Religion


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"Seine Kirche aber schwieg" Martin Gauger, der Deserteur

Martin Gauger ist als leitender Jurist der evangelisch-lutherischen Kirche einer der wenigen im Dritten Reiches, die sich aus moralischen Bedenken und Glaubensgründen heraus gegen das NS-Regime stellen. Deswegen muss er sterben. Seine eigenen kirchlichen Vorgesetzten, die seinen Tod vielleicht hätten verhindern können, ließen Gauger im Stich.

Von: Nancy Brandt

Stand: 15.11.2016

Martin Gauger | Bild: Friedensbibliothek Berlin

Martin Gauger wird am 4. August 1905 in Wuppertal-Elberfeld geboren und ist das fünfte von sieben Kindern von Emmeline und Joseph Gauger. Seine Schwester Hedwig beschreibt ihn später als lebensfrohen, offenen, redseligen und friedliebenden Menschen.

Gaugers Vater im Visier der Gestapo

Familie Gauger 1938 (Martin Gauger ganz links)

Sein Vater gerät als Direktor der Schriftenmission der Evangelischen Gesellschaft mit seinen zum Teil sehr politischen Schriften früh ins Visier der Gestapo. So hatte er sich, nachdem der damalige Reichskanzler Hitler nach dem Tod des Reichspräsidenten Hindenburg am 2. August 1934 auch dessen Funktion übernahm, in seiner Zeitschrift „Licht und Leben“ für die Beibehaltung der bisher getrennten Ämter ausgesprochen. Er wird daraufhin von der Gestapo verhaftet, die Zeitschrift befristet verboten.

Studium in Tübingen, Berlin, London und Breslau

Tübingen am Neckar

Martin Gauger ist belesen und interessiert sich insbesondere für deutsche Geschichte, Literatur und Politik. Sein Jura- und Volkswirtschaftsstudium absolviert er in Tübingen, Berlin, London und Breslau. Ab Januar 1934 kann "Mocker" - wie Gauger von seiner Familie liebevoll genannt wird - als Assessor der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Wuppertal arbeiten und wird im August ans Landgericht nach Mönchengladbach versetzt. Noch im selben Monat steht er vor einer ersten Gewissensentscheidung.

Entscheidung gegen Reichskanzler Hitler

Das Reichsgesetz vom 20. August 1934 verlangt von allen Beamten den Schwur eines Treueeides auf den Reichskanzler und Führer Adolf Hitler. Die Ermordung verschiedenster Oppositioneller während des sogenannten Röhm-Putsches vom 30. Juni 1934 und die nachträgliche Legitimation durch die Reichsregierung durch das Staatsnotwehr-Gesetz vom 3. Juli 1934 hatten ihn zuvor schon sehr empört, die willkürliche Verhaftung seines Vaters jedoch zutiefst verstört. Gauger sieht sich außer Stande den verlangten Eid zu schwören, was noch im selben Monat zu seiner Entlassung aus dem Staatsdienst führt.

"Der Verlust meines Amtes geht mir erbärmlich nahe, obschon ich froh bin, den Eid nicht geleistet zu haben. Wie er ausgenützt wird, das hat ja ein Württemberger Rundbrief aus neuster Zeit gezeigt. Danach sind die dortigen Beamten unter Berufung auf den von ihnen geleisteten Diensteid genötigt worden, der Bekenntnisfront fernzubleiben."

Brief von Martin Gauger an seinen Bruder Siegfried vom 19.10.1934

"Ich war nur kurz im Dienst, aber ich tat ihn gern, und es ist schön, wenn man nicht irgendwelchen Interessen zu dienen braucht, sondern dem Recht. Wie die anderen das freilich fertig bringen wollen (die den Eid auf Hitler geleistet haben), weiss ich nicht so recht. Ob sie eigentlich nicht hören, wie das unschuldig vergossene Blut gegen den zum Himmel schreit, dem sie Treue und Gehorsam geschworen haben?"

