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Impfen Pro und contra

Spätestens seit dem Ausbruch der sogenannten Schweinegrippe ist die Unsicherheit in der Bevölkerung groß: Soll man sich - und vor allem den Nachwuchs - impfen lassen? Befürworter empfehlen das komplette Impfprogramm, Impfgegner weisen auf mögliche Schäden hin.

Stand: 21.06.2016

nackte Zwillingsbabys | Bild: picture-alliance/dpa

Auf Eltern lastet eine große Verantwortung. Sie alleine müssen entscheiden, ob und wogegen ihre Kinder geimpft werden. Folgt man den Empfehlungen der Impfkommission, wird ein Kind bis zum 15. Lebensmonat im Extremfall rund 30-mal geimpft.

Die Last der eigenen Verantwortung

Das stärkste Argument gegen Schutzimpfungen ist, dass durch die Impfung gesundheitliche Schäden ausgelöst werden können. Bleibende Impfschäden treten zwar äußerst selten auf, doch es gibt sie. Andererseits gelten manche Kinderkrankheiten praktisch als ausgestorben - da erscheint selbst das kleinste Impfrisiko zu groß.

Deutsche Ärzte fordern Impfpflicht

Deutsche Kinder- und Jugendärzte fordern seit Jahren in regelmäßigen Abständen eine Impfpflicht für Kinder. Die hohe Zahl von Masernerkrankungen in Deutschland zeige, dass die bisherigen Impfkonzepte nicht ausreichend seien, so das Argument der Befürworter. Während man in Skandinavien und den USA die Masern praktisch ausgerottet habe, ist dies in Deutschland bisher nicht gelungen. Angesichts der hohen Zahl der im Winter 2014/15 bundesweit an Masern Erkrankten brachte Bundesgesundheitsminister Gröhe die Diskussion um einen Impfzwang erneut ins Rollen. Die gesetzlichen Grundlagen dafür liegen bereits durch das Infektionsschutzgesetz vor; der Bund hat demzufolge eine sogenannte Verordnungsermächtigung, bei sehr gefährlichen Viren eine Impfpflicht einzuführen.

Argumente gegen eine Impfung

Nebenwirkungen

Impfreaktionen

Der Impfstoff soll die körpereigene Abwehr anregen. Das kann zu Rötung und Schwellung oder vereinzelt zu Knötchenbildung an der Einstichstelle führen. Auch allgemeine Krankheitszeichen wie Fieber oder Gelenkschmerzen können auftreten. Bei anfälligen Kindern kann das Fieber auch Fieberkrämpfe auslösen. Diese sogenannten Impfreaktionen beobachtet man bei jeder dreißigsten Impfung. Sie bilden sich wieder zurück, es bleibt kein dauerhafter Schaden.

Krankheit

Die geimpfte Krankheit bricht aus

Wenn der Impfstoff noch intakte Erreger enthält (Lebendimpfstoff) und das Immunsystem des Geimpften geschwächt ist, kann eine sogenannte Impfkrankheit entstehen. Das bedeutet, dass genau die Krankheit, gegen die man den Körper schützen wollte, ausbricht. Meist verläuft diese Impfkrankheit vergleichsweise schwach. Das ist zum Beispiel nach einer Masern-Impfung möglich, allerdings nur in zwei Prozent der Fälle, oft in einer leichten Form mit Fieber und abgeschwächtem Hautausschlag.

Impfschäden

Bleibender Impfschaden

In seltenen Fällen haben Impfungen schwerste Nebenwirkungen, die dauerhafte Schäden bzw. Behinderungen verursachen können. Die Angst vor diesem Impf-GAU hält manche Eltern davon ab, ihre Kinder impfen zu lassen. Immerhin stehen auf der Horror-Liste Dinge wie Krampfanfälle, Erkrankungen des Nervensystems, allergische Reaktionen und Auto-Immunerkrankungen, wie zum Beispiel Multiple Sklerose oder Diabetes Typ 1.

Meldung

Hohe Dunkelziffer befürchtet

Seit 2001 müssen Ärzte den Verdacht auf eine über das Ausmaß einer normalen Impfreaktion hinausgehende gesundheitliche Schädigung (Impfkomplikation) an das Gesundheitsamt melden. Impfkritiker monieren, dass die offiziellen Zahlen zu Impfnebenwirkungen zu niedrig angesetzt seien. Denn Probleme, die erst lange nach der Impfung auftreten, würden von den Hausärzten vermutlich nur selten mit der Impfung in Verbindung gebracht. Zudem sei die Meldung von Impfschäden für Ärzte mit großem Aufwand verbunden. Außerdem fürchteten diese mögliche Regressforderungen bei einem Arztfehler. All das könnte dazu führen, dass im Zweifelsfall nicht gemeldet wird.

