Ratgeber - Gesundheit


0

Forschungserfolg Warum manche gegen Aids immun sind

Der Weg scheint vorbestimmt: Ohne Therapie erkranken die meisten HIV-infizierten Menschen an Aids. Doch es gibt Ausnahmen. Warum das so ist, haben Forscher nun herausgefunden. Sie hoffen, dass diese Erkenntnisse die Grundlage für neue Therapien bilden können.

Von: Anne-Kathrin Gebert Stand: 23.12.2010
DNA Helixmodell | Bild: Getty Images

Sie nehmen keine Medikamente und bekommen ihre HIV-Infektion trotzdem in den Griff. Manche Infizierten - genauer gesagt einer von dreihundert - erkranken deutlich später oder überhaupt nicht an Aids, weil die Anzahl der Viren in ihrem Blut gering bleibt. Warum das so ist, zählte bislang zu den größten Rätseln in der HIV-Forschung. Nun hat ein internationales Forscherteam herausgefunden: Bei den Betroffenen aktivieren Erbinformationen ein bestimmtes Eiweiß, das dem Immunsystem HIV-infizierte Zellen zur Bekämpfung anzeigt.

Neues Therapieprinzip:

Auch an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) haben Forscher eine neue Methode entdeckt, das HI-Virus zu bekämpfen. Auch bei ihren Ergebnissen spielt ein Eiweiß eine wichtige Rolle: Das von ihnen entdeckte Eiweiß VIR-576 verhindert, dass das HI-Virus an eine menschliche Zelle andocken kann.

Zwar gibt es schon Medikamente, die genauso funktionieren, doch der neue Ansatz hat zwei große Vorteile: VIR-576 wirkt nicht an oder in der menschlichen Zelle, sondern direkt auf das Virus. Bestimmte Nebenwirkungen können also gar nicht erst auftreten. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit von Resistenzbildungen geringer als bei bisher zugelassenen Medikamenten, da das Eiweiß sich an einen Teil des Virus bindet, der sehr konstant ist.

Die neue Therapie wurde bereits in einer klinischen Studie getestet, ist als Dauertherapie aber noch nicht praktikabel, da das Eiweiß bisher nur als Infusion verabreicht werden kann. Die Forscher erhoffen sich von dem Wirkprinzip auch Fortschritte im Kampf gegen andere Viruserkrankungen wie Masern, Hepatitis C oder Ebola.

Die Wissenschaftler um Florencia Pereyra von der Universität Harvard in Massachusetts haben die Erbinformationen von rund 1.000 sogenannten "HIV Controllern", die das Virus unterdrücken können, mit den Erbinformationen von 2.600 Patienten verglichen, die nach einer HIV-Infektion eine Immunschwäche entwickelt hatten.

Erbanlage hält Erreger in Schach

Das Ergebnis: Die Forscher stießen bei der Analyse des Erbguts auf circa 300 Genvarianten, die es dem Immunsystem ermöglichen, die Zellen zu identifizieren, die von dem Aids-Erreger befallen sind. Sämtliche Erbanlagen liegen auf dem Areal des Chromosoms 6, das die sogenannten HLA-Gene (Human Leukocyte Antigen) beherbergt. Besonders wichtig für die Kontrolle des Hi-Virus sind die Areale für sechs Aminosäuren, die am Protein HLA-B beteiligt sind. Mithilfe dieses Proteins erkennt und zerstört das Immunsystem jene Zellen, die von Viren befallen sind. Dazu bringt HLA-B Bestandteile des Erregers auf die Zelloberfläche, wo sie der Körperabwehr präsentiert werden und den Killerzellen des Immunsystems das Signal zur Zerstörung der infizierten Zelle geben.

Unterschiede im Proteinaufbau

Die Forscher konnten zeigen, dass die Bindungsstelle des HLA-B-Proteins bei den "HIV Controllern" ein bisschen anders strukturiert ist als bei der Vergleichsgruppe mit erkrankten Patienten. Das scheint der Schlüssel dafür zu sein, dass das Protein besser in der Lage ist, infizierte Zellen zu melden. Paul de Bakker erklärt es so:

"Die Aminosäure an der Bindestelle von HLA-B beeinflusst seine Form und Struktur und sorgt wahrscheinlich dafür, dass manche Peptide wirksam präsentiert werden und andere nicht."

Paul de Bakker, Quelle: Science, Online-Vorabveröffentlichung

Ein großer Schritt in der Forschung

Mit Informationen darüber, wie das Immunsystem bei diesen "Controllern" das Virus unterdrückt, hoffen Wissenschaftler neue Therapien oder einen Impfstoff entwickeln zu können.

"Von den drei Milliarden Bausteinen im menschlichen Genom sorgen nur eine Handvoll für den Unterschied zwischen jenen, die trotz einer HIV-Infektion gesund bleiben, und jenen, die ohne Therapie an Aids erkranken. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, daraus eine Therapie für Patienten und eine Schutzimpfung zu entwickeln (...). Aber wir sind jetzt einen bedeutenden Schritt weiter."

Bruce Walker, Leiter des Ragon Institute in Massachusetts, Quelle: Science, Online-Vorabveröffentlichung


0