Sport - Doping und Sportpolitik


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Leichtathletik-Studie Es wird mehr gedopt als nachgewiesen werden kann

Es wird deutlich mehr gedopt, als durch Tests nachgewiesen werden kann. Jahrelang haben Wissenschaftler der Uni Tübingen mit dem Weltverband IAAF gekämpft - jetzt wird eine Studie zur Verbreitung von Doping in der Leichtathletik veröffentlicht.

Stand: 29.08.2017

Leichtathletik, ISTAF (Internationale Stadionfest Berlin) am 27.08.2017 im Olympiastadion in Berlin. Robert Harting aus Deutschland in Aktion im Diskuswurf der Männer. | Bild: dpa-Bildfunk/Hendrik Schmidt

Im Spitzensport wird deutlich mehr gedopt, als durch Blut- und Urintests nachgewiesen werden kann. Das geht aus einer Studie hervor, die Tübinger Wissenschaftler nach jahrelangem Kampf mit dem Leichtathletik-Weltverband jetzt veröffentlichen konnten. Laut der Studie hat rund ein Drittel aller Teilnehmer im Jahr vor der Leichtathletik-WM 2011 gedopt. Von den Teilnehmern der Pan-Arabischen Spiele 2011 gaben sogar 45 Prozent an, zuvor gedopt zu haben. Bei der WM 2011 war bei den Verbandskontrollen jedoch gerade einmal ein halbes Prozent der Tests positiv.

Experten sehen in der Studie einen weiteren, äußerst belastbaren Beleg, dass die Zahl dopender Spitzensportler dramatisch höher liegt als von den internationalen Verbänden und Institutionen anerkannt. "Über Jahrzehnte wurde uns vorgegaukelt, dass man das Dopingproblem marginalisieren und individualisieren dürfe. Die schwarzen Schafe sind einzelne Sportler, oder 'nur' Russland - und auf jeden Fall immer die anderen", sagte der Sportmediziner und Dopingforscher Perikles Simon, der Co-Autor der Studie ist.

"Die Wahrheit ist: Dieses Testsystem können wir komplett in die Tonne treten. Da gibt es gar nichts, keine Struktur, keine Idee, keine funktionierende Methodik."

Perikles Simon

Leichtathletik-Weltverband verhinderte Veröffentlichung

Teile der Studie waren schon vor zwei Jahren an die Öffentlichkeit gelangt und hatten zu heftigen Diskussionen geführt. Die Studie war ein Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur, sie ist seit 2014 fertig und durfte allerdings bisher nicht offiziell veröffentlicht werden. Die Wissenschaftler mussten eine Verschwiegenheitserklärung abgeben – zudem hatte der Leichtathletik-Weltverband bis jetzt die Publikation verhindert. "Ich habe schon lange gefordert, dass diese Studie veröffentlicht wird. Im Anti-Doping-Kampf kann es nur eine Leitlinie geben: totale Transparenz", sagte der deutsche Leichtathletik-Präsident Clemens Prokop: "Die Zahlen sind deutlich. Ohne dass ich die Fragestellung der Wissenschaftler genau kenne und weiß, wie belastbar die Daten sind, ist es ein erschreckender Wert."

Die Befragung und die Analyse basieren auf komplizierten mathematischen Formeln, Schwankungen sind unvermeidlich. "Wir sind nicht bei hundert Prozent, aber es ist eine saubere Erhebung. Die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich weniger Athleten im Jahr vor den betreffenden Wettkämpfen gedopt haben, als wir es in der untersten Grenze angegeben haben, liegt bei unter fünf Prozent." Für die WM in Daegu bedeutet dies: mindestens 725 Sportler waren gedopt.

"Schwer bis unmöglich, saubere Arbeit abzuliefern"

Co-Autor der Studie: Perikles Simon

Zu den juristischen Hintergründen und warum die Studie gerade jetzt im Fachmagazin "Sports-Medicine" veröffentlicht wurde, wollten die Verfasser nichts sagen. "Ich will und kann aus rechtlichen Gründen da nicht ins Detail gehen. Nur so viel: Der Nachweis der Zuverlässigkeit der Befragung und des wissenschaftlichen Verfahrens hat zur Veröffentlichung beigetragen", sagte Simon: "Wir hatten es hier mit einem Sportsystem zu tun, in dem unter dubiosen Umständen Briefumschläge voller Geld im Zusammenhang mit einer Vertuschung des russischen Dopingskandals den Besitzer wechseln und hausinterne Ethikkommissionen das nicht als Bestechung werten können oder wollen. In einem solchen Sumpf ist es sehr schwer bis unmöglich, saubere Arbeit abzuliefern."


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