Ratgeber - Gesundheit


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Volkskrankheit Rückenschmerzen Das Kreuz mit dem Kreuz

Siebzig Prozent der erwachsenen Deutschen leiden im Zeitraum eines Jahres mindestens einmal unter Rückenschmerzen. Die "Volkskrankheit Rückenschmerzen" hat viele Ursachen: Bewegungsmangel, zu langes Sitzen, Übergewicht, kranke Organe, Überlastung, Sorgen ...

Stand: 09.01.2015

Zwei Hände auf dem Rücken | Bild: colourbox.com

Die Liste ließe sich beliebig lange fortsetzen, und das zeigt, wie komplex die Thematik ist. Es erfordert vom Arzt dementsprechend viel Erfahrung und Wissen, die Ursachen und eine passende Therapie zu finden. Da ist es gut, wenn man sich als Patient schon vorher genau informiert.

Häufigste Ursachen für Rückenschmerzen

Verspannung

Wenn Muskelbereiche über längere Zeit angespannt bleiben - aus Stress oder wegen einer falschen Haltung - bekommen sie nicht mehr genügend Sauerstoff. Folge: Die Muskeln verhärten sich noch mehr. Weil sie sich nicht mehr dehnen, zerren sie zu stark an den Sehnen, weitere Schmerzen sind die Folge.

Hexenschuss

Plötzlich "schießt" der Schmerz ein - meist im Lendenwirbelbereich. Unwillkürlich nimmt der Betroffene eine Schonhaltung ein und der gesamte Rücken verspannt sich. Auch beim Niesen, Husten oder Pressen "flammt" der Schmerz neu auf. Die Ursache ist nur selten ein Bandscheibenvorfall, sondern eher die Psyche.

Häufig ist der Typ des "Durchhalters" betroffen, den der Körper dadurch zum Innehalten zwingen will.

Ischias

Wenn die Schmerzen von der Lendengegend seitlich ins Gesäß und bis zu den Zehen hinunter ziehen, ist meist der Ischiasnerv der Auslöser. Der Schmerzbereich ist druckempfindlich, die Haut kann sich taub anfühlen, manchmal wirken die Füße oder Zehen gelähmt. Schlimmer wird es, wenn man das Bein ausstreckt, hustet, niest oder presst. Auslöser kann eine Verschleißerscheinung sein, eine falsche Bewegung oder eine Verletzung im Lendenwirbelbereich.

Schulter-Arm-Syndrom

Hier sitzt der Schmerz im Nackenbereich und kann in die Arme, bis in die Fingerspitzen ausstrahlen. Der schmerzende Arm fühlt sich schwach an, manchmal sogar taub. Oft hält man den Kopf schief, um die Schmerzen weniger zu spüren. Ursachen sind eine starre Kopfhaltung, Zugluft oder verschleißbedingte Einengungen in den Gelenken.

Erste Hilfe, wenn der Rücken schmerzt

Wenn der Schmerz auftaucht, verkrampft sich der ganze Körper - und das verschlimmert den Schmerz. Anstatt die Zähne zusammenzubeißen, sollte man also eine Tablette nehmen, die schmerzende Stelle warm halten, Stufenlagerung oder/und vorsichtig dehnen bzw. mobilisieren. Bei Nervenreizung (Ischias) kann auch Kälte gut tun - meist spürt man selbst, was man gerade braucht. Durch diese Maßnahmen sollten die Schmerzen nach 3-4 Tagen abgeklungen sein. Nicht zu empfehlen ist Bettruhe - denn der Rücken braucht Bewegung.

Bei solchen Begleiterscheinungen sollten Sie zum Arzt gehen:

  • vorangegangener Unfall
  • bewegungsunabhängige Schmerzen
  • schlechter Allgemeinzustand
  • Verdacht auf oder bekannte Vorerkrankung (Osteoporose, Krebs, Rheuma ...)
  • starke Lähmung/Taubheit

Das erwartet Sie beim Arzt

Gespräch mit dem Hausarzt | Bild: colourbox.com

Der Hausarzt wird Sie - ebenso wie der Orthopäde - zuerst nach Ihrer Krankheitsgeschichte fragen: Er wird sich mit Ihnen darüber unterhalten, seit wann die Schmerzen bestehen, wie und wann sie zum ersten Mal auftauchten und was Sie dagegen schon unternommen haben. Er wird nach sonstige Krankheiten, auch in der Familie, fragen; nach Ihrem Lebensstil, Belastungen, Beruf, Bewegung und Schlaf. Für dieses Gespräch sollte sich der Arzt Zeit nehmen. Danach wird er Wirbelsäule, Muskulatur und Gelenke untersuchen, um festzustellen, wo Blockaden und Schmerzen bestehen. Wenn nötig, wird er Sie zur genaueren Diagnose zu einem Orthopäden überweisen.

So untersucht Sie der Orthopäde

Wer mit Rückenschmerzen zum Orthopäden geht, muss mit einer Reihe von Untersuchungen rechnen. Gut zu wissen, was einen erwartet und wozu die einzelnen Diagnosemethoden dienen.