Nachweise

Fehlende Nachweise, mangelndes Interesse

Anders als in vielen anderen Ländern (USA, Kanada, aber auch Indien, Brasilien) gab es in Deutschland bis Anfang 2001 kein Programm zu Erfassung von Impfstoff-Komplikationen. Ärzte melden laut Impfgegnern zu selten; erstens, weil sie die Impfung selbst empfohlen und zweitens, weil sie zu wenig Zeit haben. Nachweise oder gar Langzeitstudien benötigen Fachwissen und Geld. Die Pharmaunternehmen hätten zwar Geld, aber kein Interesse, es für Forschung auszugeben, die womöglich Nachteile fürs Geschäft bringen könne. Auch gebe es Verbindungen zwischen STIKO und Pharmaindustrie, die eine Objektivität erschwerten.

Argumente für eine Impfung

Schutz

Schutz vor gefährlichen Krankheiten

Impfungen sollen vor den Gefahren einer Krankheit schützen. Der Tetanus-Erreger zum Beispiel lauert überall in der Erde. Damit Verletzungen beim Herumtollen im Freien nicht zu lebensgefährlichen Lähmungen führen, sollte jeder gegen Tetanus geimpft sein. Dazu kommt, dass Kinderkrankheiten nicht immer harmlos sind. Zum Beispiel die Masern: In einem von 1.000 Fällen kommt es vier bis sieben Tage nach Auftreten des Ausschlags zu einer Entzündung des Gehirns. Mögliche Folgen sind bleibende Gehirnschäden und im schlimmsten Fall der Tod.

Epidemie I

Seuchen warten auf den Gegenschlag

Die meisten Seuchen sind bei uns zwar selten, aber noch nicht endgültig besiegt. Nur wenn weiterhin der größte Teil der Bevölkerung geimpft ist, kehren Kinderlähmung oder Diphtherie nicht zurück oder können sogar endgültig ausgerottet werden. Seit der Öffnung des eisernen Vorhangs drohen zum Beispiel Diphtherie und Hepatitis aus den Staaten des ehemaligen Ostblocks wieder auf Westeuropa überzugreifen. So starben 1994 während einer Diphtherie-Epidemie in der ehemaligen Sowjetunion 1.700 Menschen, in vier Fällen wurde die Krankheit nach Westeuropa verschleppt.

Epidemie II

Globale Risiken

Außerdem können die Kinderlähmung und andere Krankheiten durch ungeimpfte Reisende oder Flüchtlinge aus Drittländern jederzeit wieder eingeschleppt werden. Bis Ende Mai 2010 wurden beispielsweise im zentralasiatischen Tadschikistan 239 Polio-Erkrankungen registriert. Da über eine halbe Million Tadschiken jährlich ins Ausland reisen, kann die Krankheit durchaus auch globale Dimensionen erreichen, in Russland sollen laut Informationen des Deutschen Ärzteblattes bereits erste Fälle aufgetreten sein.

Finanzen

Vorsorge statt Nachsorge

Auch die chronische Geldknappheit im Gesundheitssystem spricht für die Impfung: Ein Impfstoff ist um vieles günstiger als die wochenlange Behandlung von schwer kranken Patienten. Nicht nur die Kosten für Arzt und Medikamente, auch Verdienstausfälle belasten Kassen und Wirtschaft.

Schutz Dritter

Soziale Verantwortung

Ein weiteres Argument greift bei der Röteln-Impfung: Für Kinder ist die Infektion an sich ungefährlich. Erkranken aber Schwangere, kann dies zu schweren Fehlbildungen des ungeborenen Kindes führen. Hier argumentiert die Ständige Impfkommission, dass durch Impfung der Kinder verhindert werden kann, dass sich Schwangere anstecken.

Mehr Allergien durch Impfungen?

Oft wird behauptet, geimpfte Kinder würden mehr Allergien entwickeln. Es gibt auch eine Studie mit afrikanischen Kindern, die darauf hindeutet, dass das überstandene Masern die Wahrscheinlichkeit für Allergien senkt. Andere Studien zeigen jedoch keinen Zusammenhang zwischen frühkindlicher Impfung und späteren Allergien. Gegen einen Zusammenhang spricht der Vergleich mit der Ex-DDR: Dort gab es eine rigoros eingehaltene Impf-Pflicht - trotzdem hatten Kinder in der DDR wesentlich weniger Allergien als ihre Altersgenossen im Westen.

Impfung oft alternativlos

Ob und in welchem Umfang der Nachwuchs geimpft wird, müssen Eltern selbst entscheiden. Zu bedenken ist jedoch, dass die Grundimmunisierung bei den allermeisten Krippen, Horten und Kindergärten mittlerweile eine zwingende Aufnahmevoraussetzung darstellt.


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