Religion


7

Martin Gauger Jurist, Kriegsdienstverweigerer, NS-Opfer

Er war einer der wenigen in der Kirchenleitung der evangelischen Kirche, die den Eid auf Hitler verweigert haben. Seine eigenen kirchlichen Vorgesetzten lehnten einen Einsatz für ihn ab. Eine Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Dachau erinnert nun an den mutigen Mann und das Versagen seiner Kirche.

Stand: 11.10.2016

Martin Gauger | Bild: Bundesarchiv

Keine Hilfe von seiner Kirche

Martin Gauger hatte den Kriegsdienst verweigert, und wusste, dass darauf im NS-Regime die Todesstrafe stand. Seiner Mutter wollte er eine Enthauptung ersparen, deswegen beging er einen Suizidversuch, der misslang. Die bayerische Landeskirche hatte Gauger wegen seiner Kriegsdienstverweigerung und wegen des Suizidversuchs - beides damals aus kirchlicher Sicht inakzeptabel - mit sofortiger Wirkung aus dem Dienst entlassen. Vergeblich bat seine Mutter um Hilfe bei den Bischöfen Hans Meiser und Theophil Wurm. 1941 kam Martin Gauger mit einem sogenannten "Invalidentransport" in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein, wo er am 15. Juli ermordet wurde.

Spätes Schuldeingeständnis der Evangelischen Kirche

2006 entschuldigte sich der damalige bayerische Landesbischof Johannes Friedrich bei Hedwig Gauger, der jüngsten Schwester, für die Untätigkeit der Kirchenleitung. Die bayerische Landeskirche gab eine Ausstellung über Martin Gauger bei der Friedensbibliothek Berlin in Auftrag. Diese wird nun bis Ende Februar in der Versöhnungskirche in Dachau gezeigt.

Pfarrersohn und Kirchenjurist

Der aus einer Pfarrfamilie stammende Martin Gauger war nach dem Rechtsreferendariat ab Januar 1934 Assessor der Staatsanwaltschaft am Landgericht in Wuppertal. Weil er den vorgeschriebenen Treueeid auf den Führer ablehnte, wurde er sofort aus dem Staatsdienst entlassen. Ab 1935 war der Pfarrersohn dann beim Lutherrat beschäftigt, einem Leitungsgremium der hitlerkritischen "Bekennenden Kirche" (BK). Als sich die Bekennende Kirche 1936 spaltete, blieb Martin Gauger auf der Seite des gemäßigten Flügels. Seiner Meinung nach konnte man nur so die hitlertreuen Deutschen Christen zurückdrängen. Gauger verlangte von seiner Kirche, sich den Willkürmaßnahmen des NSDAP-Reichskirchenministers zu verweigern. Nur so könne sich ein allgemeiner Widerstand erheben, schrieb Gauger. Doch seine Appelle fanden kein Gehör.

"Seine Kirche aber schwieg"

Martin Gauger (1905 - 1941)

Der Sohn des Pfarrers Joseph Gauger wuchs als fünftes von insgesamt acht Kindern auf. Seine Mutter stammte aus einer wohlhabenden Wuppertaler Familie. 1924-1930 studierte Gauger Rechts- und Wirtschaftswissenschaft in Tübingen, Kiel, London, Berlin und Breslau. 1933 legte Gauger die Große Staatsprüfung ab und wurde Rechtsassessor in Wuppertal bzw. Mönchengladbach. 1934 schied er aus dem Staatsdienst aus, weil er den Beamteneid auf Hitler nicht leisten wollte. 1935 trat Gauger zunächst als Jurist in den Dienst der Ersten Vorläufigen Kirchenleitung der Deutschen Evangelischen Kirche und 1936 in den des Rates der Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands in Berlin.

1940 weigerte sich Gauger, der Aufforderung zur Musterung und Einberufung zum Wehrdienst nachzukommen. Nach einem gescheiterten Suizidversuch versuchte er zunächst über Holland nach England zu fliehen, dann nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Holland weiter in die Schweiz. Auf dem Weg dorthin wurde er von einer Militärstreife aufgegriffen und angeschossen. Zunächst in Düsseldorf inhaftiert, wurde er 1941 ins KZ Buchenwald verlegt und von dort aus in die "Euthanasie-Anstalt Sonnenstein" bei Pirna. Seine eigenen Vorgesetzten, die seinen Tod vielleicht hätten verhindern können, lehnten einen Einsatz für ihn ab. Gauger wird mit nur 35 Jahren in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein vergast. Sein Schicksal bleibt lange unbekannt. Erst 2006 erhält die Familie Gaugers eine erste Entschuldigung seitens der evangelisch-lutherischen Kirche.

"Wenn einmal der Nebel sich zerteilt hat, in dem wir leben, dann wird man sich fragen, warum nur einige, warum nicht alle sich so verhalten haben."

aus einem Brief an seinen Bruder Siegfried, 1940

Die Ausstellung "Seine Kirche aber schwieg - Zum 75. Todestag des Deserteurs und NS-Opfers Martin Gauger" ist vom 16. Oktober bis 28. Februar im Gesprächsraum der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau zu sehen.


7