Ratgeber - Gesundheit


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Wetterfühligkeit Wenn das Wetter krank macht

An einem Tag kühle Regenschauer, am nächsten plötzlich wieder warm: Bei extremen Temperaturschwankungen kommt der Körper oft nicht mit. Kopf und Knochen schmerzen, der Kreislauf spielt verrückt. Jeder zweite Deutsche leidet unter Wetterfühligkeit. Was hilft dagegen?

Stand: 19.03.2015

Frau hält sich die Hand an die Stirn | Bild: colourbox.com

Mehr als die Hälfte aller Deutschen bezeichnet sich als wetterfühlig, ein Fünftel der Bundesbürger gibt sogar an, stark unter dem Wetter zu leiden. Besonders bei stürmischem Wetter und wenn es kälter wird, bekommen viele Kopf- oder Knochenschmerzen.

Die Älteren spüren dabei das Wetter subjektiv stärker als die Jüngeren: In der Altersgruppe der ab 60-Jährigen klagen nahezu 70 Prozent darüber, dass ihnen das Wetter in Knochen und Kopf fährt. Auch Frauen in der Menopause leiden ausgeprochen bei Wetterumschwüngen. Die ersten beiden Tage nach einem Wetterwechsel seien besonders problematisch, so Hanns-Christian Gunga, Physiologe an der Berliner Charité. Er rät Patienten von körperlicher Anstrengung an Wetterwechsel-Tagen ab.

Matt, müde, deprimiert

Die typischen Beschwerden: Narben und Knochenschmerzen, Migräne- und Kopfwehattacken werden häufiger, der Kreislauf spielt verrückt. Der Mensch ist matt, müde, antriebslos, deprimiert oder gereizt.

"Die momentan plausibelste Hypothese ist, dass das Wetter an den Barorezeptoren wirkt - das sind kleine Barometer, die der Mensch im Körper hat, mit denen er solche Druckschwankungen wahrnimmt. Wenn man vorgeschädigt ist, kann es sein, dass diese Signale falsch interpretiert werden und zu schmerzhaften Fehlsteuerungen führen."

Prof. Peter Höppe, Meteorologe und Risikoforscher

Föhn: Eine bayerische Besonderheit

Föhnwetter in den Alpen

Umweltmediziner aus München haben in einer Umfrage festgestellt, dass ein Drittel aller Bürger des Freistaats leidet, wenn es wärmer wird - in den nördlichen Bundesländern dagegen klagen wenige bei Temperaturanstiegen über Beschwerden. In der einen Woche Sonnenschein und Frühlingsgefühle, in der anderen Woche Kälte und Regen - so ein plötzlicher Wetterwechsel macht manchen Münchner krank.

Wetterfühligkeit: Das können Sie dagegen tun

Frische Luft

Gehen Sie an die frische Luft, wann immer es geht und bei jedem Wetter. Besonders gut ist Ausdauertraining, also Wandern, Walken, Joggen, Rad fahren, Spazieren gehen. Sie trainieren durch die Bewegung im Freien nicht nur Ihr Immunsystem, sondern der Körper übt auch die Anpassung an wechselnde Wetterlagen.

Kleidung

Man sollte sich so kleiden, dass man sich leicht kühl fühlt, aber nicht friert. Das trainiert die Thermoregulation des Körpers. Außerdem hilfreich ist jede Art der Abhärtung: Wechselduschen, Kneippsche Anwendungen und regelmäßige Saunabesuche.

Tageszeiten

Wetterfühlige sollten sich einen regelmäßigen Tagesablauf angewöhnen: Weckzeit, Mahlzeiten und Schlafensgehenzeit sollten möglichst immer auf demselben Zeitpunkt liegen.

Schlaf

Zumindest sieben Stunden sollten es sein, und das ab circa 23 Uhr: Regelmäßiger und ausreichender Schlaf kann Wetterfühligkeit lindern. Wer es kann, sollte sich ein kurzes Mittagsschläfchen gönnen, allerdings nicht länger als eine halbe Stunde.

Ernährung

Gesund und regelmäßig essen und das möglichst immer zur selben Zeit.

Genussmittel

Auf Genussmittel sollten Wetterfühlige verzichten: Also nicht rauchen und keinen Alkohol und Kaffee trinken. Oft sind nämlich Nikotin, Alkohol oder Kaffee Ursachen der Kopfschmerzen.

