Religion


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Bayernweite Islamstudie Erste Bilanz: Salafisten erfolgreiche Sozialarbeiter

Was bewegt Muslime in Bayern? Wie sieht ihre religiöse Lebenswirklichkeit aus? Darüber wird viel diskutiert, aber meist nicht mit den Muslimen, sondern nur über sie. Die breit angelegte Studie erhebt zum ersten Mal Daten für ganz Bayern.

Von: Antje Dechert

Stand: 13.07.2017

Wissenschaftler am Zentrum für Recht und Islam in Europa der Universität Erlangen-Nürnberg wollen es wissen: Ihre breit angelegte Studie, die von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gefördert wird, ist deutschlandweit die erste, die Daten rund um das islamische Leben flächendeckend für ein ganzes Bundesland erhebt.

Salafisten in Bayern

Im Fokus der Erlanger Wissenschaftler ist auch die salafistische Szene in Bayern. Was macht die Ideologie der Extremisten aus? Wie gelingt es Ihnen, vor allem Jugendliche zu überzeugen?

Die Antwort ist einfach: Sie wissen sehr genau, was bei den Jugendlichen ankommt. Die salafistische Propaganda kommt bunt und lustig auf Facebook daher, zum Beispiel als Comicstreifen, die unauffällig die eigene Ideologie transportieren. Die Botschaft: Die böse Gesellschaft will Euch nicht, weil ihr Muslime seid. Wir dagegen – die Guten – bieten Euch eine Heimat.    

"Ich finde, das ist eine sehr gefährliche Botschaft für Integration und für das Zusammenleben zwischen den Muslimen und Nichtmuslimen."

Mahmoud Jaraba, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Erlanger Zentrum für Recht und Islam in Europa

Knapp zwei Jahre lang war Mahmoud Jaraba inkognito unterwegs bei Bayerns Salafisten. Als Palästinenser spricht er perfekt Arabisch. Er hat Moscheen und konspirative Treffs der Salafisten besucht und unzählige Freitagspredigten dokumentiert. Um herauszufinden, wie die Extremisten ticken und wer Ihre Angebote nutzt.

Traditionelle Vereine uninteressant für Jugendliche 

Im Fokus der Radikalen seien neben den Geflüchteten vor allem muslimische Jugendliche, die hier geboren sind. Dabei spiele den Salafisten in die Hände, dass die traditionellen Moscheevereine in Bayern diese Jugendlichen nicht mehr ansprechen, geschweige denn religiös binden können, sagt Mathias Rohe. Er ist Professor für Rechts- und Islamwissenschaften an der Universität Erlangen-Nürnberg und leitet die Studie „Islam in Bayern“.

"Die Salafisten sind leider diejenigen, die am konsequentesten auf Deutsch arbeiten. Wir haben zum Teil das Phänomen, dass viele Moscheevereine noch ein stark migrantisches Flair haben. Das spricht manche junge Leute, die sich als Deutsche in einer deutschen Gesellschaft fühlen nicht mehr so an."

Mathias Rohe, Professor für Rechts- und Islamwissenschaften an der Universität Erlangen-Nürnberg

Ein Generationenproblem

Die politischen Islamisten sprechen mit großem Geschick junge Leute genau so an, wie sie es sich vorstellen. Und so gehen Jugendliche den Salafisten direkt ins Netz. Sie fangen Enttäuschungen und Diskriminierungserfahrungen auf, bieten jungen Muslimen eine klare Identität, ein Heimatgefühl, das ihnen in der Mehrheitsgesellschaft offenbar fehlt.

Ein Teufelskreis entsteht

Während sich manche muslimische Jugendlichen radikalisieren, wächst andererseits die Islamfeindlichkeit.

"Sowohl muslimischer wie auch islamfeindlicher Extremismus erscheint im Bericht des bayerischen Verfassungsschutzes, darüber bin ich froh, denn beides gefährdet gleichermaßen das Ziel, die Koalition der Gutwilligen zu stärken."

Mathias Rohe, Professor für Rechts- und Islamwissenschaften an der Universität Erlangen-Nürnberg

Islamismus und Islamfeindlichkeit – zwei Seiten einer Medaille. So viel können die Erlanger Wissenschaftler jetzt schon sagen. Mit Ihrer Studie wollen sie auch dazu beitragen, dass die breite Mitte der Muslime und Nichtmuslime sich besser vernetzt, vorurteilsfreier zusammenlebt und sich gegen Extremismus auf beiden Seiten zu wehren weiß.

Ein umfassender Abschlussbericht der Studie mit Empfehlungen an Politik und Kommunen ist für kommendes Jahr geplant. Dann wird mit der Studie auch erstmals die genaue Zahl der in Bayern lebenden Muslime veröffentlicht.


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