Stimmungstief Winterblues oder Depressionen?
Je kürzer die Tage, desto dunkler wird die Stimmung. Etwa ein Viertel der Bevölkerung leidet im Winter unter Stimmungstiefs. Lichttherapie und Bewegung können oft Abhilfe schaffen. Anders sieht es bei Depressionen aus.
Etwa jeder dritte bis vierte Deutsche kennt ein psychisches Stimmungstief in der dunklen Jahreszeit. Tritt es in zwei oder mehr aufeinander folgenden Jahren auf, spricht man von SAD: "Seasonal Affective Disorder", übersetzt: jahreszeitliche Störung der Stimmungslage. Kennzeichen der SAD ist in den meisten Fällen, dass sie unser Lebensgefühl einschränkt und den normalen Alltag erschwert.
Typisch ist ein erhöhtes Schlafbedürfnis, besonders am Morgen. Dazu: Antriebslosigkeit und gedrückte Stimmung, begleitet von Heißhunger auf Süßigkeiten, auf Kohlenhydrate, vor allem am Nachmittag. Bei drei bis fünf Prozent der Deutschen würden die Beschwerden so schlimm, dass sie behandelt werden müssten, so der Psychologe und Chronobiologe Dieter Kunz.
Das Gehirn sagt: Es ist Nacht
Die Ursache für Stimmungstiefs und SAD ist primär Lichtmangel. Licht ist der wichtigste Taktgeber für den Menschen. Die Netzhaut unseres Auges dient nicht nur dem Sehen, sondern sie empfängt auch "Lichtsignale", die im Gehirn biochemische Vorgänge steuern. Das Auge teilt dem Gehirn mit, ob es Tag oder Nacht ist. Heißt die Information "Nacht", produziert das Gehirn müde machendes Melatonin. Die Aktivität des Körpers wird auf Sparflamme geschaltet. Außerdem drückt ein hoher Melatoninspiegel im Körper die Stimmung. Tagsüber wird das Melatonin wieder abgebaut. Dafür wird während der hellen Stunden vermehrt Serotonin gebildet - unser Glückshormon: Dieses aktiviert den Körper und hebt die Stimmung.
Was hilft gegen den Winterblues?
Ideal wäre, jeden Tag nach Sonnenaufgang ein bis zwei Stunden im Freien zu verbringen - auch bei trübem Wetter ist genügend Licht vorhanden, um unser Tagesprogramm zu aktivieren. Für viele allerdings ist das mit einem normalen Tagesablauf nicht zu vereinen. Deshalb sollte man jede Gelegenheit nutzen, um Tageslicht zu tanken: Auch ein Spaziergang am Mittag kann die Stimmung heben. Am Wochenende oder im Winterurlaub gibt es nur eine Devise: Raus an die frische Luft und bewegen. Hilft das alles nicht, können immer noch spezielle vom Psychiater verordnete Lampen mit hellem weißem Licht gegen Depressionen eingesetzt werden.
Mehr Licht reicht nicht bei Depressionen
Bei nicht-saisonalen Depressionen hilft die Lichttherapie nicht. Wer sich das ganze Jahr hindurch mit erdrückenden Stimmungstiefs und starker Antriebslosigkeit quält, sollte unbedingt seinen Hausarzt aufsuchen. Gegen Depressionen ist zwar kein Allheilmittel gewachsen, doch kann man sie mit einer Kombinationstherapie aus Therapie und Medikamenten in den meisten Fällen gut in den Griff bekommen. Allerdings: Ein vertrauensvolles Verhältnis zum Arzt ist dabei genauso wichtig wie Geduld und Beharrlichkeit.
Antidepressiva: kein Suchtpotenzial
Antidepressiva machen entgegen der landläufigen Meinung nicht abhängig. Bei Depressiven ist die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen gestört, weil bestimmte Botenstoffe nicht genügend vorhanden sind. Allerdings weiß man nicht sofort, welcher Botenstoff bei welchem Patient gestört ist. Deshalb müssen die Betroffenen oft verschiedene Antidepressiva ausprobieren, bevor eine lindernde Wirkung eintritt.
Akustische Diagnose
Mediziner an der Universität München haben deshalb eine Methode entwickelt, bei der dieser langwierige und für den Patienten aufreibende Prozess verkürzt werden kann. In einer neurophysiologischen Untersuchung bekommt der Patient verschiedene akustische Signale in verschiedener Lautstärke zu hören, über Elektroden werden gleichzeitig die Hirnströme gemessen. Patienten, die besonders stark auf einen Ton reagieren, weisen eine zu geringe Serotonin-Aktivität auf, die dann entsprechend medikamentös behandelt werden kann.
Wenn Medikamente versagen
Wenn Medikamente gar nicht helfen, gibt es eine weitere Möglichkeit ohne große Nebenwirkungen: die transkranielle Magnetstimulation (TMS). Mithilfe einer Spule wird am Kopf ein Magnetfeld erzeugt und die Stellen im Gehirn elektrisch angeregt, die eine Störung aufweisen. Da die Teile des Gehirns netzwerkartig miteinander verbunden sind, können so auch tiefere Hirn-Regionen aktiviert und fehlgesteuerte Botenstoffe beeinflusst werden. Die TMS ist allerdings noch ein sehr neues Verfahren und wird hauptsächlich bei Patienten angewendet, die eine medikamentöse Behandlung nicht vertragen haben.
Der Seelen-Schrittmacher
Ein alternatives Verfahren soll Menschen helfen, die schon jahrelang unheilbar unter schweren Depressionen leiden: der sogenannte Schrittmacher für die Seele. Die kleine Platine wird unterhalb des Schlüsselbeins implantiert und über Elektroden mit dem Vagus-Nerv verbunden. Das Gerät sendet Impulse, die über den Nerv ins Gehirn weitergeleitet werden und dort die Areale beeinflussen, die bei der Entstehung von Depressionen beteiligt sind. Laut Studien hilft die Operation bei rund 40 Prozent der Erkrankten, bei denen bisher weder Therapien noch Medikamente geholfen hat.

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