Sport - Fußball


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Das Fußballjahr 2017 und die WM 2018 Rück- und Ausblicke mit Fußball-Bundestrainer Joachim Löw

Bundestrainer Joachim Löw genießt den Jahreswechsel in Freiburg. Kurz vor Weihnachten nahm er sich noch Zeit für BR Sport, blickte zurück aufs Fußballjahr 2017 und sprach über die Vorbereitungen für die WM 2018 in Russland.

Stand: 25.12.2017

Wie tiefenentspannt ist der Bundestrainer vor dem WM-Jahr?

"Nein, so tiefenentspannt wie manche glauben, bin ich sicherlich nicht. Weil: Vor einem Turnier wie der WM im nächsten Jahr ist natürlich schon auch der Fokus darauf gerichtet. Man diskutiert viel, man arbeitet viel, man denkt vor allen Dingen auch sehr viel nach. Aber es ist schon auch so, dass ich natürlich mittlerweile aufgrund meiner Erfahrung und der vielen Jahre, die ich schon als Bundestrainer tätig bin, natürlich auch weiß, wann es Zeit ist, mal abzuschalten und auf andere Gedanken zu kommen."

Vatutinki bei Moskau statt Sotschi - das WM-Quartier steht fest. Aber das war nicht Ihr Wunsch.

"Natürlich haben wir gemeinsam entschieden, dahin zu gehen, weil wir auch alles abgewogen haben. Wir haben ganz bewusst die Auslosung abgewartet, um zu sehen, wohin uns ein möglicher Weg führt, wenn wir Gruppenerster oder Gruppenzweiter werden. Wir haben ja ein Spiel in Sotschi. Und das hat uns dann nochmal ein bisschen zum Nachdenken gebracht. Aber wenn man dann mal nach dem Achtelfinale die Wege sieht nach Sankt Petersburg und dann nach Samara und so weiter - dann haben wir doch auch unsere Vernunft ein bisschen eingeschaltet und gesagt: Okay, gerade im Turnier, das kräfteraubend sein kann, ist vielleicht in der letzten Phase, in den letzten zwei Wochen wichtiger, dass man nicht mehr viele Flugstunden hat.

Es hat dann schon auch mehr Sinn gemacht, nach Moskau zu gehen, weil wir ja auch das erste Spiel gegen Mexiko in Moskau haben. Wir können uns da in Moskau vorbereiten, haben keine Flugreise und können uns dann fürs Achtelfinale in Moskau und auch auf die weiteren Spiele wirklich sehr sehr gut vorbereiten. Und wir können das auch in Moskau so gestalten, dass wir das sicherlich eine gute Atmosphäre haben."

Vatutinki klingt nach Indianer-Camp - gibt's da Lagerkoller?

"Das versuchen wir ja immer zu vermeiden. Bislang haben wir das eigentlich immer geschafft bei den Turnieren. Wir waren ja meistens sieben oder acht Wochen zusammen. Eigentlich gab es bislang nie Lagerkoller. Unsere Spieler sind schon auch dann auf Ergebnisse fokussiert und Wohlfühlen gehört dazu, ganz klar. Irgendwie so ein bisschen wie zu Hause fühlen. Diese Atmosphäre müssen wir schaffen.

Aber in erster Linie sind wir beim Turnier, um erfolgreich zu sein, und von daher macht es einfach auch mehr Sinn, nach Moskau zu gehen. Dort haben wir sicherlich unsere Ruhe und haben ideale Trainingsbedingungen. Natürlich: Wenn du Meer hast und die Sonne scheint mehr, dann ist das natürlich auch für die Stimmung förderlich. Absolut. Aber das konnten wir letztendlich nicht in den Vordergrund stellen, andere Dinge waren eben wichtiger.

Von Sotschi aus hätten wir diese langen Reisen machen müssen ab dem Achtelfinale. Die Spiele finden dann im Drei-Tagesrhythmus statt. Dann hast du kaum noch die Möglichkeit, wieder in dein Basecamp nach Sotschi zu kommen. Am nächsten Tag musst du vielleicht schon wieder los - und das würde viel Stress bedeuten. Und das ist einfach auch dann der Mannschaft in der Endphase eines Turniers irgendwie nicht zuzumuten. Die ersten beiden Wochen hätten wir gut arrangieren können in Sotschi. Aber danach wird es einfach auch sehr zeitaufwändig und möglicherweise fehlen dann ein paar Prozent. Und das wollten wir auch nicht riskieren."

