Sport - Fußball


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Transfer-Wahnsinn Fußball vor zukunftsweisender Entscheidung

Vereine und Verantwortliche sind ratlos: In welche Höhen schießen die irrwitzigen Fußball-Transfersummen noch? Die deutsche Lieblingssportart am Scheideweg: Entertainment oder traditioneller Sport - welcher Weg führt in die Zukunft? Auch die Fans sind gefordert.

Von: Bernd Eberwein

Stand: 13.08.2017

Der Neymar-Wechsel nach Paris war noch nicht einmal vollzogen, da sinnierte in Freiburg ein Fußballlehrer über neue, aberwitzige Transfersummen und die Macht des Geldes. "Der Gott des Geldes wird immer größer, und irgendwann verschlingt er alles", sagte Christian Streich, Trainer beim Bundesligisten SC Freiburg.

Eigentlich wollte sich der gerlernte Deutsch- und Geschichtslehrer gar nicht äußern. Dann kam er aber ins Plaudern, über fünf Minuten lang sinnierte er über den "irrealen Bereich", in dem sich die Fußballwelt gerade befindet: "Mir ist es egal, ob er 220 oder 440 Millionen kostet. Es löst bei mir nichts mehr aus. Ich kann nicht keine Unterscheidung mehr finden, es übersteigt meine Fähigkeit, das einzuordnen."

Der Wechsel des Brasilianers Neymar vom FC Barcelona zu Paris St. Germain hat die ohnehin hitzige Fußballbranche in Aufruhr versetzt. Denn die Katalanen wollen einen Teil der eingenommenen 222 Millionen natürlich gerne wieder investieren. Am liebsten in Ousmane Dembélé, der nicht abgeneigt ist, dessen Verein Borussia Dortmund aber erst einmal ein Veto eingelegt hat. Wenn Dembélé schon abgegeben werden soll, dann doch bitte für eine Summe weit jenseits der 100 Millionen Euro, so die Botschaft aus dem Ruhrgebiet nach Spanien.

Bis zum Neymar-Transfer war der Franzose Paul Pogba bei seinem Wechsel von Juventus Turin zu Manchester United im vergangenen Jahr mit 105 Millionen der erste Spieler überhaupt, der die dreistellige Millionengrenze geknackt hat. Nach dem jüngsten Wechsel-Wahnsinn scheinen aber alle Grenzen nach oben gesprengt. Mittelfeldmann Isco von Champions-League-Spieler Real Madrid soll nach spanischen Medienberichten seinen Vertrag verlängern mit der vermeintlich wahnwitzigen Ausstiegsklausel von 700 Millionen Euro.

BR-Experte Hitzlsperger: "Besorgniserregend"

Auch BR-Fußballexperte Thomas Hitzlsperger ist angesichts der immer weiter wachsenden Summen ratlos.

"Mir geht's wie den meisten Fußballfans auch. Ich verstehe die Verbindung nicht mehr", sagt Hitzlsperger: "Es ist nur noch ein Vergleich von mächtigen Leuten, die Politik betreiben. Wenn man die Champions League gewinnt, kann man gar nicht so viel Geld reinbringen. Diese sportliche Ebene ist verloren gegangen. Es geht nur noch ums Kräftemessen und das ist besorgniserregend."

Wenn Investoren das Interesse verlieren ...

Professor Tobias Haupt vom Institut für Fußballmanagement in München unterstreicht diese Einschätzung. Zwar sei der "sportliche Erfolg bei fast allen Megatransfers die Haupttriebfeder." Gleichzeitig sieht er aber eine der zwei Hauptgefahren für den derzeitigen Fußballmarkt in der Willkür der Investoren. "Wenn ich mich von ein paar Einzelpersonen abhängig mache, habe ich immer die Gefahr, dass diese Personen das Interesse verlieren, weil vielleicht Neymar nicht den gewünschten sportlichen Erfolg erzielt oder vielleicht eine andere interessante Spielweise neben dem Fußball entsteht." Im schlimmsten Fall ziehen sich Investoren dann zurück und der Fußball ist in Gefahr, "weil dann die Blase, die wir derzeit immer weiter aufbauen, Gefahr läuft, in sich zusammenzustürzen."

Der Fußballfan als Weichensteller

Die weitaus größere Gefahr für den Fußball sieht Haupt aber woanders. Der jüngste Sportmanagement-Professor Deutschlands sieht in den Fans den Schlüssel für Wohl und Wehe der Zukunft des Fußballs. "Wenn die irgendwann sagen - auf gut deutsch - ich habe die Schnauze voll und es ist für mich nicht mehr hinnehmbar, dass ein Transfer über 300, 400 Millionen getätigt wird, führt das dazu, dass ich mich einfach nicht mehr für den Fußball interessiere. Das ist nicht mehr der Fußball, den ich liebe", erklärt Haupt.

Bayern-Präsident Uli Hoeneß gibt ebenfalls den Mahner: "Ich frage mich, ob das auf Dauer den Zuschauern und den Fans noch zu vermitteln ist. Die Verantwortlichen müssen sich schon die Frage stellen, ob das alles noch vernünftig ist. Ich persönlich halte es für nicht vernünftig, und mal sehen, ob das von den Zuschauern auf Dauer so akzeptiert wird." Haupt unterstreicht Hoeneß' Einschätzung. Der Fan müsse sich entscheiden: Derzeit entwickele sich der Fußball zu einem reinen Entertainmentprodukt. Das ist der eine Weg. "Oder sagen die Fans: Mit diesem Fußball, wie er sich gerade entwickelt, wollen wir nichts zu tun haben. Wir wollen wieder, dass das Spiel und der sportliche Wettkampf im Mittelpunkt stehen", so Haupt.

