswidrige Taten zu verhüten oder zu unterbinden und Gefahren abzuwehren. Es gibt keine bundeseinheitlichen Standards.

Wann bekommt ein Fußball-Fan ein Betretungsverbot?
In Bayern werden Betretungsverbote verhängt, wenn der Fan im Rahmen von Fußballspielen wiederholt gewalttätig gewesen ist und zudem nach Prüfung verschiedener Kriterien (Szenezugehörigkeit, persönliches Umfeld) davon ausgegangen werden muss, dass die Person erneut eine Straftat begehen wird.


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Karl, Mittwoch, 04.Oktober, 17:04 Uhr

2. Nachprüfbar

Ich halte die Betretungsverbote für besser als Stadionverbote, weil die Rechtmäßigkeit verwaltungsgerichtlich nachprüfbar ist und dadurch gerade keine Willkür möglich ist.

Dennis Reinhardt, Mittwoch, 04.Oktober, 16:00 Uhr

1. Ungenaue Darstellung der betroffenen Klientel

Sie stellen in diesem sehr guten Beitrag leider sehr missverständlich dar, wer ein solches Betretungsverbot bekommen kann. Dafür ist eine VERURTEILUNG nämlich NICHT notwendig, lediglich der Verdacht der Polizei reicht (zumindest in NRW) aus. Folglich sind etliche Personen von dieser Maßnahme betroffen, die weder vorbestraft sind noch in irgendeiner Weise bewiesener Maßen an Straftaten beteiligt waren. Somit muss es heißten: Betretungsverbote bekommen Menschen, von denen die Polizei glaubt, dass sie vielleicht an einer Straftat beteiligt waren. NICHT VORBESTRAFTE BÜRGER ERHALTEN AUFGRUND EINER INTRANSPARENTEN EINSCHÄTZUNG EINZELNER POLIZEIBEAMTER UNTER DEM DECKMANTEL DER "GEFAHRENABWEHR" MASSIVE EINSCHNITTE IHRER BEWEGUNGSFREIHEIT, nicht selten in ihrer Heimatstadt.
Der Willkür besonders durch die sogenannten Szenekundigen Beamten ist damit Tür und Tor geöffnet. Auch sind nicht nur Gewaltdelikte ausschlaggebend. Beleidungen o.ä. Bagatelldelikte dienen ebenfalls zur Maßnahmenbegründung