Das macht der Orthopäde

Lasègue-Test

Mann wird von Arzt untersucht | Bild: Klinikum rechts der Isar

Der untersuchende Arzt hebt das im Kniegelenk gestreckte Bein langsam aus der Neutralposition (Rückenlage) bis ca. 60 ° an. Ein plötzlich, blitzartig einschießender Schmerz, der von der unteren Lendenwirbelsäule über das Gesäß in das angehobene Bein ausstrahlt, ist bei einer Nervenwurzelreizung (etwa durch einen Bandscheibenvorfall) typisch.

Bragard-Test

Mann wird von Arzt untersucht | Bild: Klinikum rechts der Isar

Bei einsetzendem Lasègue-Schmerz senkt der Arzt das Bein wieder so weit ab, dass der Schmerz gerade nicht mehr empfunden wird. In dieser Position drückt er dann vorsichtig gegen den Fuß. Wird dadurch der typische Ischiasdehungsschmerz wieder ausgelöst, kann man darauf schließen, dass die Nervenwurzeln an den Wirbeln L4-S1 gereizt sind.

Derbolowsky-Test Teil 1

Mann wird von Arzt untersucht | Bild: Klinikum rechts der Isar

Mit diesem Test untersucht der Arzt, ob das Iliosakralgelenk blockiert ist. Dieses Gelenk verbindet die Wirbelsäule mit dem Becken. Blockaden können zu großen Schmerzen führen, die ins Gesäß oder in die Beine ausstrahlen. Der Patient liegt flach auf dem Rücken.

Derbolowsky-Test Teil 2

Mann wird von Arzt untersucht | Bild: Klinikum rechts der Isar

Nun setzt der Arzt die Daumen an den Fußinnenknöcheln des Patienten an. So kann der Arzt sehen, ob beide Beine in der Ausgangsposition des Tests gleich lang sind. Sind sie es nicht, kann das auf eine Störung des Iliosakralgelenks hinweisen.

Derbolowsky-Test Teil 3

Mann wird von Arzt untersucht | Bild: Klinikum rechts der Isar

Der Patient setzt sich nun auf, während der Arzt seine Daumen weiterhin auf den Innenknöcheln positioniert.

Derbolowsky-Test Teil 4

Mann wird von Arzt untersucht | Bild: Klinikum rechts der Isar

Ist das Iliosakralgelenk blockiert, so dass sich Kreuz- und Darmbein nicht ausreichend bewegen können, wird das Bein mit der Blockade beim Aufsetzen scheinbar länger - siehe Bild.

Drei-Stufen-Hyperextensions-Test

Mann wird von Arzt untersucht | Bild: Klinikum rechts der Isar

Der Patient liegt auf dem Bauch. Der Arzt hebt ein Bein am Oberschenkel an und fixiert mit der Hand unterschiedliche Bereiche zwischen Lendewirbelsäule, Hüftgelenk und Becken (Kreuzbein). Sind die Lendenwirbelsäule, das Iliosakralgelenk oder das Hüftgelenk blockiert, ist diese Bewegung schmerzhaft.

Druckkontrolle ("Palpation")

Mann wird von Arzt untersucht | Bild: Klinikum rechts der Isar

Der Patient liegt auf dem Bauch. Mit den Daumen drückt der Arzt auf das Iliosakralgelenk, um Schmerzen in diesem Bereich auszumachen.

Vorbeugetest

Mann wird von Arzt untersucht | Bild: Klinikum rechts der Isar

Mit gestreckten Beinen beugt sich der Patient so weit wie möglich nach unten (Rundrücken). Hiermit wird die Stellung der Wirbelkörper zueinander beurteilt. Eine Skoliose, bei der die Wirbelsäule nach links oder rechts verkrümmt ist, kann so grob festgestellt werden.

Fingerspitzen-Boden-Abstand-Test

Mann wird von Arzt untersucht | Bild: Klinikum rechts der Isar

Der Patient rollt im Stehen die Wirbelsäule ab und bringt seine Fingerspitzen so weit wie möglich zu den Zehen. Der Arzt kann so feststellen, wie beweglich die Wirbelsäule ist oder kontrollieren, ob Dehnungsübungen Wirkung gezeigt haben.

Seitwärtsneigung

Mann wird von Arzt untersucht | Bild: Klinikum rechts der Isar

Der Patient fährt mit einer Hand an der Seite seines Beins nach unten, wie entlang seiner Hosennaht. Der Arzt kann dabei feststellen, ob eine Seite beweglicher ist als die andere.

Drehbewegung - Rotation

Mann wird von Arzt untersucht | Bild: Klinikum rechts der Isar

Der Patient hält die Hände am Hinterkopf verschränkt und dreht den Oberkörper langsam nach rechts und links. Der Arzt kann so erkennen, ob und wo Blockaden oder Schmerzen vorhanden sind.

Der Blick ins Innere des Körpers

Es gibt viele Verfahren, mit denen man "in den Körper schauen" kann. Hier ein Überblick über diejenigen, die bei Rückenschmerzen angewandt werden. Machen Sie sich selbst ein Bild von Möglichkeiten, Grenzen und Risiken.

