Wer an einer lauten Straße wohnt, leidet häufig an Schlafstörungen und hat ein erhöhtes Herzinfarktrisiko.
Einfach zu laut Lärm macht krank
Wer die Feuerwehr an sich vorbeifahren hört, zuckt zusammen: So viel Lärm tut schon fast weh. Doch die Feuerwehr ist schnell wieder weg, anderer Lärm bleibt - und schädigt nicht nur das Gehör.
83 Prozent der Bevölkerung fühlen sich durch Straßenlärm belästigt, 45 Prozent von Fluglärm und 40 Prozent von Schienenlärm. Das sind laut einer Online-Umfrage des Umweltbundesamtes die Hauptlärmquellen in Deutschland. An der seit 2002 im Internet laufenden Umfrage beteiligten sich bislang knapp 70.000 Menschen.
Neben Hörproblemen kann Lärm auch zu Herz-Kreislauferkrankungen und Schlafstörungen führen: Es sei davon auszugehen, dass chronischer Straßenlärm bundesweit jährlich etwa 4.000 Herzinfarktfälle verursache, sagt der Präsident des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth. Eigentlich verpflichtet die EU-Umgebungsrichtlinie Kommunen seit 2005 dazu, Aktionspläne gegen Lärm zu erlassen. Doch laut Jochen Flasbarth werde die europäische Umgebungslärm-Richtlinie unzureichend angewendet.
Nur keinen Lärm!
Bewußtheit
Machen Sie sich bewußt, welchen Lärm Sie selbst verursachen und dämmen Sie diesen - so weit es geht - ein.
Rücksicht
Achten Sie das Recht anderer auf Ruhe.
Gehörschutz
Tragen Sie immer Gehörschutuz, wo dieser vorgeschrieben oder ratsam ist (z.B. bei einem Rockkonzert, bei Arbeiten mit Motorsäge oder Bohrmaschine).
Spielzeug
Knackfrösche oder Schreckschusspistolen können die Ohren schädigen - auch bei nur kurzer Benutzung. Ziehen Sie diese ein.
Freizeit
Vermeiden Sie Freizeitaktivitäten, bei denen Sie großen Geräuschpegeln ausgesetzt sind oder bei denen Sie viel Lärm erzeugen.
HiFi
Überprüfen Sie die Lautstärke Ihrer Musikanlage, des Radios und des Fernsehers. Lassen Sie den Fernseher nicht unnötig im Hintergrund laufen.
Hupe
Hupen Sie nicht aus Unachtsamkeit oder Spaß.
Test
Lassen Sie regelmäßig Ihr Gehör von Fachleuten überprüfen.
Quelle:
Lärm macht krank
Das hat auch Folgen für die Wirtschaft, denn lärmbedingte Arbeitsausfälle kosten jährlich vier bis fünf Milliarden Euro. Auch der Werteverfall von Häusern und Grundstücken in der Nähe von Flughäfen oder an Hauptausfallstraßen beispielsweise ist beträchtlich. Nur Besserverdiener können es sich bei baulichen Veränderungen ihres Viertels noch leisten, in ruhigere und teurere Wohngebiete zu ziehen.
| Lärmart | Dadurch belästigt fühlen sich: |
|---|---|
| Straßenverkehr | 54 Prozent der Deutschen |
| Nachbarschaftslärm (Laubbläser, Rasenmäher, Parties) | 42 Prozent |
| Schienenverkehr | 33 Prozent |
| Industrielärm | 32 Prozent |
| Fluglärm | 20 Prozent |
Quelle: Studie des Umweltbundesamtes 2013
Shared Space
"Shared space" bedeutet, dass alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt den öffentlichen Raum nutzen. Schilder, Ampeln und Markierungen fehlen weitestgehend. Die gewollte Unsicherheit soll alle Beteiligten dazu bringen, die Verkehrssituation adäquat einzuschätzen - z.B. durch Aufnahme von Blickkontakt.
Dabei könnte gerade Straßenlärm gemindert werden. Michael Ziesak, Bundesvorsitzender des Verkehrsclub Deutschland (VCD): "Anstatt Menschen durch passive Lärmschutzmaßnahmen abzuschotten, muss Verkehrslärm aktiv bekämpft werden." Etwa mit Verkehrsvermeidung und Verkehrsberuhigung, durch Tempo-30-Zonen oder sogenannten Shared Space. Aber auch technische Ansätze wie Flüsterasphalt, lärmarme Reifen, Motoren, Turbinen und Bremsen könnten den Lärm auf den Straßen reduzieren. Diese Maßnahmen "müssen durch entsprechende politische Vorgaben oder Förderung zum Standard werden", sagt Ziesak.