Hausmittel

Melissentee und grüner Tee, Bäder mit Rosmarinöl oder starker Kaffee mit Zitronensaft werden immer wieder als Hausmittel gegen Kopfschmerzen und Wetterfühligkeit empfohlen.

Wetterfrösche auf zwei Beinen

Dass wir auf Wetterwechsel mit körperlichen Beschwerden reagieren, ist eine Folge unseres Lebens in vier Wänden:

"Wetterfühligkeit beruht zu einem großen Teil auf einem Trainingsmangel des ganzen Körpers, der dazu führt, dass sich der Körper an unterschiedliche Wetterlagen nicht mehr schnell genug und vor allem nicht physiologisch richtig, das heißt mit den richtigen körperlichen Abläufen, anpassen kann."

Angela Schuh, Professorin für medizinische Klimatologie an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München in ihrem Buch Biowetter

Beeinflusst das Klima unsere Gesundheit doch nicht?

Wetterfrosch im Glas

Der Mediziner und Physiker Jürgen Kleinschmidt hat am Institut für Gesundheits- und Rehabilitationswissenschaften der LMU München ausführlich zum Zusammenhang von Wetter und Wohlbefinden geforscht. Er und sein Team setzten hunderte Patienten verschiedensten Klimasituationen in einer Klimakammer aus: Migräne- oder Herz-Kreislauf-Beschwerden blieben aber aus. Selbst der alpine Föhn zeigte keinen Einfluss. Kleinschmidt dazu: "Jeder, der in die warme Badewanne steigt, hat erheblich höhere thermische Einflüsse zu verkraften. Wer das aushält, der kann vom Wetter nicht so sehr beeinflusst sein."

Leben gegen den Rhythmus

Wir leben immer stärker gegen unseren Bio-Rhythmus - und das lässt uns leiden:

"Fast alle berufstätigen Menschen, die in Innenräumen tätig sind, haben zwangsläufig zu wenig Tageslicht, was dann zu Beschwerden führen kann. Aber auch ein unregelmäßiges Leben bringt den zirkadianen Rhythmus durcheinander. Selbstverständlich sind Schichtarbeit oder Langstreckenflüge mit Zeitzonenverschiebung ungesund, aber auch die Sommerzeit führt zu einer Entrhythmisierung, was zu Funktionsstörungen und zu Wetterfühligkeit führen oder diese verstärken kann."

Angela Schuh, Professorin für medizinische Klimatologie an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München

Sferics als Auslöser

Regen, Sonnenschein, Kälte, Wärme: Da kann der Kreislauf schon verrückt spielen.

Eine Zeit lang dachte man, Sferics seien die Auslöser der Wetterfühligkeit. Sferics sind schwache elektromagnetische Impulse, die zum Beispiel von Gewittern ausgehen. Für eine Studie der Universität Gießen "beschossen" Forscher Probanden in einer Druckkammer mit diesen elektromagnetischen Wellen, doch selbst Migräne-Patienten entwickelten dabei keine Symptome.

Mit Wechselbädern gegen Schlaffheit

"Gefäßtraining" in der Sauna

Die Medizinerin hat für Wettergeplagte eine eigene Therapie entwickelt. In Garmisch-Partenkirchen lernen Kurgäste in der so genannten "Bioklimatischen Bewegungstherapie" ihre körpereigene Thermoregulation und ihre sportliche Ausdauer zu stärken. Wer einige Regeln beherzigt, muss auf lange Sicht das Wetter nicht mehr so stark fürchten. Sport wie Wandern, Radfahren, Schwimmen gehört dazu ebenso wie "Gefäßtraining" in der Sauna oder bei Kneipp'schen Bädern.

Außerdem hilfreich: raus an die frische Luft, mindestens eine halbe Stunde pro Tag - auch bei schlechtem Wetter. Wer an Wetterfühligkeit leidet, sollte einen gleichbleibenden Rhythmus ins eigene Leben bringen, einen harmonischen Wechsel zwischen Ruhe und Aktivität. Entspannungstechniken zu erlernen kann helfen. Nicht zuletzt: Alkohol und Nikotin meiden, denn diese Genussgifte sind mindestens so häufig Ursache für "starke Wetterfühligkeit" wie das Wetter selbst.


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