Ratgeber - Gesundheit


19

Antibiotika Wenn das Hähnchen zur "Medizin" wird

Noch unkontrollierter als Mediziner gehen Tierzüchter mit Antibiotika um: Nicht nur zur Therapie, sondern auch zur Vorbeugung und Wachstumsförderung verfüttern sie die Medikamente in großen Mengen. Dadurch entwickeln sich in Nutztieren resistente Bakterien, die über die Nahrungskette auch den Menschen gefährden.

Stand: 19.09.2012

Tausende Hühner in einem Stall eines Geflügelmastbetriebes | Bild: picture-alliance/dpa

Seit 2006 dürfen in der Tierzucht keine Antibiotika mehr zur Wachstumsförderung ins Futter gemischt, sondern nur noch als Medizin bei Krankheiten verabreicht werden. Doch die Grenze zwischen Gebrauch und Missbrauch ist fließend: "Überall dort, wo Antibiotika im Futter verboten worden sind, hat man festgestellt, dass die Menge der Antibiotika, die bei Tieren eingesetzt werden, nicht gesunken ist", sagt Experte Tillmann Uhlenlaut vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). "Sie sind halt eben als Medikament verabreicht worden und nicht über das Futter." Der Vorsitzende des niedersächsischen Geflügelwirtschaftsverbandes weist diese Vorwürfe zurück.

Im Arzneimittelgesetz wurde nicht festgelegt, wie viele Antibiotika erlaubt sind. Eine Untersuchung fast aller Hähnchenmastbetriebe in Nordrhein-Westfalen ergab, dass der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist. Mehr als 96 Prozent der Tiere wurden Antibiotika verabreicht.

Verbot - aber nicht überall

In vielen anderen Ländern gibt es noch nicht einmal Einschränkungen. Beispiel USA: Insgesamt 18.000 Tonnen Antibiotika wurden dort im Jahr 2008 verbraucht. 70 Prozent davon gingen an Schweine, Kühe und Geflügel. Und davon wiederum wurden 13 Prozent an gesunde Tiere verfüttert, damit sie schneller wachsen. Deshalb ist Fleisch aus den USA mit Vorsicht zu genießen.

Studie: Resistente Salmonellen und Darmbakterien

Geflügel-Salmonellen sind inzwischen zu 48 Prozent gegen mindestens ein Antibiotikum resistent. Das ergab eine Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung aus dem Jahr 2008. Auch die Darmkeime E.coli und Campylobacter reagieren ähnlich unsensibel auf bestimmte Antibiotika-Wirkstoffe. Das ist besonders bedenklich, wenn diese Stoffe auch beim Menschen verwendet werden.

Folge: Resistenzen bei Menschen

Wer das Fleisch antibiotikaresistenter Tiere isst, kann selbst resistent werden. Besonders häufig passiert dies im Fall von Breitbandantibiotika. Die Folge: Im Krankheitsfall hilft das Antibiotikum nicht mehr. In den Niederlanden verfolgten Mediziner zwanzig Prozent der Infektionen, die durch resistente Staphylokokken tödlich endeten, zu Bakterienstämmen zurück, die von Tieren stammten. Bei Salmonellen-Vergiftungen trägt jeder fünfte Patient widerstandsfähige Erreger.

Um diesem Fall vorzubeugen, gibt es mehrere Möglichkeiten: Entweder man wird Vegetarier oder man verzichtet auf Fleisch aus Mastbetrieben und kauft stattdessen Fleisch aus zertifiziert ökologischer Haltung. Außerdem sollte man Fleisch immer - zum Schutz etwa vor Salmonellen - gut durchbraten.

Antibiotika-Meldepflicht für Pharmabetriebe

Pharmazeutische Unternehmen und Großhändler müssen Ende 2011 ihre jährlichen Verkaufszahlen bestimmter Tierarzneimittel (Antibiotika und Hormone) regional aufgegliedert an ein neues Register melden. Das "Tierarzneimittelregister zur Erfassung von Abgabemengen von Antibiotika in Deutschland" (TAR) sammelt Daten, mit denen erforscht werden soll, wie Antibiotikaresistenzen in der Tiermedizin entstehen.


19