Aktuell wollten die Fans beides, Entertainment und tradionellen sportlichen Wettkampf. Aber "das passt nicht zusammen", sagt Haupt: "Da muss sich der Fan entscheiden und irgendwann wird er sich entscheiden müssen. Ansonsten wird das System nicht mehr funktionieren." Wann es soweit ist? Eine solche Prognose kann heute wohl niemand aufstellen. Sicher scheint nur: Es wird passieren - der Fußball muss seinen Platz, gelenkt vom Fan-Willen, in der Unterhaltung oder im Sport finden.

Erreicht der Fußball die "Digital Natives"?

Unabhängig von der zukünftigen Fan-Meinung sollte die Fußballbranche aber ohnehin umdenken. Nur weil die Sportart in den vergangenen Jahren klar die Nummer eins im Zuschauerinteresse war, muss das nicht immer so bleiben. "Man ruht sich auf der Marktführerposition aus, man glaubt, dass auch die nächsten Generationen immer automatisch fußballbegeistert sein werden", sagt Haupt.

Doch die Zuschauer der Zukunft sind die heutigen "Digital Natives" - und die haben eine ganz andere Priorität: "Die amerikanischen Sportarten spielen eine große Rolle, E-Sport ist in dieser Zielgruppe ganz groß im Kommen ... die nachwachsende Generation ist alles andere als fußballbegeistert." Die Fußballbranche, so Haupt, sei im Vergleich zum E-Sport für Innovationen überhaupt nicht aufgeschlossen: "Da muss der Fußball aufpassen, dass er die Fans der Zukunft nicht vergisst."


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Paul, Montag, 14.August, 11:16 Uhr

10. Transferwahnsinn

Jeder Verein der einen Spieler ab 1Mio. kauft sollte die gleiche Summe noch einmal zahlen,davon könnte man z.B.die Überstunden und Schmerzensgeld für die Polizei bezahlen.Die müssen sich ja Dank "Deeskalation,,von uns Fans Beschimpfen und Beleidigen lassen. Zum anderen könnten Summen für Kinder und Soziales zur Verfügung gestellt werden.Und wir Fans könnten darüber streiten ob ein Fussballer/Mensch 222 Mio wert ist.Hist.Hätten dabei aber ein besseres Gefühl????

Thomas, Montag, 14.August, 10:01 Uhr

9. Andere Sportart schauen

Klar ist es, dass viele Leute einfach Sport schauen wollen um sich den Alltag zu versüßen. Man kann über Dinge reden, die im Sport passieren und sich auch zum gemeinsamen Zuschauen verabreden. Wenn man aber über Fußball spricht dann gibt es heute kaum mehr positive Äußerungen um das was so im ganzen Fußballgeschäft passiert. Transfers, Verteilung von TV-Geldernn und Siegerprämien, Dauermeisterschaften und Chancenlosigkeit von Mittelklassevereinen. Man ist es Leid wenn nur der Kampf um Platz 5 und der Abstiegskampf und das Halbfinale der CL für Spannung sorgt. Die Verbände tun überhaupt nichts um das Niveau von wenigen starken Mannnschaften gegen viele unterklassige Mannschaften abzuschaffen.
Ich und viele meiner Kumpels und Kollegen schauen mittlerweile mehr NFL als Fußball. Warum? ... Weil diese Liga einfach vieles besser hinkriegt als der europäische Fußball, angefangen mit dem Salary Cap.

Lohengrin, Sonntag, 13.August, 22:20 Uhr

8. Einfach abschalten

Ich mach den Wahnsinn nicht mehr mit. Man kann auch ohne Fußball leben. Ist es nicht Wurscht, ob ein Ball eine bestimmte Linie überschreitet oder nicht? Wenn man mal einen gewissen Abstand gewonnen hat, ist es einem Wurscht. Und man freut sich, dass die Öffentlich-rechtlichen wenigstens nimmer so viel zahlen und die, die den Schmarrn noch brauchen, von Sky und anderen zur Kasse gebeten werden.

Don, Sonntag, 13.August, 21:24 Uhr

7. Fußball-Transfer-Wahnsinn

Ich empfehle die Lektüre von "Football Leaks". Das Buch führe ich mir gerade zu Gemüte und entferne mich, der ich eh schon sehr kritisch hinterfrage, immer weiter von diesem "kriminellen Konstrukt Fußball". Ich hoffe eindringlich auf die Einsicht der Fans und möglicherweise einem Zusammenschluss der Fangruppierungen zum Boykott der Stadien. Vermutlich ein völlig utopisches Ansinnen, aber wahrscheinlich der einzige Weg zurück zum Spiel. Wer ist hier noch vernünftig?

byuri, Sonntag, 13.August, 16:13 Uhr

6. transferwahnsinn

Der Transferwahnsinn betrifft nicht nur den Fussball. Ich habe mir die letzte zwei Wochen die Leichtathletik angeschaut und dabei mit Erstaunen festgestellt, dass sich diverse Staaten Sportler in unterschiedlichen Sportarten einkaufen um auch einen Goldgewinner zu haben. Der einzige Unterschied besteht nur darin, dass es sich nicht nur um Geld handelt, sondern dass diese Athleten auch ganz schnell einen neuen Pass bekommen. Sprache und Kultur sind dann nicht so wichtig.