Religion


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Massive Kirchenaustritte Das Ende der Kirche wie wir sie kennen

Die Kirchenausstritte sind unaufhaltsam. Sie liegen weder am neuen Kirchensteuereinzugsverfahren, noch an konkretem Verhalten der Bischöfe oder des Papstes, sagt Norbert Reck. Sie sind in einem neuen religiösen Selbstverständnis der Menschen begründet.

Stand: 24.07.2015

Norbert Reck | Bild: Privat

"Natürlich gibt es nicht die eine Ursache für den massenhaften Auszug aus den Kirchen", sagt Norbert Reck. "Doch es gibt eine Tiefenströmung, die wahrscheinlich in viele Entscheidungen hineinspielt. Sie existiert schon seit Langem, und sie wird sich auch nicht mehr umkehren."

Der Theologe und Buchautor Norbert Reck sieht starke Veränderungen auf die Kirche zukommen. Hier Auszüge aus seinem Kommentar "Zum Sonntag":

"Ich meine den Wandel im Selbstverständnis der Menschen. Bevor dieser Wandel einsetzte, bestimmten die Menschen ihre Identität in erster Linie durch die Zugehörigkeit zu ihrer Familie, zu ihrer gesellschaftlichen Klasse, zur Heimatregion, zu einer Kirche oder auch zu einer Partei.
Diese Zugehörigkeiten haben sich früher das ganze Leben nicht geändert. Heute sind sie fließend. Viele Menschen wechseln ihren Wohnort, ihren Beruf, ihr persönliches Umfeld mehrmals im Leben. Und dabei haben sie gelernt, ihr Selbstwertgefühl nicht mehr aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe zu gewinnen, sondern aus sich selbst heraus: aus dem, was sie können, was sie wollen, was sie ablehnen, wofür sie sich einsetzen möchten. Und so wie ihr Leben sich fließend verändert, sind auch die Dinge, die ihnen wichtig sind, nicht immer dieselben. Für feste Mitgliedschaften fehlt immer mehr Menschen der Sinn ...
Das bedeutet, dass die Kirchen so, wie wir sie hierzulande kennen, mit festen Mitgliedschaften und Mitgliedsbeiträgen, am Ende dieses Jahrhunderts nicht mehr existieren werden. Was stattdessen existieren wird, wird sich nicht mehr um die Frage der Zugehörigkeit drehen, sondern um überzeugende Engagements auf Zeit. Die Konfessionsgrenzen werden bedeutungslos werden, und die einzelnen Gemeinschaften werden informeller sein, einfacher, und auch ärmer. Auf der Südhalbkugel ist dieser neue Kirchentypus schon vielerorts zu beobachten. Er breitet sich zusehends aus."

Norbert Reck

Reaktionen - ein Überblick

Kardinal Reinhard Marx

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, bezeichnet die Entwicklung als "schmerzlich". Dahinter stünden "persönliche Lebensentscheidungen, die wir in jedem einzelnen Fall zutiefst bedauern, aber auch als freie Entscheidung respektieren".

Erzbischof Ludwig Schick

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick äußert sein Bedauern. Er setzt auf den Papst und hofft, dass der "Franziskus-Effekt" zu einer Trendwende führt.

Generalvikar Thomas Keßler

Der Würzburger Generalvikar Thomas Keßler richtet auf der Internetseite des Bistums persönliche Worte an die Menschen. Die mangelhafte Kommunikation über das neue Einzugsverfahren zur Kirchensteuer auf Kapitalerträge sei nur ein Grund für die hohe Austrittszahl. Bei anderen stünden sicherlich auch persönlich schlechte Erfahrungen mit der Kirche und dem "himmlischen Bodenpersonal"dahinter. Darüber müsse man reden. Gleichzeitig lädt er aber auch dazu ein, sich auf die kirchlichen Angebote wie jetzt an "Kiliani" einzulassen, Kirche als Gemeinschaft zu erleben und die christliche Botschaft auch zu den Menschen zu bringen, die sich verabschiedet haben.

Generalvikar Harald Heinrich

Der Augsburger Generalvikar Harald Heinrich betont die Bedeutung offener Türen. So werde sein Bistum die City-Pastoral weiter ausbauen. Als eine sehr gute Möglichkeit, mit den Menschen in Kontakt zu bleiben, hätten sich auch die 410 katholischen Kindertagesstätten in der Diözese bewährt. "Hier werden wir auch zukünftig präsent bleiben."

