Ratgeber - Gesundheit

Onlinesucht Flucht in die virtuelle Welt

Sie fühlen sich nur gut, wenn sie am PC sitzen. Streikt der Rechner, sind sie auf Entzug. Eine halbe Million Menschen in Deutschland gelten als internetabhängig - Tendenz steigend.

Stand: 09.10.2012
Jugendlicher spielt 'World of Warcraft' am Computer  | Bild: colourbox.com

Jahrestagung Onlinesucht

Am 9. Oktober 2012 macht die Bundesdrogenbeauftragte Onlinesucht zum Thema ihrer Jahrestagung. Weitere Informationen unter:

Ledige und arbeitslose Männer sind besonders gefährdet, sich so sehr in den Tiefen des Netzes zu verlieren, dass sie den Bezug zu der Realität verlieren - das ist die Kernaussage einer neuen Erhebung, die die Drogenbeauftragte Mechthild Dyckmans (FDP) auf ihrer Jahrestagung vorgelegt hat.

Ein Prozent der Bevölkerung ist internetsüchtig

Die für Deutschland bislang aussagekräftigste Studie, die sogenannte Pinta-Studie (Prävalenz der Internetabhängigkeit), stuft nach einer repräsentativen Befragung von 15.000 Menschen etwa ein Prozent der Bevölkerung zwischen 14 und 64 Jahren als abhängig vom Internet ein - das entspricht rund 560.000 Menschen. Das klingt nicht viel, doch Forscher sind sich sicher, dass die Zahl der Betroffenen stetig steigt. Denn 4,6 Prozent der 14- bis 64-Jährigen werden als problematische Internetnutzer angesehen, das sind rund 2,5 Millionen Menschen. Auffällig ist, dass in der jüngsten Gruppe, bei den 14- bis 16-Jährigen mehr Mädchen als Jungen internetabhängig sind. Mädchen nutzen vor allem soziale Netzwerke exzessiv, Jungen häufiger Onlinespiele. In höheren Altersgruppen dreht sich der Trend allerdings um: Hier sind 90 Prozent der Betroffenen Männer.

"Die Zahlen zeigen ganz akut einen Handlungsbedarf."

Mechthild Dyckmans, Drogenbeauftragte der Bundesregierung

Keine anerkannte Diagnose

Nach wie vor ist die Onlinesucht oder Internetabhängigkeit keine offiziell anerkannte Diagnose - was es Betroffenen schwer macht, Hilfe zu finden und diese auch von den Krankenkassen bezahlt zu bekommen. Dass es eine exzessive und krankmachende Nutzung von Onlinespielen oder Internetangeboten gibt, wird bei Wissenschaftlern allerdings nicht mehr in Frage gestellt. Schwierig ist es, allgemeingültige Kriterien aufzustellen, nach der eine eindeutige Diagnose gestellt werden kann. Viele der Internetabhängigen leiden unter weiteren psychischen Problemen, zum Beispiel unter Depressionen, Angststörungen, Sozialängsten oder unter ADHS. Die Frage ist: Was war vorher da, die psychische Störung oder die Internetabhängigkeit? Oder zieht die Onlinesucht psychische Folgeerkrankungen nach sich? Wahrscheinlich stimmen beide Möglichkeiten, meint Bert te Wildt vom Universtitätsklinikum Bochum und Vorsitzender des Fachverbandes Medienabhängigkeit.

Stressabbau vor dem Schirm

Die Abhängigkeit baut sich Schritt für Schritt auf: Onlinespiele zu spielen oder Aktivitäten in einem sozialen Netzwerk sind belohnende Verhaltensweisen, die mit positiven Gefühlen wie Freude, Spaß und auch Entspannung verbunden sind. Insbesondere bei Stresszuständen wird der Computer als Ablenkung oder Kompensation solcher Spannungszustände eingesetzt. Zusätzlich lassen sich in der virtuellen Welt Erfolge oft leichter erzielen als in der realen Welt. Soziale Hemmnisse und Kontaktschwierigkeiten treten in den Hintergrund, da der zwischenmenschliche Kontakt bei den Spielen vielfach auf ein Minimum beschränkt ist oder ein gemeinsamer Interessenschwerpunkt vorgegeben ist wie zum Beispiel bei Online-Rollenspielen.

Im weiteren Verlauf wird der Computer zur einzigen Form der Stressbewältigung, zur einzigen Form, negative Gefühle abzubauen. Die Abhängigkeit ist da: Leistungsabfall in der Schule, in der Ausbildung oder im Beruf, Vernachlässigung von Beziehungen, Freundschaften sowie Ernährung, Gesundheit und körperlicher Pflege sind häufige Folgen.