Bildgebende Diagnoseverfahren

Röntgen

Röntgenbilder entstehen dadurch, dass leicht radioaktive Strahlen unterschiedlich dichte Körperteile unterschiedlich stark durchdringen. Auf einer Platte, die die Strahlen auffängt, erscheinen die dichten Knochen hell, die durchlässige Lunge dunkel. Für eine mehrdimensionale Abbildung müssen oft mehrere Bilder aus verschiedenen Perspektiven gemacht werden. Für die Halswirbelsäule etwa sind es meist vier. Um die Bandscheiben sichtbar zu machen, spritzt der Arzt ein Kontrastmittel.

Computertomographie

Die CT (Computertomographie) ist ein verfeinertes Röntgenverfahren, bei dem eine ganze Bilderserie angelegt wird - für jede Körperschicht, Millimeter für Millimeter eines, immer quer zum Rumpf. In Summe entsteht so ein dreidimensionaler Einblick in den Körper. Während der Aufnahme liegt der Patient möglichst regungslos in einer offenen Röhre, das Ganze dauert wenige Minuten. Die Strahlenbelastung ist allerdings etwa 100 Mal so hoch wie bei einer konventionellen Röntgenaufnahme. Deshalb sollte man sehr genau überlegen, ob eine CT wirklich nötig ist.

Kernspintomographie

Auch diese Methode liefert sehr genaue Schnittbilder. Hier ist es allerdings auch möglich, Längsaufnahmen zu machen und es ist keine Röntgenstrahlung im Einsatz, sondern elektrische Energie von Magnetfeldern. Weichteile reagieren darauf besonders stark, deshalb lässt sich Körpergewebe gut darstellen. Die MRT-Röhre kann geschlossen sein, für Patienten mit Platzangst gibt es aber auch offene Röhren. Dauer der Untersuchung: gut 40 Minuten. Währenddessen hört man ein lautes Klopfen.

Myelographie

Bei einer Myelografie spritzt der Arzt ein Kontrastmittel in den Wirbelkanal - ein gefährliches Verfahren, denn manche Menschen reagieren allergisch auf das Mittel. Es besteht auch das Risiko, dass Keime vom Einstichsbereich ins Gehirn gelangen. Wenn Nerven beim Eingriff verletzt werden, kann eine Lähmung auftreten. Die Myelographie wird deshalb nur bei Erkrankungen durchgeführt, die im Bereich des Rückenmarks oder einzelner Nervenwurzeln liegen und nicht ausreichend mit CT oder MRT erfassbar sind.

Ultraschall

Das Prinzip: ein Schallkopf schickt Wellen in den Körper, die je nach Gewebekonsistenz unterschiedlich reflektiert werden. So entsteht ein Bild mit unterschiedlichen Schattierungen. Dieses am einfachsten durchzuführende Verfahren eignet sich nur, um Veränderungen weicher Gewebe (Muskeln, Bindegewebe) darzustellen. Beim Ultraschall wird keine Strahlung freigesetzt, es wird nur mit Schall gearbeitet. Für die Wirbelsäulen-Diagnostik spielt Ultraschall keine große Rolle, weil sich Knochen so nicht darstellen lassen.

Kein Röntgen ohne triftigen Grund!

In Deutschland wird zu viel geröntgt - die Auslastung der Geräte spielt dabei eine wichtige Rolle. Seien Sie misstrauisch, wenn der Arzt Sie ohne ausführliche Voruntersuchung und Aufklärung zum Röntgen schickt. Denn Röntgenstrahlung ist immer eine Belastung für den Körper. Mit einem Röntgenpass können Sie einen Überblick über diese Belastung behalten. Überlegen Sie gemeinsam mit dem Arzt, ob der Nutzen das Risiko rechtfertigt.

Selbst ein "eindeutiges" Bild liefert keine eindeutige Diagnose

Wozu machen wir das Bild? Was sind die Konsequenzen? - Das sollten Sie vorab klären.

Entscheidend ist die richtige Interpretation - unter Einbeziehung aller anderen Untersuchungs-ergebnisse. Vorgewölbte Bandscheiben etwa können schlimm aussehen, verursachen bisweilen aber gar keine (schlimmen) Schmerzen. Eine Operation wäre daher unsinnig.

Sprechen Sie daher immer VOR dem Einsatz eines Bilddiagnose-Verfahrens mit dem Arzt darüber, was damit geklärt werden soll und was die Konsequenzen daraus wären.

Bandscheibenvorfall vermeiden - durch Bewegung

Die Bandscheiben (blau im Bild) - sind wie mit Füssigkeit gefüllte Kissen. Sie "leben" von regelmäßiger Bewegung.

Die Bandscheiben werden nicht durch Blutgefäße mit Energie und Nährstoffen versorgt, sondern sie ernähren sich wie ein Schwamm: Bei jedem Schritt werden die Scheiben zusammen- und dadurch ausgepresst, beim Ausdehnen saugen sie Nährstoffe auf. So leben sie buchstäblich von der Bewegung - daher ist chronischer Bewegungsmangel Gift. Ein "Bandscheibenvorfall" bedeutet, dass das gallertartige Gewebe an einer Stelle stärker hervorquillt.


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