Sie waren Mitte Dezember mit Ihrem Team bei der Klub-WM in Abu Dhabi. Spricht man da schon konkret über Namen für den WM-Kader - wer darf mit, wer nicht?

"So weit war man natürlich jetzt noch nicht. Zum einen war es wichtig festzulegen, wann gehen wir ins Trainingslager nach Südtirol, wann wollen wir die jeweiligen Vorbereitungsspiele bestreiten, die möglichen Gegner waren ein Thema. Dann waren Inhalte ein Thema: Was für fußballerische Inhalte wollen wir im nächsten halben Jahr verbessern, vor allen Dingen genau in der Vorbereitung angehen? Was wollen wir spielen? Was haben wir für Gegner? Die Gegneranalyse stand auf dem Programm. Und natürlich sprechen wir auch über einzelne Spieler, über Beobachtungen im nächsten halben Jahr, über einen Beobachtungsplan: Welche Spieler müssen wir nicht besonders in den Fokus nehmen? Welchen Spielern müssen wir irgendwie noch mal eine Hilfestellung geben? Welche Spieler müssen wir ganz besonders betreuen im nächsten halben Jahr und sie auch unter Beobachtung nehmen? Natürlich waren diese Themen auch Inhalt der Gespräche."

Der Wechsel von Sandro Wagner zum FC Bayern - ruft ein Spieler bei Ihnen da vorher an?

"Wir haben gesprochen im Vorfeld, klar. Und haben uns auch bei den Länderspielen im November unterhalten darüber. Für ihn ist das natürlich eine andere Situation. In Hoffenheim war er, wenn er gesund war, immer in der Anfangsformation. Bei Bayern weiß man, dass sich das vielleicht ändert. Auf der anderen Seite habe ich ihm auch gesagt, dass er schon wahrscheinlich genug Möglichkeiten bekommt. Eigentlich spielt immer Lewandowski, in allen drei Wettbewerben sind sie noch vertreten, dann haben sie natürlich im nächsten Jahr viele Spieler, haben Ziele in der Champions League, Spiele im Drei-Tagesrhythmus. Und dann habe ich ihm natürlich auch nochmal ans Herz gelegt, ein Gespräch mit dem Trainer zu führen, mit Heynckes und den Verantwortlichen, wie sie mit ihm planen. Von daher war es dann schon auch ein Austausch."

Torwart Manuel Neuer ist immer noch verletzt. Ab wann wird es kritisch mit der WM?

"Einen Zeitpunkt zu nennen, ist schwierig. Andy Köpke und ich sind mit Manu ständig im Austausch. Was man weiß ist eigentlich so, dass man schon davon ausgeht, dass er bei der WM dabei sein wird. Der Plan ist, dass er irgendwann im Februar oder März vollumfänglich trainieren kann, da hat er sicherlich noch Zeit. Und wir gehen jetzt mal davon aus: Wir werden Manu natürlich auch alle Möglichkeiten offen halten, wenn er dann einige Spiele gemacht hat. Er ist der beste Torhüter der Welt und so ein Rückhalt und unser Kapitän und mit dieser Ausstrahlung: Den brauchen wir unbedingt. Und von daher ist im Moment alles im Plan."

Italien hat sich nicht für die WM qualifiziert. Sind Sie traurig?

"Ein wenig schon. Weil: Die letzten Spiele, die wir gegen Italien gemacht haben, haben wir alle erfolgreich bestritten. Vor der EM haben wir 4:1 gewonnen in München. Dann haben wir sie bei der EM zum ersten Mal in einem Turnier geschlagen. Also so schlechte Erfahrungen habe ich mit den Italienern bisher nicht, es ist ausgeglichen. Aber ich bin deswegen ein bisschen enttäuscht gewesen, weil ich diese großen Namen im Weltfußball und diese tollen Typen, die Italien hat, nicht mehr sehe international.

Buffon wird wahrscheinlich aufhören, dann Bonucci, Chiellini, Barzagli oder de Rossi. Die werden wahrscheinlich ihre Karriere irgendwie beenden und dann sieht man sie nicht mehr auf der großen Bühne. Und diese Spielergeneration hat schon auch irgendwie diese Turniere bereichert. Die Italiener waren immer schwer zu schlagen. Sie waren taktisch gut geschult, man konnte von ihnen auch immer ein bisschen was lernen. Und ich fand, sie waren auch einfach große Persönlichkeiten und faire Sportsleute.