Berufsrisiko Schwerhörigkeit
Kinderlärm ist Zukunftsmusik
Der Lärm spielender Kinder ist kein Klagegrund mehr gegen Kindertagesstätten und Spielplätze in Wohngebieten. Eine entsprechende Gesetzesänderung wurde 2011 einstimmig vom Bundestag verabschiedet.
Lärmschwerhörigkeit ist in Deutschland die Berufskrankheit Nummer eins. Besonders betroffen sind Beschäftigte in der Bau- und Metallindustrie. 2009 hat die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft beispielsweise fast 19 Millionen Euro an Lärmgeschädigte ausgezahlt, vor allem für Teilrenten und Abfindungen.
Aber auch in Großraumbüros kann der Lärmpegel auf gesundheitsschädliche 70 Dezibel ansteigen, so Ulrike Roth vom TÜV Rheinland. Das führt zu Stress, der sich in Konzentrationsstörungen, Nervosität und Schlafstörungen äußern kann.
Berufsmusiker: Krank durch schöne Musik
Doch nicht nur hässliche Töne können taub machen, sondern auch schöne. Berufsmusiker sind an ihrem Arbeitsplatz nicht selten einem Lärm von mehr als 90 Dezibel ausgesetzt - das entspricht einer Motorsäge. Seit Februar 2008 soll eine EU-Lärmschutzverordnung Musiker-Ohren vor Schäden bewahren. In Orchestern soll demnach ein Mittelwert von 85 Dezibel nicht mehr überschritten werden - mit Plexiglaswänden und Ohrenstöpseln.
Viele Musiker kritisieren die EU-Entscheidung und fühlen sich ins Handwerk gepfuscht. Musikmediziner halten die Regelung dagegen für sinnvoll, da man schädigende Töne nicht sofort bemerkt: "Die 85 oder 100 Dezibel tun nicht weh, wenn man sie aber dauerhaft auf das Ohr appliziert, dann führt das zu Schäden", so Professor Bernhard Richter vom Institut für Musikermedizin.
Lärm steigert Arzneimittelbedarf
Eine Studie des Umweltbundesamtes gibt Rückschlüsse über den Zusammenhang zwischen Lärm und erhöhtem Arzneimittelverbrauch: Anwohner eines Flughafens mit Nachtflugbetrieb gehen häufiger zum Arzt und bekommen öfter Medikamente verschrieben als Personen, die "nur" normalen Lärmkulissen ausgesetzt sind. Dazu wurden die Daten von 800.000 betroffenen Personen analysiert.
Lärmkarten
Städte und Gemeinden über 250.000 Einwohner müssen eine Lärmkarte für die Öffentlichkeit bereitstellen. Hier finden Sie die Lärmkarte für München:
Jeder vierte Jugendliche hat einen Hörschaden
Das Hören von lauter Musik und Straßenlärm macht unsere Jugend taub: Jedes achte Kind in Deutschland hat bereits einen Hörschaden, ergab eine Studie des Umweltbundesamtes. In Bayern sind es laut einer Studie des Bayerischen Gesundheitsministeriums 40 Prozent. Beim Musikhören über Kopfhörer oder im Autoradio setzen sich Jugendliche Geräuschpegeln von bis zu 120 Dezibel aus. Ab 65 Dezibel gilt Lärm als gesundheitsschädlich. Bis Ende 2011 soll zudem ein Leitfaden für Diskothekenbetreiber entwickelt werden, um den Lärmschutz in Clubs und Diskotheken zu verbessern.
Doch auch in den Schulen ist Lärm ein Problem: In Sportstunden wurden Pegel von bis zu 110 Dezibel gemessen - eine Belastung wie auf einem Flugplatz, so die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Auch in den Klassenzimmern herrsche Lärm von 70 bis 90 Dezibel - und das schränkt nicht nur die Konzentrationsfähigkeit der Schüler ein. Schwerhörigkeit sowie Stimm- und Kehlkopfprobleme zählen mittlerweile zu den typischen Berufskrankheiten von Lehrern, so die GEW.

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