Religion


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Kann man Glück lernen? Glück als Unterrichtsfach

Die Willy-Brandt-Gesamtschule in München geht neue Wege. In einem Pilotprojekt werden Schüler des Realschulzweigs im Fach Glück unterrichtet. Das war vor allem am Anfang nicht ganz einfach.

Von: Iris Tsakiridis

Stand: 26.05.2017

Glück ist eine Frage der inneren Haltung, das ist eine der wichtigsten Lektionen für die Schülerinnen und Schüler der Willy-Brandt-Gesamtschule. Glück ist nämlich auch ganz verschieden: Für den einen das gemeinsame Spiel mit dem Bruder, für andere Fotos mit schönen Erinnerungen.

Glück als Gemeinschaftsprojekt

In gemeinsamen Übungen sollen die Schüler lernen, auf sich und die anderen zu achten. Wie fühle ich mich gerade? Bin ich müde, ausgepowert oder habe ich Kraft? Wie kann ich meinen Mitmenschen mit einer netten Geste begegnen? Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen hilft an der Gesamtschule oft, Konflikte friedlich zu lösen.

Glück hat eben nicht nur mit einem selbst zu tun. Deshalb geht es in dem Glücksunterricht auch um Empathie, Persönlichkeitsbildung und Gemeinschaftsgefühl. Die Idee und das Konzept dafür stammen von dem Heidelberger Lehrer Ernst Fritz-Schubert. Der Unterricht wird meist von zwei Lehrern gemeinsam vermittelt. Die Lehrer der Willy-Brandt-Gesamtschule mussten sich extra für das Unterrichtsfach fortbilden.

Das Schicksal selbst in die Hand nehmen

Schulleiterin Cornelia Folger hat sich getraut, das Fach Glück als Pilotprojekt einzuführen. Sie war sich sicher, dass ihre Schüler von einer solchen Unterstützung profitieren würden. Die Willy-Brandt-Gesamtschule im Münchner Norden besuch Kinder aus über 39 Nationen mit unterschiedlichen Religionen. Die meisten von ihnen haben kein bildungsbürgerliches Elternhaus im Hintergrund, das sie fördert. Ein Ersatz für Religion ist das Fach Glück für die Schulleiterin allerdings nicht.

"Religionsunterricht bedeutet ja immer eine konkrete Eingrenzung auf eine bestimmte Religion. Im Glücksunterricht lernen Kinder aller Religionen zusammen etwas. Es ist ein Erlernen von umfassender Toleranz. Und das ist gerade in unserer Zeit elementar wichtig."

Cornelia Folger, Schulleiterin

Es geht beim Glücksunterricht auch um Wertevermittlung und die Frage: Welche Vision von meinem Leben kann ich entwickeln? Cornelia Folger hofft, dass die Jugendlichen mehr Selbstwertgefühl bekommen und sich dadurch nicht als Opfer der Umstände begreifen, sondern ihr Leben aktiv mitgestalten.   

Herausforderung für alle

Ganz einfach war das am Anfang nicht. Die Schülerinnen und Schüler hatten Schwierigkeiten, über ihre eigenen Bedürfnisse zu sprechen, sich selbst mitzuteilen und sich zu öffnen. Heute möchten die Jugendlichen auf den Glücksunterricht nicht mehr verzichten. Jeder profitiert auf seine Weise davon: Die Klassengemeinschaft wurde gestärkt, das eigene Handeln wird hinterfragt und der Umgang miteinander ist von Ehrlichkeit und Offenheit geprägt.

"Wir stellen fest, dass sich die Schülerinnen und Schüler mit dem Glücksunterricht göffnet haben. Es ist einfach ein ehrlicherer und authentischerer Umgang miteinander, und auch verbindlicher."

Silvia Wienefoet, unterrichtet das Fach Glück


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