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Forschung Interview mit einem Traumforscher

Warum träumen wir? Was passiert in meinem Gehirn, wenn ich einen Albtraum habe? Diesen und vielen anderen Fragen geht Michael Schredl auf den Grund. Er ist Traumforscher und Leiter des Schlaflabors des Mannheimer Zentralinstituts für seelische Gesundheit.

Stand: 18.03.2014

Montage: Kopf einer Frau mit geschlossenen Augen | Bild: picture-alliance/dpa

Herr Prof. Schredl, träumen wir alle?

Ja, aber wir können uns nicht immer daran erinnern.

Welche Funktion hat das Träumen?

Michael Schredl | Bild: Michael Schredl

Traumforscher Prof. Michael Schredl

Es gibt verschiedene Hypothesen: Evolutionsbiologische Theorien versuchen im Träumen eine Überlebensstrategie zu sehen. Im Traum kann der Mensch Angst üben und so auch in einer realen Situation angemessen reagieren. Wenn man Angst hat und schnell weglaufen kann, hat man eine höhere Überlebenschance. Heute vermuten viele Psychologen, dass Träume beim Problemlösen helfen: Im Traum werden alte Informationen mit neuen gemischt, sodass es zu kreativen Lösungen kommen kann.

Andere Forscher nehmen an, dass Träume einfach Abfallprodukte der nächtlichen Hirntätigkeit sind. Es ist gut belegt, dass während des Schlafes Gedächtniskonsolidierung stattfindet. Dinge, die tagsüber gelernt werden, werden im Schlaf weiterverarbeitet und abgespeichert. Ob das Träumen dabei eine Rolle spielt, ist ungeklärt. Und diese Prozesse laufen ab, egal, ob man sich morgens an Träume erinnert oder nicht.

Kann ich beeinflussen, was ich träume?

In der Regel funktioniert das nicht, denn wir träumen von Dingen, die uns tagsüber beschäftigen. Ich meine dabei nicht die Gedächtniskonsolidierung (wie z.B. Vokabeln lernen), sondern die emotional wichtigen Dinge, die wir erleben. Wenn wir uns abends schlafen legen und uns vornehmen, wir wollen von etwas Schönem träumen, funktioniert das nur selten. Wenn der Tag stressig war, wird in der Regel auch der Traum stressig.

Welche Fragen beschäftigt die Traumforschung?

Wir wollen den Zusammenhang zwischen dem, was im Gehirn passiert und dem Inhalt des Traumes genauer erforschen - das alte Problem der Körper-Seele-Interaktion. So wissen wir beispielsweise, dass unser Herz während eines Albtraumes schneller schlägt. Auch wollen wir erforschen, wozu das Träumen dient. Ein Anhaltspunkt dafür kann die folgende Frage sein: Was von dem, was wir im Wachleben tun und denken, erleben und fühlen, kommt tatsächlich im Traum vor? Und was nicht? Antworten auf diese Fragen liefern uns repräsentative Studien, die wir eigens dafür in Auftrag geben. Oder unsere Probanden führen über einen bestimmten Zeitraum ein Traumtagebuch bzw. verbringen ein paar Nächte im Schlaflabor. Im Labor können wir sehen, ob das Gehirn sehr aktiv ist, den Probanden wecken und dann den Trauminhalt mit der gemessenen Gehirnaktivität in Verbindung setzen.

Träumen Kinder und Erwachsene unterschiedlich?

Kinder träumen nicht mehr als Erwachsene, aber es zeigte sich, dass Kinder mehr Albträume haben. Der Grund liegt wahrscheinlich darin, dass Kinder im Verlauf ihrer Entwicklung lernen müssen, mit Angst umzugehen – was mache ich, wenn ich Angst habe? Das Rezept ist Konfrontation, weil Vermeiden die Angst vergrößern kann.

Warum vergessen wir Träume? Schutzmechanismus oder Pech?

Für das geistige Wohlbefinden scheint das Vergessen von Träumen relevant zu sein. Könnte man sich an Träume genauso gut erinnern wie an Wacherlebnisse, entstünde in unserem Kopf ein riesiges Chaos. Die Basis für das Vergessen liegt wahrscheinlich darin, dass unser Gehirn während des Schlafes anders arbeitet als während des Wachzustandes. Und beim Umschalten während des Aufwachprozesses gehen Informationen, die in dem Schlafmodus des Gehirns bearbeitet wurden für den Wachmodus häufig verloren. Außer, man fokussiert gezielt auf das Erinnern der Träume.

Das Gehirn ist während des Schlafes nicht abgeschaltet oder heruntergefahren, was man früher dachte, sondern es ist anders aktiviert. Manche Gehirnzentren sind genauso aktiv wie im Wachzustand, andere sind aktiver oder weniger aktiv. So weiß man, dass unser Gefühlszentrum im REM-Schlaf aktiver ist als im Wachzustand, während der Bereich "Denken und Planen" dagegen weniger aktiv ist.

Das Interview führte Ursula Zimmermann


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