Telefondienst in Regensburg

Angesichts der steigenden Kirchenaustrittszahlen hat die Diözese Regensburg für die nächsten zwei Wochen einen Telefondienst eingerichtet. "Das Gesicht“ des Bistums ist Dekan Johann Ammer - Dekanat Frontenhausen-Pilsting - , der Sekretär des Priesterrates des Bistums. Er ist unter der Woche von 8 bis 19 Uhr für persönliche Gespräche und Nachfragen erreichbar.

Dramatischer Verlust der Kirchenbindung

Der Freiburger Religionssoziologe Michael Ebertz bewertet den neuen Höchststand der Zahl der Kirchenaustritte gegenüber der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) als Folge eines rasch voranschreitenden, dramatischen Verlustes der Kirchenbindung in der deutschen Gesellschaft. Ebertz betonte, wissenschaftliche Studien zeigten auch, dass die bisher wichtigsten Gründe für eine Kirchenmitgliedschaft zunehmend an Plausibilität verlören: das soziale Engagement der Kirche sowie das Anbieten von Riten an wichtigen Lebensabschnitten wie Taufe, Trauung oder Bestattung.

"Längst sind dies keine kirchlichen Alleinstellungsmerkmale mehr. So stehen Caritas und Diakonie in direkter Konkurrenz zu nichtkirchlichen sozialen Trägern. Und auch der Markt für frei gestaltete Riten der Lebenswende boomt."

Michael Ebertz

Hoffnung auf Papst Franziskus

Nur wenn sich alle deutschen Bischöfe endlich entschieden und aus vollem Herzen zum pastoralen und reformerischen Kirchenkurs von Papst Franziskus und des Konzils bekennen, besteht die Chance, dass dieser Exodus gestoppt oder gar umgekehrt werden kann. Kommentierte die Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche"die dramatischen Kirchenaustrittszahlen. Aber auch der Ausgang der Familien-Synode in diesem Oktober würde von vielen als entscheidender Testfall dafür angesehen, ob die römisch-katholische Kirche grundsätzlich erneuerungsbereit und erneuerungsfähig ist oder nicht.

Negativrekord Kirchenaustritte

In der katholischen Kirche stieg die Zahl der Austritte um mehr als 20 Prozent auf 217.716 (2013: 178.805). Damit wurde der Negativrekord aus dem Jahr 1992 (rund 192.000) nochmals deutlich überschritten. Laut der am Freitag in Bonn veröffentlichten Statistik der Deutschen Bischofskonferenz hat damit fast jeder hundertste Katholik (0,91 Prozent) 2014 seiner Kirche den Rücken gekehrt.

Kirchenaustritte in Bayern 2014

Evangelische Kirche in Bayern trifft es besonders hart

Auch in Bayern ist die Zahl der Kirchenaustritte deutlich höher als im Vorjahr. 2013 traten insgesamt 45.508 Katholiken aus der Kirche aus. 2014 waren es 57.097. Das entspricht einem Anstieg um 25,5 Prozent. Die evangelische Kirche erwischte es noch härter. Nach Auskunft eines Landeskirchensprechers verließen diese 28.400 Personen, 41,5 Prozent mehr als 2013.

Kirchenaustritte in Bayern
BistumAustritte 2014Zahl der Katholiken
Augsburg12.0901.325.316
Bamberg5.785696.247
Eichstätt3.153405.069
München und Freising20.5521.739.444
Passau2.740477.405
Regensburg7.0421.191.564
Würzburg5.735776.130

Zahl der Gottesdienstbesucher leicht gestiegen

Bayerische Zahlen

Zum Jahresende 2014 lebten 6,61 Millionen katholische und knapp 2,46 Millionen evangelische Christen im Freistaat. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von etwa 72 Prozent.

Mit insgesamt fast 24 Millionen Kirchenmitgliedern ist die römisch-katholische Kirche in Deutschland trotz der Austritte weiterhin die größte Religionsgemeinschaft mit einem Bevölkerungsanteil von 29,5 Prozent (2013: 29,9 Prozent). An zweiter Stelle liegen die Landeskirchen der EKD mit deutschlandweit noch 22,6 Millionen Mitgliedern (2013: 23 Millionen). Ihr Anteil sank damit von 28,5 auf 27,9 Prozent.

Die Statistik hält für die katholische Kirche aber auch einen kleinen Lichtblick bereit: Ihre Sonntagsgottesdienste werden wieder besser besucht. Der Anteil der Teilnehmer an der sonntäglichen Messe stieg von 10,8 auf 10,9 Prozent.


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