Wenn sie dann verloren haben wie bei uns, dann war Buffon der erste, der in die Kabine kam und allen gratuliert hat - obwohl er vielleicht Tränen in die Augen hatte. Aber das finde ich dann schon auch stark. Und von da tut's mir ein bisschen leid, dass so eine große Nation nicht dabei ist. Aber auch Chile zum Beispiel fehlt. Es sollten ja die besten Mannschaften bei einem Turnier sein. Und Italien gehört normalerweise dazu."

Was erwarten Sie konkret von der WM und von Russland? Was wird anders sein als in Brasilien?

"Ich erwarte vielleicht sogar eine größere Dichte in der Spitze. Ich glaube, dass Argentinien hungrig ist wie nie. Sie sind gerade deswegen gefährlich, weil sie sich in der Qualifikation sehr schwer getan haben. Aber sie haben es geschafft. Die Erwartungen sind ein bisschen nach unten gegangen im eigenen Land. Aber sie haben großartige Spieler und vielleicht haben Messi und Co. die letzte Chance, Weltmeister zu werden in ihrer Karriere. Deswegen werden sie hungrig sein wie selten zuvor.

Brasilien hat sich enorm verbessert. Das ist wirklich auch wahnsinnig interessant. Der neue Trainer hat irgendwie mal gesagt: 'Wir wollen nie mehr, nie mehr so eine Schmach erleben wie beim 1:7 gegen Deutschland. Das darf Brasilien nie mehr passieren. Ich erwarte ganz andere Dinge. Und diese Mannschaft ist natürlich individuell wahnsinnig gut, nach vorne haben sie unglaubliche Stärke, und mittlerweile ist es sogar so, dass alle, auch Neymar, Coutinho und wie sie alle heißen, in der Nationalmannschaft extrem nach hinten arbeiten. Sie haben auch verteidigen gelernt.

Und Frankreich haben wir ja vor kurzem gesehen in Deutschland: eine Mannschaft gespickt mit überragenden Spielern. Dazu Spanien. Darf man nie vergessen, weil die Mannschaften in Spanien einfach auch alle sehr guten Fußball spielen und die Nationalmannschaft eingespielt ist. Und England ist auch stark verbessert. England hat in den U-Bereichen, U17, U19, U20 überragend gute Spieler. Also England ist auch auf dem Vormarsch. Ich glaube, dass das schon sehr, sehr eng zugeht. Und Deutschland ist ja sowieso mehr gejagt denn je."

Und was wird aus dem Bundestrainer, wenn Deutschland den Titel verteidigt?

"Das ist vielleicht ein bisschen zu weit gedacht. Ich habe einen Vertrag bis 2020, den gedenke ich auf jeden Fall zu erfüllen. Und was nach dem Turnier grundsätzlich sein wird ... Es war ja immer so: Nach dem Turnier setzt man sich mal hin, schaut wie's gelaufen ist, was war positiv, was war negativ. Für mich als Trainer ist immer das alles entscheidende: Kann ich die Mannschaft irgendwie noch erreichen? Hat die Mannschaft das umgesetzt, was man auch vorhatte? Selbst wenn man mal verliert wie beim 2:0 gegen Frankreich bei der EM und dann im Halbfinale ausscheidet, hat die Mannschaft immer versucht, das umzusetzen. Das sind für mich die wichtigsten Kriterien.

Und am Ende muss man nach so einem Turnier eine Bestandsaufnahme machen. Nachwievor macht's mir natürlich enorm viel Spaß, gerade mit dem Team, mit den jungen Spielern, mit der Mannschaft. Im Confed Cup im Sommer war eine unglaublich gute Atmosphäre mit diesen jungen Spielern und mit diesen großen Talenten, mit den hungrigen Spielern. Von daher macht's mir Spaß und jetzt gehen wir erstmal das Turnier an mit aller Konzentration, mit aller Kraft, die uns zur Verfügung steht - und dann wollen wir da erfolgreich sein."

Sie waren beim Confed Cup, sie waren bei der WM-Auslosung - wie schaut's inzwischen mit ihrem Russisch aus?

"Es beschränkt sich auf ein Minimum. Es ist ja auch eine schwierige Geschichte, das zu lernen. Aber in Russland sprechen wichtige Leute auch Englisch, da kann man sich schon verständigen. (...) Ich habe ein paar Wörter gehört, ob sie einfach zu wiederholen sind, weiß ich auch nicht. Ich müsste daheim nochmal nachschauen, ich habe ein bisschen was aufgeschrieben.

