Religion


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Missbrauch in der Kirche Der schwierige Weg der Aufarbeitung

Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche ist sechs Jahre her. Doch immer noch beschäftigt er Betroffene und Verantwortliche, etwa bei den Regensburger Domspatzen. Was macht es so schwer, die Vergangenheit aufzuarbeiten?

Von: Christian Wölfel und Eckhart Querner

Stand: 13.01.2017

Symbolbild: Domspatzen Regensburg verfremdet | Bild: picture-alliance/dpa/David Ebener

"Was er gemacht hat, ist für mich einzigartig in Deutschland. Das dürfte das erste Bistum sein, wo ein Bischof zusammen mit betroffenen Opfern an einer Pressekonferenz teilnimmt", sagt Peter Schmitt. Es ist der 12. Oktober. Im Presseraum des Regensburger Fußballstadions stellt er zusammen mit anderen Betroffenen und dem Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer ein Maßnahmenpaket vor, wie Missbrauch und Misshandlung bei den Regensburger Domspatzen aufgearbeitet werden sollen. Mehr als 300 Jungen waren über Jahrzehnte hinweg von den Übergriffen betroffen.

Ettal handelt schnell - Regensburg lässt sich Zeit

Rückblende: Im Jahr 2010 wird der systematische Missbrauch durch Priester und Ordensleute in katholischen Einrichtungen öffentlich und damit ein Thema. Institutionen wie das Berliner Canisius-Kolleg oder das Benediktinerinternat Ettal stehen im Fokus, aber auch die Regensburger Domspatzen. Schon damals verspricht das Bistum Regensburg Aufklärung und Aufarbeitung – mehr als sechs Jahre später dann die Pressekonferenz im Fußballstadion.

In Ettal etwa einigen sich Betroffene und Benediktinerkloster schon im Jahr 2011 auf Maßnahmen, die dann teilweise in Regensburg Vorbild werden.

Erst im Jahr 2015 schafft es ein unabhängiger Sonderermittler in Regensburg, dass Betroffene Vertrauen in die Aufklärungsbemühungen des Bistums setzen. Seit Februar 2016 tagen ein Kuratorium und ein Aufarbeitungsgremium – immer mit dabei der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer.

Rolle von Kardinal Gerhard Ludwig Müller sehen viele kritisch

Für viele Betroffene ist der seit 2013 amtierende Oberhirte einer der Gründe für den Durchbruch. Die Rolle seines Vorgängers Gerhard Ludwig Müller dagegen bewerten sie deutlich kritischer. Er habe 2010 nicht die richtigen Worte gefunden.

"Er hätte damals, vor sieben Jahren, die Chance gehabt, mit vier Worten vielleicht alles gut zu machen, ein Telefonangebot, ein Gesprächsangebot und die Worte: ‚Es tut mir leid‘ und vielleicht noch dazu: ‚Wie kann ich helfen?‘ Dann wär das Thema erledigt gewesen."

Alexander Probst

Eigentlich wollen Betroffene wie Peter Schmitt mit Kardinal Gerhard Ludwig Müller, heute als Präfekt der Glaubenskongregation zuständig für die kirchenrechtliche Verfolgung von Missbrauchstätern, über seine Rolle sprechen. Doch ein Treffen ist bisher nicht zustande gekommen. Kardinal Müller spricht von seelsorgerlichen Gesprächen, die Betroffenen wollen sich mit ihm über sein Agieren als Bischof von Regensburg auseinandersetzen. Weshalb Peter Schmitt auch skeptisch ist, ob es je zu einem solchen Treffen kommt.

Aufarbeitungsprozess in Regensburg: "Meilenstein"

Gymnasium der Regensburger Domspatzen

Immerhin, den Aufarbeitungsprozess in Regensburg bezeichnen Experten wie Johannes-Wilhelm Rörig, der unabhängige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, als "Meilenstein": "Es ist richtig wohltuend, zu beobachten, wie Versäumnisse der Vergangenheit jetzt aufgeholt werden, und es zeigt, dass ein Neustart nach einer verschleppten Aufarbeitung möglich ist", so Rörig. In Regensburg selbst will das Bistum nun auch weitere kirchliche Einrichtungen, etwa Kinder- und Jugendheime, in den Blick nehmen. Auch hier soll systematisch aufgeklärt und aufgearbeitet werden – sowohl Fälle sexuellen Missbrauchs als auch solcher körperlicher Gewalt.

Hilfetelefon Sexueller Missbrauch

Anonym und kostenfrei unter 0800 22 55 530. Informationen auf www.hilfeportal-missbrauch.de

Infotelefon Aufarbeitung

Anonym und kostenfrei unter 0800 40 300 40. Informationen auf www.aufarbeitungskommission.de


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