Brief von Martin Gauger an seinen Bruder Siegfried vom 28.10.1934

Promotion: Affront gegen den Nationalstaat

Martin Gauger in seinem Büro in Berlin 1936

Durch gute Kontakte gelingt es Gauger zunächst, seine Promotion zu schreiben. Der Inhalt, in dem es um das evangelische Bekenntnis und das Recht auf Widerstand bei einem bekenntniswidrigen Kirchenregime ging, ist ein weiterer Affront gegen den Nationalstaat und wird kurz nach Erscheinen 1936 verboten. Denn schon ab 1933 versuchen die Nationalsozialisten unter dem Namen "Deutsche Christen" die evangelische Kirche zu infiltrieren und  gleichzuschalten.

Bekennende Kirche gegen "Deutsche Christen"

Hitler veranlasst rechtswidrige Kirchenwahlen und ernennt den ihm bekannten Militärpfarrer Ludwig Müller zum Reichsbischof. Als Widerstand bildet sich noch im Herbst 1933 die Bekennende Kirche. Innere Unstimmigkeiten führen jedoch 1936 zur Spaltung. Während die Bruderräte unter Martin Niemöller, Dietrich Bonhoeffer und Karl Barth zum Widerstand gegen das NS-Regime aufrufen, erhofft sich der lutherische Flügel durch Eingeständnisse und Kompromisse mit dem NS-Staat die evangelische Kirche als solche erhalten zu können. Zu diesem Flügel gehören die „intakten“ Landeskirchen Hannover, Württemberg und Bayern und deren Bischöfe August Marahrens, Theophil Wurm und Hans Meiser, welche kurz darauf den Lutherrat bilden.

Gauger rettet als leitender Justiziar Leben

Durch die Vermittlung durch einen Freund seines Vaters kann Martin Gauger hier ab Sommer 1935 als leitender Justiziar des in Berlin ansässigen Sekretariats arbeiten. Mit Hilfe seiner einflussreichen Position rettet er mehreren Menschen das Leben. Dazu zählen einige Lübecker Pastoren und der Organist Jan Bender, den er aus dem KZ befreit.

Auch seiner Sekretärin Irmgard Behr, einer jungen Frau mit jüdischen Wurzeln, verhilft er zusammen mit deren Schwester zu einem Pass und einer Stellung in England, die sie noch rechtzeitig im Januar 1939 antreten können.

Martin Gaugers Sekretärin Irmgard Behr

"Ferner bekümmert mich sehr das Geschick von Fräulein Behr. Sie ist zu 75 % nichtarisch. Ihr Vater hat als jüdischer Arzt seine Praxis verloren und zugleich damit auch seine Wohnung. Gottlob haben sie nun eine Zwei-Zimmer-Wohnung gefunden. Da sie früher 10 Zimmer hatten, so ist das natürlich schon ein gewaltiger Abstand, aber sie sind glücklich, wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben. - Vom 1. Jan. 39 an soll Frl. Behr wie die anderen Nichtarierinnen den Namen Sara führen. Das macht sicher schon viel aus im Rechtsverkehr des täglichen Lebens, bei den U-Bahnkarten, den Fettbezugsscheinen usw.; aber manche fürchten, daß demnächst darüber hinaus eine äußere Kennzeichnung an der Kleidung eingeführt werde. Das würde ein Mädchen natürlich in Fülle brutaler und zynischer Bosheiten in einer Großstadt aussetzen. Es fragt sich auch, ob nicht bald die Beschäftigung von Nichtariern allgemein verboten wird. Was soll dann aus dem armen Menschen werden? Wir haben darum alles getan, um Frl. Behr die Auswanderung zu ermöglichen."

Brief von Martin Gauger vom 26.8.1938 an die Eltern

In Berlin verkehrt Gauger zudem in unterschiedlichen bürgerlichen, intellektuellen Gesellschaften wie dem „Deutschen Club“, die dem Nationalsozialismus zum Teil sehr kritisch gegenüber stehen. Er pflegt darüber hinaus Kontakt zum Gefängnispfarrer Harald Poelchau, Carl-Dietrich von Trotha und Graf von Moltke, dem späteren „Kreisauer Kreis“.