Ich hab ja den russischen Nationaltrainer Tscherteschssow, der war mal mein Spieler in Tirol. Und der spricht ja auch ein sehr, sehr gutes Deutsch. Der hat für mich hervorragend fungiert als Übersetzer - und als Informant! Er hat mir viele Informationen gegeben über Moskau, Sotschi, über die Reisen, über die Größe des Landes, über die Mentalität. Also ich bin auch über ihn bestens informiert. Und wenn ich dann mal auf der Pressekonferenz ein paar russische Worte gebrauchen muss, werde ich ihn anrufen."

"чемпион мира" heißt Weltmeister - das sollte man sich vielleicht merken

"Das sollten sich alle merken, die an dem Turnier teilnehmen. Von 32 Mannschaften, die teilnehmen, wollen manche in die K.o.-Runde kommen, manche wollen ins Halbfinale, manche ins Finale. Und am Ende bleibt einer übrig, der das alles dann schafft. Und 31 Enttäuschte gehen nach Hause. Es ist schon eine schwierige Geschichte, Weltmeister zu werden. Das passiert jetzt nicht gerade in einer solchen Häufigkeit, dass man das als normal empfindet.

Da muss soviel zusammenkommen und soviel passen. Und es sind dann auch so viele Emotionen. Es ist schon etwas Außergewöhnliches. Übermenschliche Kärfte müssen Sie irgendwie freisetzen, wenn man es am Ende schaffen will."

Sie sind über Weihnachten in Freiburg. Ist die Weihnachtszeit die schönste Zeit, weil Sie da am besten zur Ruhe kommen?

Ich fühle mich eigentlich auch sehr wohl, wenn wir bei Turnieren sind. Das ist für mich eine besondere Aufgabe. Da habe ich wahnsinnig viel Spaß, da machen sich Energien frei bei mir. Der Confed Cup war wahnsinnig schön und erfolgreich. Und befruchtend auch. Aber am Ende des Jahres ist es auch so, dass man sich auch einmal freut.

Ich habe diese Woche kaum Termine, dieses Jahr haben wir erstmal soweit abgeschlossen. Wir fangen dann Anfang Januar wieder an mit Treffen und Diskussionen und der Vorbereitung. Aber jetzt ist es so: Ich kann sagen, ich treffe mich mal wieder mit Freunden, habe wieder mal Zeit, bin einfach ein paar Tage am Stück in Freiburg, kann wieder mal meine Familie besuchen und mit ihr auch mal ein bisschen längere Zeit verbringen. Darauf freut man sich schon, man macht dann auch einfach mal Dinge, die nichts mit dem Fußball zu tun haben: Ins Kino gehen, schön essen gehen, mit Freunden wieder mal Fußball spielen. All diese Dinge tun natürlich auch der Seele gut.

Wenn Sie auf das Jahr 2017 zurückschauen: Was Sie hat sie am meisten berührt, nicht als Bundestrainer, sondern als Privatmensch?

"Das ist eine Frage, die man nicht so schnell beantworten kann. Das ist nicht so einfach. Es gibt ja immer wieder Dinge, die einen berühren. Wenn man manchmal Menschen kennenlernt, die im Hintergrund der Öffentlichkeit arbeiten, die für Kranke arbeiten, die für die Umwelt viel Gutes tun - das imponiert mir sehr. Wenn junge Leute sich dafür engagieren, für diese Welt, für Leute, denen es nicht so gut geht, gegen Armut - das imponiert mir. Wenn Leute geradestehen und Rückgrat haben gegen Rassismus oder gegen Intoleranz oder gegen andere Dinge - das imponiert mir.

Und man erlebt ja auch manchmal im Laufe des Jahres Dinge, die einem wehtun, wenn Leute, die man über Jahre hinweg gut kennt, krank werden oder sterben. Und wenn man sie dann begleiten darf in der letzten Phase ihres Lebens, was dieses Jahr auch einmal der Fall war. Dann sind das Dinge ... dann ordnet man andere Dinge mal ein bisschen ein. Dass Fußball manchmal viel Spaß machen kann, manchmal Enttäuschungen bringt oder Erfolge - aber dass es nicht das Allerwichtigste im Leben ist. Sondern dass wichtig ist, Freunde zu haben, ein gutes soziales Umfeld, einen gewissen Halt zu haben. Und dass auch die Gesundheit über allem steht. Das sind Dinge, die mich dann berühren, wenn ich solche Erfahrungen mache."


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