Religion


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Burkina Faso Wo Gott und Allah gute Nachbarn sind

Im westafrikanischen Burkina Faso funktioniert das Zusammenleben verschiedener Religionen. Denn es ist ein Miteinander, nicht ein Nebeneinander. Das macht den Unterschied zu vielen anderen Gesellschaften - auch zur deutschen.

Von: Isabelle Hartmann

Stand: 15.05.2017

Bobo-Dioulasso, nachts. Eine Messe unter freiem Himmel, denn das Kirchendach ist beschädigt. Die Gebete der gut 200 Anwesenden steigen in den Himmel empor, da ertönt ganz in der Nähe der Ruf des Muezzins: Katholiken und Muslime beten - nur einen Ruf voneinander entfernt - unter demselben Sternenhimmel. Willkommen in Burkina Faso, einem Land mit rund 20 Millionen Einwohnern im Westen Afrikas, südlich der Sahara - einem Land, wo das, was wir Europäer umständlich „interreligiösen Dialog“ nennen, gewöhnlicher Alltag ist.

Hier wundert sich kein Mensch, dass Christen und Muslime so nah zueinander beten. Warum auch? Die burkinische Bevölkerung ist sehr gemischt. 60 Prozent sind Muslime, 25 Prozent Christen, 15 Prozent Anhänger der traditionellen Religionen. Und seit Jahrzehnten leben sie friedlich miteinander. In Burkina heißt „interreligiöser Dialog“ meistens nur „dialogue de vie“, zu Deutsch „Lebensdialog“. Denn die Menschen dort reden ja nicht mit einem Muslim, mit einem Katholiken oder Animisten: Sie reden mit ihrem Bruder, ihrer Tante, ihren Freunden.

"Die Blutsverwandtschaften sind stärker als die Bindung durch Religion."

Oscar Zoungrana, Chef der päpstlichen Missionswerke in Burkina

Über Religionen lachen - das hilft ungemein

Joachim Ouédraogo, katholischer Bischof der Diözese Koudougou, bezeichnet die Vielfalt als Chance: "Natürlich sorgt es für Diskussionen. Aber in den wichtigen Momenten zeigt sich der Lebensdialog: Wenn jemand stirbt, kommen alle. Wenn ein Kind getauft wird, kommen alle. Manchmal denke ich, dass Konflikte irgendwie ganz oben ausgedacht werden, um den Menschen das Leben schwer zu machen." Doch damit ist nicht alles erklärt, so Joachim Ouédraogo. Der Dialog sei in Burkina auch wegen eines besonderen Humors so erfolgreich.

"Das ist die 'parenté à plaisanterie', zu Deutsch die 'Scherzverwandschaft', mit der die verschiedenen Ethnien sich untereinander necken. Und was Christen und Muslime betrifft, bedeutet das: Man kann über Religionen lachen. Das hilft ungemein."

Joachim Ouédraogo, katholischer Bischof der Diözese Koudougou

Bedrohung durch Extremisten

Web-Special

Children working in Burkina Faso | Bild: picture-alliance/dpa <!-- --> Burkina Faso Geschichten aus Westafrika

Burkina Faso ist eines der ärmsten Länder der Welt. Und eins der jüngsten! Ein Land zwischen Tradition und Moderne. Fünfzehn Jugendliche aus Westafrika erzählen von ihrem Leben, von ihren Träumen und ihren Ideen vom Leben. [BR-Story]

Doch der Frieden ist bedroht, denn die Extremisten haben kürzlich Burkina Faso entdeckt. Mit dem friedlichen Sturz des Diktators Blaise Compaoré, 2014-2015, ist auch ein inoffizieller Friedenspakt mit den Terrorgruppen der Sahara zu Ende gegangen. Das erste terroristische Attentat der Geschichte der jungen Republik ereignete sich im Januar 2016 in der Hauptstadt Ouagadougou - drei Tage nachdem die neue, demokratisch gewählte Regierung die Macht übernommen hatte. Knapp 30 Menschen starben. Seitdem häufen sich die Attacken, insbesondere im Norden und Osten des Landes, an der Grenze zu Mali, mit Dutzenden Toten. Alte Islamistengruppen haben sich in der Region unter der Hoheit von Al Qaida zusammengeschlossen; manche formieren sich derzeit neu und haben dem sogenannten Islamischen Staat die Treue geschworen.

Bischof Joachim Ouédraogo kämpft weiter für einen interreligiösen Dialog: "Egal ob er Muslim oder Christ ist – ein Extremist macht keinen Unterschied. Am Ende werden wir alle Opfer sein, wenn wir uns nicht zusammensetzen und an den Frieden und der Einigkeit arbeiten."


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