Reichskirchenminister erklärt Lutherrat für illegal

Reichskirchenminister Hanns Kerrl

Im Juni 1938 erklärt Reichskirchenminister Hanns Kerrl den Lutherrat für illegal. Somit gerät Martin Gauger immer weiter ins Visier der Gestapo. Eine ihm angebotene Stelle am Madras Christian College in Indien lehnt er jedoch ab, da er sich trotz allem weiter in der Verantwortung beim Lutherrat sieht.

"Der totale Staat hat die ganze Rechtssphäre... in die Hand genommen. Die Verordnung vom 28. Febr. 1933 zur Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltakte und die zugehörigen Gesetze vom 14. Juli 1933 zur Einziehung volks- und staatsfeindlichen Vermögens... haben jeden Deutschen von allen rechtlichen Begriffen  entblößt, mittels derer er seine Lebenssphäre gegenüber dem totalen Anspruch des Staats behaupten oder auch nur wirksam abgrenzen könnte. Es gibt Restbestände statutarischen Rechts, gewiß, aber die Restbestände statutarischen Rechts leiden unter einer auffallenden Schwäche: sobald sie irgendwie mit der politischen Maßnahme zusammenstoßen, zerfallen sie in nichts..."

Martin Gauger in einem Brief an Oberkirchenrat Pressel, 5.10.1938

"Die Geh. Staatspolizei kann... jedes Blatt beschlagnahmen, verbieten, Herausgeber, Drucker, Verleger, Verteiler, Empfänger verhaften, ihr Vermögen beschlagnahmen und einziehen. Ich spreche nicht von Möglichkeiten, sondern von Erfahrungen, die wir gemacht haben..."

Martin Gauger in einem Brief an Oberkirchenrat Pressel, 5.10.1938

"... Juni 1938 Erklärung des Lutherrates als „illegal“. - Damit ist unser Versuch, soweit wir ihn unternommen haben, mit dem Staat ins Reine zu kommen, offiziell als gescheitert erwiesen. […] Wir sind Staatsfeinde."

 Martin Gauger in einem Brief an Oberkirchenrat Pressel, 5.10.1938          

Kirche stimmt nationalsozialistischer Weltanschauung zu

Im Mai 1939 fordert der Reichskirchenminister nicht nur eine neue Leitung der Evangelischen Kirche, sondern auch die Zustimmung zu fünf Grundsätzen, in denen es vor allem um die Anerkennung der nationalsozialistischen Weltanschauung geht. Trotz aller persönlichen Bemühungen kann Gauger es nicht verhindern, dass der bisher von ihm hochgeschätzte Landesbischof von Hannover Marahrens diese unterschreibt. Für Gauger hatte der Lutherrat damit seine Existenzberechtigung verloren. Mit der Anerkennung schwinden auch sein Engagement und die Lebensfreude, mit der er sich zuvor seinen Aufgaben gewidmet hatte.

Selbstmord als einziger Ausweg?

Als er im Frühjahr 1940 seinen Einberufungsbefehl erhält, sieht er für sich keinen anderen Ausweg mehr als den Selbstmord.

"Ich bin gestern Abend auf heute früh zur Musterung bestellt worden, aber nicht hingegangen.... Ich soll dem Krieg dienen, den ich doch aus tiefster Seele ablehne […] Aber was soll ich tun? Kann ich mich an einem Krieg beteiligen, der alles zerstört, was mir teuer ist? Ich kann es nicht. […] Und wenn einmal der Nebel sich zerteilt hat, in dem wir leben, dann wird man sich fragen, warum nur einige, warum nicht alle sich so verhalten haben."