Sozialer Druck durch Online-Computerspiele

Kinder und Medien: Kindersuchmaschinen; Miniaturfiguren | Bild: BR/Henrik Ullmann zum Thema Kinder und Medien Mehr Bildschirm war nie

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Von den sogenannten "Massively Multiplayer Online Role-Playing Games" (MMORPGs), also Massen-Mehrspieler-Online-Rollenspielen, geht eine besondere Sogwirkung aus. Diese Spiele kann man nur mit anderen zusammen spielen. Klassiker wie zum Beispiel "World of Warcraft" gehören dazu oder auch "Social Games" wie "Farmville", bei dem es um den Aufbau eines virtuellen Bauernhofs geht. Denn aus der Tatsache, dass man mit anderen zusammen spielt, man als "Gilde" oder durch Zusammenarbeit bestimmte Aufgaben lösen muss, ergibt sich ein sozialer Druck, unbedingt spielen zu müssen. Die Bundesdrogenbeauftragte und der Fachverband Medienabhängigkeit fordern deshalb, dass sich die Altersfreigabe für ein Computerspiel nicht nur an dem Gehalt an Sex- oder Gewaltszenen orientiert, sondern auch an seinem Suchtpotenzial.

Was können Eltern vorbeugend tun?

Kontaktadresse:

AHG Klinik Münchwies
Zentrum für Psychosomatische Medizin,
Psychotherapie und Suchtmedizin
Turmstraße 50-58
66540 Neunkirchen
Tel. 06858 / 691-0 (Festnetz)
Fax 06858 / 691-420

Experten raten, sich mit den Inhalten und dem Internetkonsum der Kinder auseinanderzusetzen. Das bedeutet, sich zu informieren, wenn möglich, ein Spiel oder ein Netzwerk selbst auch einmal auszuprobieren und das eigene Kind direkt darauf anzusprechen, was die Faszination ausmacht.

"Problematisch wird es, wenn Computerspiele über einen längeren Zeitraum kompensatorisch, also als Ausgleich zu frustrierenden Erfahrungen im Alltag, genutzt werden, die Kinder sich immer weiter zurückziehen, Freunde vernachlässigen, Probleme in der Schule auftreten etc."

Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen

Tipps für Eltern

  • Eltern sollten ihren Kindern Alternativen zur PC-Nutzung anbieten - gemeinsame sportliche Aktivitäten oder kreative Beschäftigungen zum Beispiel.
  • Je jünger die Kinder sind, desto wichtiger ist es, die Zeit am Computer zu beschränken. Eltern sollten hier deutliche Grenzen setzen.
  • Mit vorher gemeinsam vereinbarten Grenzen erfahren Kinder, dass sie auch selbst die Verantwortung dafür tragen, rechtzeitig an einer im Spielverlauf geeigneten Stelle ein Spiel zu beenden.
  • Wenn Eltern hingegen ein Computerspiel an einer beliebigen Stelle unterbrechen, etwa weil das Kind "kein Ende findet", kann dies dazu führen, dass bestimmte Spielfortschritte verloren gehen.
  • Die Kinder sollten auch während der Beschäftigung am PC immer wieder Pausen machen, um Augen und Muskeln zu entspannen.

Quelle: Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien

Symptome einer Internet-Abhängigkeit

Verlangen

Junge mit Ipad | Bild: colourbox.com

Abhängige haben das unwiderstehliche Verlangen zu spielen.

Kontrolle

Der Spieler verliert die Kontrolle und ist nicht mehr frei in seiner Entscheidung über Beginn, Beendigung und Dauer des Computerspiels.

Entzug

Entzugserscheinungen wie Nervosität, Unruhe und Schlafstörungen, wenn der Betroffene nicht spielen kann, weil zum Beispiel der Computer kaputt ist.

Dosis

Der Nachweis einer Toleranzentwicklung, das heißt, es muss häufiger und länger gespielt werden, um zufrieden zu sein.

Vernachlässigung

Der Spieler vernachlässigt mehr und mehr andere Hobbys und Interessen.

Exzesse

Der abhängige Spieler spielt weiterhin exzessiv, obwohl es eindeutig schädliche Folgen hat (zum Beispiel Übermüdung, Leistungsabfall in der Schule, auch Mangelernährung).

Quelle: Dr. Sabine Grüsser-Sinopoli 2007

Folgen für die Gesundheit

Gerade bei Kindern und Jugendlichen kann das exzessive Computerspielen gravierende gesundheitliche Folgen haben - die anfangs oft übersehen werden:

  • Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen durch Schlafmangel
  • Muskelverspannungen im Nackenbereich
  • Überbeanspruchung der Hand- und Fingergelenke
  • Durch das passive Sitzen vor dem Computer und die mangelnde Bewegung werden ganze Muskelpartien zu wenig beansprucht und damit zu schwach
  • Rückenschmerzen durch eine falsche Haltung
  • Psychische Probleme: Entfremdung von Freunden und Familie, Kommunikationsstörungen, Isolation in der Schule
  • Mangelernährung
  • Vitamin-D-Mangel durch fehlendes Sonnenlicht

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