Abschiedsbrief von Martin Gauger an Bruder Siegfried, 25. April 1940

"So manchen Brief habe ich in meiner Studentenzeit und dann in den langen Jahren meines Berliner Aufenthaltes nach Hause gerichtet, oft froh, oft bekümmert, immer mit einem Gefühl tiefer Hoffnung und in der Gewißheit der unwandelbaren Heimat. Aber dieses Gefühl und diese Gewißheit sind in mir erloschen. Es sind zu viel Schläge auf uns alle und auf mich im Besonderen gefallen: Erst die Zerstörung des Lebenswerkes unseres geliebten Vaters, dann sein qualvoller Tod; […] dann auch der Krieg, von dem man je länger, desto weniger ein Ende sieht. Ist denn der Friede und die Eintracht ganz von der Erde verschwunden? Ich kann das nicht länger aushalten, ich kann es nicht. Darum habe ich beschlossen, in den Tod zu gehen. Nur der Gedanke an Euch hat mich bisher noch zurückgehalten; aber was kann ich Euch nutzen? Und ist es nicht, als müßte eine gewisse Zahl von Toten erst einmal erreicht sein, dann erst wird ein neuer Friede werden können. Dann soll doch an meiner Statt ein junger, lebensfroher gesunder Mensch am Leben bleiben, dem das Dasein keine Last ist, sondern eine Lust."

Abschiedsbrief von Martin Gauger an seine Mutter, 25.4.1940

Flucht nach Holland

Der Selbstmordversuch misslingt. Gauger versucht daraufhin mit Hilfe von Harald Poelchau und seinem Bruder Joachim nach Holland zu fliehen. Zwei Tage nach seiner Ankunft werden die Niederlande von den Deutschen überfallen und Gauger wird auf seiner erneuten Flucht am rechten Bein angeschossen und schwer verletzt.

Gefängnis, Entlassung, KZ und Hinrichtung                                            

Aufnahme Martin Gauger im Gefängnis, Januar 1941

Martin Gauger sitzt bis Mai 1941 im Düsseldorfer Gefängnis. Seine eigenen Vorgesetzten lehnen - trotz Bitte der Mutter um einen Prozess - einen Einsatz für seine Belange vehement ab und entlassen ihn einstimmig aus dem Kirchendienst. Gauger, der zunächst mit einer sofortigen Exekution gerechnete hatte, gibt der lange Aufenthalt im Gefängnis wieder Lebensmut und er hofft sogar, in der Gefängnisbibliothek aushelfen zu können. Die Gestapo sieht in seinem erneuten Engagement eine große Gefahr für die anderen Insassen und beantragt die Verlegung ins KZ Buchenwald. Hier ist Gauger nur für kurze Zeit. Am 15. Juli 1941 wird er in der Euthanasie-Anstalt Pirna-Sonnenstein im Alter von nur 35 Jahren vergast. (Quelle: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Familienbestand Gauger, P39)

65 Jahre nach dem Tod: Erste offizielle Entschuldigung der evangelischen Kirche

Sein Schicksal bleibt lange unbekannt, die Familie mit den Erinnerungen an ihn allein. Erst zum 65. Todestag von Martin Gauger im Jahre 2006 erhält sie eine erste, offizielle schriftliche Entschuldigung seitens der evangelisch-lutherischen Kirche. Im gleichen Jahr vergibt der Deutsche Richterbund Nordrhein-Westfalen erstmalig den Martin-Gauger-Preis.

Der Preis zu seinen Ehren wird seitdem alle zwei Jahre an ein Schülerprojekt vergeben, das sich herausragend mit den Menschenrechten auseinandersetzt. Im Januar 2007 erhält der ehemalige Wohnort der Familie Gauger in Wuppertal-Elberfeld einen Stolperstein mit seinem Namen. Im April 2015, zum 110. Geburtstag, findet eine erste große Gedenkveranstaltung der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern statt.

Ausstellung in Dachau

Seit Mitte Oktober ist die Ausstellung "Seine Kirche aber schwieg - Zum 75. Todestag des Deserteurs und NS-Opfers Martin Gauger" im Gesprächsraum der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau zu sehen. Sie wurde im Rahmen eines Gottesdienstes von der bayerischen Synodalpräsidentin Dr. Annekathrin Preidel und von Oberkirchenrat Dr. Martin Hauger vom Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland eröffnet.


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